Chaoten im Interview – Nr. 1

Hallo Hans Gut. Danke, dass du dir für ein kleines Interview Zeit nimmst. Möchtest du dich kurz vorstellen?
Ich bin Hans Gut.

Gerne spreche ich mit dir über den 17. September 2011 und die darauf folgende Zeit. Kannst du die Leser darüber aufklären, was es mit diesem Datum auf sich hat?

Dazu möchte ich gerne aus dem Beobachter vom 26. Beobachter 2011 vorlesen:
„Christine Meier stand gegen ein Uhr nachts mit einem Kollegen am Neumühlequai und beobachtete über die Limmat hinweg, wie Randalierer vor dem rund 100 Meter entfernten Hauptbahnhof ein Tramhäuschen demolierten. 20 Minuter später wurde sie mit Wasserwerfern Richtung Platzspitz getrieben wo sie von beiden Seiten eingekesselt und danach verhaftet worden ist – wie Dutzende anderer Jugendlicher auch.“

Wie kam es dazu?
Wenn du mit „dazu“ meinen Aufenthalt am Neumühlequai meinst, so hängt es damit zusammen, dass es schon gegen 12 Uhr war und ich mich schon den ganzen Abend in der Umgebung des Centrals aufgehalten habe. Wenn du die Demolierung des Tramhäuschens meinst, so sind es sicherlich viele verschiedene und teils persönliche Gründe, die dazu führten, dass dies geschah. Wenn du meinst, warum die Menschen von einem Wasserwerfer auf die andere Seite getrieben wurden, so war es sicherlich mit dem Ziel, auch diese Leute zu verhaften. Wenn du meinst, warum es zu den Verhaftungen kam, so gibt es viele Gründe. Und wenn du willst, kann ich gerne tiefer auf die einzelnen Punkte eingehen.

Dann erzähl mir doch bitte, warum du dich beim Central aufgehalten hast.

Einerseits kam ich im Sommer in Kontakt mit einer Szene, die an Wochenenden an mehr oder wenigen abgelegenen Orten, wo es kaum jemanden stört, ihre illegalen Parties feiert. Diese wurde gegen Ende des Sommers vermehrt von der Polizei gestört. Ihr Vorwand war dann die Störung der Anwohner und ihr Vorