widerrede #5 draussen und online!

titelblatt widerrede5

nevermind the bollocks – here‘s widerrede #5
widerrede mischt auf, mischt sich ein und mischt die karten neu. widerrede, eine zeitschrift, die aufzeigen will, dass zulange geschwiegen, hingeschaut und akzeptiert wurde. widerrede ist ein versuch kontra zu geben und die eigene stimme zu erheben.
wir verlangen weiterhin kein geld für die widerrede und freuen uns über jede solidarische spende!

für kommentare, texte, etc. schreib uns!

Ausgabe April 2012 – Inhaltsverzeichnis

Verlassen wir das sinkende Schiff!

Krieg und Frieden

Ändern wir die Welt…Gemeinsam!

Holger Burner – Klassenkampfrap

Du liebe Zeit

Verlassen wir das sinkende Schiff!

Aufruf des antikapitalistischen kollektiv zürcher oberland (akzo) zum 1. Mai 2012

Nun, es ist jedes Mal dieselbe Leier: „Die Krise ist vorbei!“ verkünden uns die Mächtigen. Und sowieso, wirklich in der Krise sind nur Griechenland, Italien oder Spanien. Wir auf unserer Insel der Glückseligen sind davon verschont, denn wir sind ein einig Volk von Brüdern, welches noch jedes vom Ausland verursachte Übel überstanden hat.

Doch das Bild, welches sich uns bietet, ist ein anderes: Die Tage hier sind kalt, der Wind ist rau. Während in Europa grossen Teilen der Bevölkerung das Wasser bis zum Hals steht, bekommen auch wir langsam nasse Füsse: Längere Arbeitszeiten, Kurzarbeit, Lohnkürzungen, Entlassungen und Sozialabbau werden zur Realität für immer mehr Menschen. Und mit der wirtschaftlichen Situation verschärft sich auch die gesellschaftliche. Es wird gehetzt gegen alles was angeblich nicht hierhin gehört, gegen AusländerInnen, Flüchtlinge, sozial Schwache und auch gegen Menschen, die sich wehren gegen Angriffe auf ihre Rechte und Errungenschaften, namentlich kämpfende Frauen, ArbeiterInnen, StudentInnen oder politische AktivistInnen. Ganz zu schweigen von der Repressionsschraube, die immer weiter angezogen wird, um auch die kleinste unangepasste Regung im Keim ersticken zu können. Dieses Spiel kennen wir nur zu gut und sein Ziel ist klar: Menschen sollen eingeschüchtert, vereinzelt und gegeneinander ausgespielt werden, damit es sich leichter von unten nach oben umverteilen lässt.

In diesem Klima von neoliberalen Krisenbewältigungsprogrammen, rechter Hetze und repressiver Law-and-Order-Politik müssen wir solidarisch zusammenstehen, denn nur gemeinsam können wir diesen Angriffen entgegentreten. Doch machen wir uns nichts vor: Armut, Ausbeutung und Gewalt sind und waren schon immer elementare Bestandteile dieses Systems. Reformistische Pflästerchenpolitik, freundliche Appelle an Staat und Konzerne und verständnisvolle Dialogbereitschaft gegenüber reaktionären HetzerInnen bringen uns keinen Schritt weiter.

Es wird Zeit, das sinkende Schiff zu verlassen, es wird Zeit, den Kapitalismus endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen! Kämpfen wir gemeinsam für eine solidarische und herrschaftsfreie Gesellschaft!

Wir behaupten nicht, ein Patentrezept dafür zu haben, das nur noch darauf wartet, umgesetzt zu werden. Es gilt, Wege zu suchen, Kämpfe zu verbinden und Perspektiven zu entwickeln, wie in den sozialen Kämpfen in Griechenland, den Aufständen in Nordafrika, in den Strassen von London, Rom, Oakland, Madrid und all den unzähligen grossen und kleinen Kämpfen, Aufständen, Revolten und Streiks überall auf der Welt. Für eine andere Welt zu kämpfen ist wie schwimmen zu lernen und wir kommen nicht darum herum, ins Wasser zu springen um zu neuen Ufern aufzubrechen.

Heraus zum 1. Mai!

Krieg und Frieden

Immer wenn sich Menschen wehren und auf die Strasse gehen, gerade auch am 1. Mai, tauchen sie auf, die Aufrufe, doch bitte friedlich zu bleiben und die Distanzierungen von allen, die sich angeblich nicht angemessen verhalten. Wenn nach einer politischen Aktion alles wieder ist wie vorher, war sie friedlich, dann ist der Friede gewahrt. Und das ist ja schliesslich das Wichtigste.

Doch was ist das für ein Friede, wenn am 1. Mai ein ganzes Quartier von Bullen besetzt wird, Hubschrauber am Himmel kreisen, Prügeltrupps und Nazis Jagd auf Andersdenkende und -aussehende machen, mal mit Polizeimarke, mal ohne, ein gewisses Gebiet zur No-Go-Area erklärt wird und dann hunderte von Menschen unter Applaus von Medien und Politik eingekesselt, weggewiesen und verhaftet werden, schlicht weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren?

Was ist das für ein Friede, in dem die „Volksgemeinschaft“ zelebriert und gegen alles gehetzt wird, was nicht reinpasst, sich ganze Dörfer in einen grossen rassistischen Mob verwandeln, Menschen in Lager und Ausschaffungsknäste gesteckt werden, an den Grenzen mit modernster militärischer Technik ein Krieg geführt wird gegen jene, die fliehen vor Armut und Krieg und in Europa ein besseres Leben suchen?

Was ist das für ein Friede, in der Banken und Konzerne mit Milliarden gerettet werden, während die Verluste auf die Bevölkerung abgewälzt werden, über Kurzarbeit, längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, Lohnkürzungen, Entlassungen, Sozialabbau und Rentenkürzungen und Sparprogramme durchgeprügelt werden, welche grosse Teile der Bevölkerung ihrer Existenz berauben?

Was ist das für ein Friede, in dem ganze Landstriche verwüstet werden durch Krieg oder Umweltverschmutzung, in dem Menschen verhungern, weil sie ihrer Ressourcen beraubt, Böden vergiftet oder Grundwasserquellen privatisiert wurden, in dem all die Scheisse passiert, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde, über die wir Dokumentarfilme sehen und dann ohnmächtig vor dem Fernseher sitzen, weil das alles zwar ganz weit weg ist, aber dank all der internationalen Konzerne, Banken, Staatsverträge und Waffengeschäfte doch etwas mit uns zu tun hat?

Wir sehen, das, was sie uns hier als Friede verkaufen wollen, in dem wir uns gefälligst friedlich verhalten sollen, ist in Tat und Wahrheit ein Krieg. Und wenn‘s mal ruhig ist, herrscht Ordnung, für den Frieden müssen wir noch viel kämpfen! Und klar müssen wir uns überlegen, welche Mittel wir wann anwenden, doch dieser Friedens- und Legalitätsbegriff, der nur darauf abzielt, die kapitalistische Ordnung nicht zu stören, kann kein Massstab für unser Handeln sein. Also lasst euch nicht einseifen, spalten und gegeneinander ausspielen! Nur zusammen sind wir stark!

Ob friedlich, ob militant, wichtig ist der Widerstand!

Ändern wir die Welt…Gemeinsam!

Geschichte wird gemacht
Die Welt, in der wir leben, ist das Ergebnis einer langen, verhängnisvollen Geschichte. Eine Geschichte, die nicht zwangsläufig in dieser heutigen Welt enden musste, eine Geschichte, die noch nicht an ihrem Ende angelangt ist. In verschiedenen Gewändern wird uns immer wieder die Lüge aufgetischt, die heutige Gesellschaft ergebe sich nun einmal aus der Natur des Menschen. Diese Argumentation verschleiert, dass es wir Menschen sind, die unser Zusammenleben gestalten. Indem wir handeln oder es unterlassen, machen wir Geschichte. Also können wir auch bewusst eingreifen und für ein Umschwenken sorgen!

Allein machen sie dich ein
Wir Menschen sind dafür verantwortlich, wie unsere Gesellschaft funktioniert oder eben nicht funktioniert, nach welchen Grundlagen wir die Wirtschaft und das Zusammenleben organisieren. Heutzutage leben wir in einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. Jeder ist auf sich gestellt und wir alle werden gegeneinander ausgespielt. Überall stehen wir in Konkurrenz zueinander: Am Arbeitsplatz, in der Schule und auch in der Freizeit. Wir werden in isolierte Atome gespalten, spielen dieses Spiel mit und bringen es dadurch in eine nicht endende Verlängerung. Es liegt an uns, die Umstände zu ändern, die uns das Leben vermiesen. Sei dies nun, dass unser Lohn kaum ausreicht und wir es satt haben, nur als wandelndes Humankapital betrachtet zu werden. Oder aber dass unser Quartier aufgewertet werden soll und unsere Wohnungsmiete das ganze Geld verschlingt, die Behörden uns schikanieren, nur weil wir den falschen Pass besitzen und Rassisten unseren Alltag vergiften. Die Liste liesse sich endlos weiterführen…

Was tun?
Wollen wir diese Welt verändern, müssen wir damit beginnen, aus der Vereinzelung und Isolation auszubrechen. Wir müssen uns organisieren! Die Reichen und Mächtigen haben kein Interesse, dass die Dinge sich ändern. Sie profitieren von dieser Gesellschaftsordnung. Aber wir sind viele und gemeinsam sind wird stark! Wir können die Welt verändern. Also wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?

Solidarität wird praktisch
Während im kapitalistischen Alltag alle in Konkurrenz zueinander stehen, können wir uns in einer politischen Organisation gegenseitig helfen und unterstützen. Indem wir die Verhaltensweisen, Hierarchien und Rollen, die uns diese Gesellschaft aufzwingt, gemeinsam reflektieren und verstehen, schaffen wir einen Raum, den wir nach unseren Regeln gestalten. Dies zeigt sich auf verschiedenen Ebenen: Indem wir Hierarchien erkennen, können wir auf gleicher Augenhöhe diskutieren, so dass jede und jeder sich äussern und einbringen kann. Was wir tun, entscheiden wir zusammen – Chefs und AnführerInnen werden überflüssig, da Wissen und Macht nicht auf einzelne konzentriert, sondern verteilt werden. Weil wir nicht am Konkurrenzdenken orientiert sind, müssen wir uns nicht gegen die anderen durchsetzen oder uns vor den anderen profilieren. Indem wir Geschlechterrollen thematisieren und offenlegen, ermöglichen wir einen anderen, bewussten Umgang miteinander. Eine politische Gruppe ist also ein Versuch eigene Vorstellungen und Werte ins Zentrum des gemeinsamen Handelns zu rücken.

Wissen teilen
Eine politische Organisation – welche Form diese im Einzelnen auch haben mag – vereint das Wissen und die Ressourcen mehrerer Menschen.
Jede und jeder kann seine alltäglichen Erfahrungen und sein Wissen in die Gruppe einbringen. So entsteht ein umfassenderes Bild unserer Lebensumstände. Auch können wir uns gemeinsam neues Wissen aneignen, nicht (nur) um danach etwas klüger zu sein, sondern um dieses entsprechend anzuwenden. Indem wir das eingebrachte Wissen teilen und Neues dazugewinnen, verstehen wir unsere Gesellschaft besser. Wir verstehen, wie sie aufgebaut ist und nach welchen Mustern sie funktioniert. Dies dient uns einerseits als Werkzeug, um zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort zu intervenieren. Andererseits erlaubt uns das gemeinsame Wissen eine neue Perspektive auf die Welt. Ein neuer Blick, der nicht einfach die herrschenden Meinungen der Massenmedien und staatlichen Institutionen reproduziert. Dies ist besonders in der aktuellen Situation wichtig, in der viele altbekannten Vorstellungen hinterfragt werden – beispielsweise bei der aktuellen Wirtschaftskrise. Hier ergeben sich Anschlussmöglichkeiten für unsere Erklärungsansätze, die Menschen motivieren können, ihre Lebensumstände neu zu betrachten, sich gegen die alltäglichen Zumutungen aufzulehnen und ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

Kräfte bündeln
Die verschiedenen Fähigkeiten und Ressourcen können in einer politischen Organisation kollektiv genutzt und koordiniert werden: A schreibt gerne Texte, B kann Plakate und Flyer gestalten, C ist angefressen von Marx&Co, D hat gerade jede Menge Zeit, E wollte schon immer eine Sprayerin sein, F kennt jede Menge Leute, G hat die Möglichkeit umsonst einen Kopierer zu benutzen, H…, I…, J…, K… bis ein ganzes Alphabet entsteht. Mit diesem können wir es wagen, Geschichte zu schreiben. Indem wir uns zusammenschliessen und gemeinsam handeln, bündeln wir unsere Kräfte und stärken uns: Einerseits werden wir als organisierte Gruppe in der Gesellschaft eher wahrgenommen, andererseits kann jedeR einzelne das Gefühl durchbrechen, alleine und isoliert zu sein. Von unserem Wissen ausgehend, handeln wir gemeinsam und tragen die gesammelten Erfahrungen wieder zurück in die Gruppe. Hierdurch können wir unser Handeln gemeinsam reflektieren und die Ergebnisse in unser zukünftiges Handeln einbeziehen. Dies ermöglicht eine kontinuierliche politische Praxis, die zudem stets die Ideen und Meinungen der ganzen Gruppe miteinbezieht. Die Gruppe kann auf die aktuellen Geschehnisse flexibel reagieren und erstarrt nicht in festgefahrenen Mustern.
Die politische Organisation garantiert eine gewisse Kontinuität. Weil das politische Handeln gemeinsam organisiert wird, bricht es nicht ein, wenn eine Person gerade nicht aktiv ist. Gleiches gilt, wenn eine Person von Repression betroffen ist, sei es, dass sie eine Busse erhält, einen Prozess antreten muss oder im Gefängnis sitzt. Die politische Arbeit kann dennoch fortgesetzt werden und die von Repression betroffene Person kann auf die Unterstützung und Solidarität der anderen zählen.

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Umstürze, tiefgreifende Veränderungen und Revolutionen möglich sind. Es mag ein weiter Weg sein. Doch gemeinsam können wir diesen Weg einschlagen. Es ist unsere Entscheidung. Hier und jetzt.
Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt tun!
Befreien wir uns aus der Isolation, kommen wir zusammen und versuchen das Unmögliche!

Holger Burner – Klassenkampfrap

Holger Burner ist ein Politrapper aus Hamburg und des Öfteren auch an Solipartys in der Schweiz anzutreffen. Bisher hat er drei Alben herausgegeben, das Vierte erscheint in den nächsten Wochen. Wir haben ihn in Hamburg getroffen und mit ihm über seine Musik, seine Politik und die Bedeutung des 1. Mai gesprochen.

Um mit einer leichten Frage einzusteigen: Welche Bedeutung steht eigentlich hinter deinem Künstlernamen „Holger Burner“?
Holger Burner war ein sozialdemokratischer Ministerpräsident in dem Bundesland in Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, nämlich Hessen. Ich fand wegen der Bedeutung des Wortes „Burner“, was im HipHop soviel heisst wie „Der kann was, der hat‘s gut drauf“, witzig, ihm den Namen zu klauen uns sozusagen in was Positives zu verwandeln., weil der Typ selber ein ziemlich reaktionäres Arschloch war.

Wann ist Rap in dein Leben gekommen?
Angefangen Musik zu machen hab ich in Freestyle-Sessions, da ich HipHop schon immer die interessanteste Subkultur fand, die ich gelebt habe. Dazu gab es aber noch keine rationale Überlegungen, wie ich das öffentlichkeitswirksam nutzen könnte, sondern da habe ich einfach die Sachen in meine Freestyle-Texte einfliessen lassen, die mich bewegt haben und das waren halt grösstenteils politische Angelegenheiten. Irgendwann kamen Leute auf mich zu und meinten, dass was du sagst, dass sagen wenige, mach doch mal eigene Lieder und gib Auftritte. So kam es dazu, dass ich den Weg eingeschlagen habe, auf dem ich jetzt gehe.

Du scheinst mit deiner Musik einen gewissen Erfolg zu haben. Hast du manchmal Mühe, dass dich so viele Leute kennen?
Ne. Also erstens sind die Leute, die sich in unserem Zusammenhang befinden und die ich kennen lernen kann, angenehm und es ist jeweils sehr schön, aktive Leute zu treffen. Und zweitens ist es ja nicht so, dass auf der Strasse Leute kommen, um zu nerven. Sondern sie quatschen mich an, weil sie was Interessantes mit mir zu besprechen haben.

Gibt es Probleme, dass du nebst deiner Rolle als Musiker auch noch eine Rolle als politischer Aktivist inne hast?
Da gibt es schon Konflikte, gerade zeitlich ist es manchmal schwer. Aber da muss man halt, gerade als Revolutionär, Prioritäten setzen. Wenn eine Sache gerade kampagnenpolitisch wichtiger ist, dann ist die wichtiger, als Musik zu machen. Aber die Organisation, in der ich bin, ist gross genug, um Kampagnen und andere Projekte auch mal ohne mich durchziehen zu können. Andererseits kriegt sie durch mich auch eine politische Plattform, die andere GenossInnen so nicht kriegen würden. Das heisst, diese Rollen ergänzen sich eigentlich eher positiv, als sie sich gegenseitig im Wege stehen.

Wie siehst du denn deine Prioritäten bezüglich deiner politischen Arbeit?
Ich würde sagen im Klassenkampf, ich möchte dies aber auch genauer erklären, da ja Klassenkampf alles ist, was die Gesellschaft mit einem macht. Ich glaube, dass wenn grössere Teile einer Klasse gerade merken, dass etwas schief läuft und darüber unzufrieden sind, ist es die Verantwortung von linken Organisationen, da tätig zu sein und die Themen aufzugreifen. Es darf keinen Organisationskonservatismus geben, der eben nur den Fokus inne hat, für den man sich irgendwann mal entschieden hat. Man muss also da sein, wo sich das Bewusstsein der Leute gerade bewegt.

Und inwiefern geht dein politischer Fokus mit deiner Musik einher?
Die Musik gibt mir die Möglichkeit, bei grösseren Anlässen zu Wort zu kommen, weil man als das, was Andere als „Künstler“ bezeichnen, irgendwie eine grössere Narrenfreiheit hat. Es wird einem weniger schnell das Mikro aus der Hand gerissen, wenn man „zu radikal“ spricht, weil es ja nur Kunst ist. Es entsteht aber natürlich auch die radikalisierende Wirkung, die auch eine Rede hat und kommt auch bei Leuten an, die sich eine Rede nicht wirklich anhören würden.
In einem deiner Lieder sagst du; „Holger Burner, einer der letzten Rebellen“. Erklär das doch mal.
Witzigerweise hab ich die Zeile live geändert in „Holger Burner, einer der ersten Rebellen“, weil ich daran glaube, dass wir mehr werden und irgendwann auch genügend, um mit der Mehrheit der Menschen eine Revolution machen zu können.

Und trotzdem: „Einer der letzten Rebellen“, wie kommt es zu dieser Aussage?
Die 90er-Jahre in denen ich politisiert worden bin, war eine Zeit in der der Kapitalismus und speziell seine neoliberale Ideologie in der totalen Offensive waren. Zu diesem Zeitpunkt war es leider so, dass man politisch gesehen eine Phase lang „überwintern“ musste und ich glaub es kam darauf an, dass unsere Ideen in den Köpfen von ein paar Tausend Menschen überlebten. Ich würde aber sagen, dass hat sich mittlerweile geändert, zur Zeit gibt es eine offenere Bewegung und eine breitere Kapitalismuskritik. Zwar rebellieren die Meisten nicht, doch es kommt ja immer der erste Schritt vor dem Zweiten. Und ich glaub, weil das früher anders war, kam es zu dieser Zeile, weil man ein Teil davon war, der total gegen den gesellschaftlichen Mainstream arbeiten musste. Das muss man zwar im Kapitalismus immer, denn die herrschende Ideologie ist immer die Ideologie der Herrschenden, aber es gibt Phasen, in denen wir das besser können und es gibt Phasen, in denen dies etwas schwieriger war.

Du sagst, die Kritik und die Auseinandersetzung haben die Menschen in den Köpfen, doch sie rebellieren noch nicht. Was würde denn Rebellion deiner Meinung nach bedeuten?
Rebellion kann vieles bedeuten. Es kann bedeuten, dass ich auf eine Demonstration gehe, obwohl ich es mir eigentlich nicht gewohnt bin. Es kann heissen, dass ich meine Arbeit verweigere oder an einem Aufstand auf der Strasse teilnehme. Revolution bedeutet mehr, dass sich die Leute bewusst sind, dass sie das aktuelle System nicht mehr wollen und dass sie sich für eine Alternative einsetzen. Rebellion und Revolution sind für mich schon zwei paar Schuhe und dies hat sehr viel damit zu tun, ob man gerade eine gesellschaftliche Mehrheit darstellt oder nicht.

Wie stehst du zur Militanzfrage?
Die Revolution wird nicht friedlich sein. Aber auf dem Weg zur Revolution stossen viele militante Aktionen den Grossteil der Klasse vor den Kopf. Das hat sich auch historisch gezeigt: Immer wenn die Linke zu terroristischen Massnahmen oder zu Minderheitenbewaffnung griff, ist es unheimlich einfach für den bürgerlichen Staat geworden, die Linke zu kriminalisieren und zu isolieren.

Es naht der erste Mai. Wie sieht denn der erste Mai in Hamburg aus?
Der erste Mai der Gewerkschaften am Morgen ist die letzten Jahre selten von breiten Teilen der Arbeiterschaft genutzt worden. In der Regel ist der 1. Mai eher ritualisiert aber trotzdem ist an diesem Tag Potenzial vorhanden, eine breitere Mobilisierung zu erreichen. In den letzten Jahren gab es leider jeweils auch Nazi-Mobilisierungen ganz in der Nähe, so das Leute am Morgen nicht an dem Umzug dabei sein konnten, sondern halt an Aktionen gegen die Nazis beteiligt waren. Zudem gibt es einen revolutionären ersten Mai, der gerade im letzten Jahr ein zahlenmässiger Erfolg war mit Teilnehmenden im 4stelligen Bereich. Das ist schon eine deutliche Ansage!

Der Umzug im Rahmen des revolutionären ersten Mai ist jeweils bewilligt. Wieso bewilligt die Stadt Hamburg die Demo?
Die Behörden hier tun sich schwer, Umzüge komplett zu verbieten, deshalb schieben sie sie auch oft in entlegenere Quartiere ab oder sie werden vorzeitig beendet. Aber dass sie unseren Umzug nicht bewilligen, kommt eigentlich nicht vor, denn es ist nicht durchsetzbar und es wäre für sie eine noch unkontrollierbarere Situation.

Welches Potenzial siehst du in einem ersten Mai?
Ich glaube, dass wenn sich betriebliche Kämpfe erhöhen, dass sich ein 1. Mai entritualisieren kann und tatsächliche politische Forderungen auf die Strasse getragen werden können. Das Potenzial hierbei liegt darin, dass verschiedene Belegschaften zusammen kommen, die sonst aufgrund der Gewerkschaftsführung immer getrennt gekämpft haben und so die Möglichkeit haben, ihre Kämpfe zusammenzutragen und grosse Solidarität zu verspüren. Das Potenzial des ersten Mai ist also, dass Leute zusammenkommen, die sonst immer nur parallel aktiv waren und spüren, dass es eine Chance für gemeinsame Solidarität und gemeinsame Kämpfe gibt. Dafür ist der 1. Mai einer der wichtigsten Tage im Jahr.

Inwiefern beteiligst du dich am 1. Mai?
Je nachdem in welcher Stadt ich bin, nehme ich dort am revolutionären wie auch am gewerkschaftlichen 1.Mai teil.

Um nochmals auf dich, deine Politik und deine Musik zurückzukommen, eine klassische Frage: Wie siehst du dich in 10 Jahren?
Das kann ich eigentlich nicht sagen, dass hängt davon ab, wie die Klassenkämpfe in den nächsten 10 Jahren verlaufen. Ich glaube, dass Deutschland seinen Sonderweg aus oder schräg an der Krise vorbei, gegen die harten wirtschaftlichen Fakten dieser Welt nicht ewig durchhalten kann. Deshalb denke ich, dass es hier zu Kürzungsorgien kommen wird, zu einem Ende der industriellen Sonderentwicklung, wenn China eigene Autofabriken aufgebaut hat und dass dann Angriffe auf einen breiteren Teil der Klasse geschehen. Das heisst aber auch, dass sich irgendwann mal breitere Teile der Klasse wehren und organisieren werden. Vielleicht hat dann auch politische Musik eine andere Bedeutung, aber ob ich sie dann noch mache, ist auch eine Kapazitätenfrage. Aber grundsätzlich hab ich Lust an dem, was ich tu und würde dies auch noch gerne weiter tun.

Ich danke dir für dieses Gespräch hier im Herzen von Hamburg. Deine abschliessenden Worte?
Leute, die hier oder in der Schweiz Revolutionäre sind, sollten nicht den Fehler machen, nur auf die Entwicklungen innerhalb der eigenen Grenzen zu schauen, sondern dass man weltweit gucken muss, wo sich was bewegt. Ich glaube dieser internationale Blick ist für uns Revolutionäre sehr wichtig.

Mehr zu Holger Burner und seiner Musik auf www.sozialismus.info und Facebook.

Du liebe Zeit

Da habe ich einen gehört
wie er seufzte: »Du liebe Zeit!«

Was heißt da »Du liebe Zeit«?
»Du unliebe Zeit«, muss es heißen

»Du ungeliebte Zeit!«
von dieser Unzeit, in der wir

leben müssen. Und doch
Sie ist unsere einzige Zeit

Unsere Lebenszeit
Und wenn wir das Leben lieben

können wir nicht ganz lieblos
gegen diese unsere Zeit sein

Wir müssen sie ja nicht genau so
lassen, wie sie uns traf

Erich Fried

widerrede #4 draussen und online

titelblatt widerrede4
Die gedruckte Version gibt’s in der KultiBeiz, an Veranstaltungen des akzo und sehr bald auch an anderen einschlägigen Orten. Falls du nicht dahin kommst oder sie an deinem einschlägigen Ort vermisst, schreib einfach eine Mail an widerrede ät gmx punkt ch.

Wir wünschen viel Spass beim Lesen!

Ausgabe Januar 2012 – Inhaltsverzeichnis

Rückblick 2011 (nur im pdf)

Das Recht auf Stadt

Schatzchäschtli (nur im pdf)

Fragen und Antworten (nur im pdf)

Chaoten im Interview – Nr. 1

Chaoten im Interview – Nr. 2

Wahlen und Parlamente – Contra

Wahlen und Parlamente – Pro (folgt…)

Die Befreiung der Tiere – Ein antikapitalistisches Projekt

Kinder, Kinder…

Ausblick 2012 (nur im pdf)

Dress for the moment (nur im pdf)

Das Recht auf Stadt

Was haben kleine Kugeln am Anfang und am Ende von Treppengeländern, zum Beispiel an Bahnhöfen, mit dem Prime Tower zu tun? Der grosse Obelisk, Sinnbild für die Umstrukturierung einer ganzen Stadt und die Skatestopper sind beide Ausdruck ein und desselben Prozesses: Gentrification. In unserem Alltag begegnen wir weiteren solchen Vorgängen, sei es das Haus an der Ecke, das saniert und dann zum doppelten Preis weitervermietet wird, die Beseitigung von Ping-Pong Tischen auf der Bäckeranlage oder neuen Sitzbänken, die statt einer gerade Fläche einzelne Sitzschalen aufmontiert haben damit auch sicher niemand auf die Idee kommt sich dort für eine Nacht hinzulegen. Dies alles und vieles mehr bilden Teil einer Strategie der Aufwertung im ökonomischen Sinne und dabei spielen der kleinen Ökoladen, die Szenekneipe und das Künstleratelier genauso eine Rolle wie Lofts, neue Bürokomplexe oder forcierte Umwandlung von sogenannten Problemquartieren. Sie alle tragen dazu bei, die Stadt als Standort attraktiv zu machen, was sich nicht zuletzt in unsäglichen Slogans wie „Die kleinste Metropole der Welt“ oder „Zurich. World Class. Swiss Made“ ausdrückt. Obschon steigende Mieten und Wohnungsnot mittlerweilen auch in der bürgerlichen Presse Beachtung finden, so dreht sich die Diskussion darum doch meist im Kreis. Wir sind keineswegs so machtlos und auch nicht blosse Opfer dieses Prozesses, wie es uns nur zu oft weisgemacht werden soll.

Gentrifidiwas?
Der wirtschaftliche Strukturwandel im Nachkriegseuropa, in welchem die Industrien in den westlichen Metropolen an Bedeutung verloren und mit dem Aufstieg des Dienstleistungssektors einherging, führte auch zu einer Veränderung der städtebaulichen Politik. In den Zentren fanden sich zunehmend Industriebrachen (z.B. das heutige Zürich West), welche dem Verfall preisgegeben wurden. Mit der Abkehr vom sozialmarktwirtschaftlichen Modell hin zur neoliberalen Ära musste dann auch die Funktion der Stadt überdacht werden. Sie bildet dabei nicht mehr eine Integrationsmaschine, die durch soziale Durchmischung die Klassenantagonismen zu glätten versucht, sondern unterwirft sich dem Diktat der Standortkonkurrenz. Die Stadt selbst wird zu einem Unternehmen, welches versucht, durch einen möglichst attraktiven Standort zahlungskräftige Publika anzulocken. Wo am Anfang vor allem noch ökonomische Abwägungen standen (z.B. Sachzwänge aus fehlenden Steuereinnahmen durch die Abwanderung der Industriebetriebe) kam zunehmend der Ruf nach Visionen, nach „Grösse“ auf („Little Big City“). Dabei ging es nicht mehr bloss darum, Raum für Bürokomplexe frei zu machen, sondern diesen auch den „neuen Klassen“ anzupassen: Es entstanden und entstehen neben diesen Arbeitsstätten auch Shopping-, Entertainment- und Apartmentareale. Doch diesen neuen Räumen fehlt etwas, sie sind von einer Leere erfüllt. So etwa Neu-Oerlikon: Zwar haben die Gestalter bewusst auch Plätze und Parks geschaffen, diese sind jedoch kaum belebt und wenn doch, dann nicht von Leuten die dort verweilen, sondern von jenen aus den umliegenden Büros. Die Aufenthaltsmöglichkeiten, die an diesen Orten geboten werden, sind durch und durch kommerzialisiert: Die Bänke, die es gibt um sich niederzulassen, gehören zu den anliegenden Restaurants und Cafés – wer bleiben will, muss zahlen.

Dieses Manko ist nun auch den StadtplanerInnen bewusst, doch eine Gegenstrategie wurde schnell gefunden: Aufwertung und Belebung kann durch Off- und Subkultur erfolgen. Hierzu wurde gleich noch eine neue Klasse erfunden – die „creative class“. Jungen Künstlern, Szenis/Hippster und Alternativen werden Räume gewährt um so „Problemquartiere“ zu „entschärfen“, sprich sie aufzuwerten, um den Standortwert des urbanen Raumes jenseits des ökonomischen Kalküls weiter zu erhöhen. Sinnbild für diese Entwicklung ist dabei das Langstrassenquartier. Auf der einen Seite werden durch unverdeckte polizeiliche Repression unliebsame Personenkreise aus dem Quartier verdrängt, z.B. durch die oben angesprochenen Mittel der Auflösung von Aufenthaltsmöglichkeiten, andererseits aber auch durch „die Verbesserung des Angebots und der Art der Gewerbebetriebe“ mithilfe von „Gewerbemarketing und Kulturauftritte“ (Polizeidepartement Stadt Zürich 2012). Kleinen kreativen Betrieben, eben dem Bioladen oder der Szenekneipe, kommt dabei die Vorreiterrolle zu. Mit ihnen vollzieht sich ein Wandel im Quartier: Neue Bevölkerungsschichten drängen hinein und verdrängen dadurch automatisch auch andere, prekarisierte Schichten (MigrantInnen, Arbeitslose, Arme, Alte, etc.). Diese Umstrukturierung mündet dabei aber meist im Rausschmiss der Creative Class selbst: Irgendwann können auch sie nicht mehr mit der Mietpreisentwicklung mithalten und müssen sich neue Nischen suchen – eindrücklich zu sehen im Zürcher Seefeld. Diese „Belebung“ und Aufwertung durch die Nutzbarmachung von Subkulturen ist dabei aber lediglich Fassade. Es geht nicht darum, „Problemquartiere“ zu entschärfen – die Probleme, von der Stadt und der Gesellschaft selbst geschaffen, werden weggedrängt – sondern um die Vermarktung und Privatisierung von öffentlichem Raum. Neue Absatzmärkte werden geschaffen, einerseits durch eine Bewirtschaftung des Subkulturellen (Wann gab‘s zuvor schon so viele Trendlokale in Zürich?), andererseits aber vor allem durch die Verwandlung von ganzen Strassen und Plätzen in Einkaufsmeilen. Der nonkonformistische Schein dieser soften Aufwertung durch Künstler, Szenis und Alternativen ist einerseits selbst von ökonomischen Überlegungen geprägt, dient andererseits aber vielmehr auch als Kompensation für die verstärkte Segregation der Städte und prägt den Wandel hin zur „Image City“.

Dabei können wir uns als Linke nicht aus der Verantwortung nehmen. Zu oft haben wir uns selbst zu HelfershelferInnen gemacht, sogar durch Projekte, die eigentlich gegen eine solche Stadtentwicklung gerichtet sind („Ein jedeR Zürcher Szeni, resp. Hippster, der/die was auf sich hält sollte zumindest ab und zu in einem besetzten Haus verkehren“). Kulturzentren (z.B. die Rote Fabrik) sind längst nicht nur anerkannte Partner in der städtischen Politik, sondern können dazu beitragen, die Einzigartigkeit des Standorts hervor zu streichen und liefern so einen Beitrag zum Selbstvermarktungs-Portfolio der Stadt. Dennoch gilt es zu verstehen, dass nicht der Bioladen an der Ecke und auch nicht all die Hippster mit ihren Fixie-Bikes und Kunstmappen die Verantwortlichen sind, sondern dass es sich um eine Form des Klassenkampfes von Oben handelt, in welchem das zahlungskräftige Bedürfnis nach Wohnraum der neuen Mittel- und Oberschicht zur Erklärung von Aufwertung und Verdrängung alleine nicht ausreicht, sondern nur die Verschränkung von privaten und öffentlichen Interessen, sprich von Kapital und Politik.

Gegenstrategien
Was kann angesichts der immensen Fähigkeit der Vermarktung von Sub- und Offkultur zu Aufwertungszwecken noch gegen diese Prozesse gemacht werden? Sollen wir nun nicht mehr im Bioladen einkaufen gehen und jeden Monat die Scheiben im Hippster-Café einschmeissen? Es gibt viele Punkte an welchen wir ansetzen können, gerade auch wenn wir nach Berlin oder Hamburg schauen. Es ist möglich, sich durch direkte Aktion gegen die Umstrukturierung im Kiez zu wehren, etwa wenn die neuen Car-Lofts leer bleiben, da die Wagen der Besitzer immer wieder mal einen Feuerschaden von sich tragen oder aber auch durch breitere Bündnisse, gerade unter Mitarbeit von BewohnerInnen und den VorreiterInnen der Aufwertung (den KünstlerInnen und Hippstern), welche sich aktiv gegen die Instrumentalisierung durch die städtebauliche Politik stellen, wie es etwa im Hamburger Gängeviertel geschehen ist. In diesem Sinne, wer nicht darauf warten will, bis auch bei ihr oder ihm die Gentrifizierer an die Türe klopfen, der sollte mal in die Gänge kommen.



Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (45)
  2. android-app: (3)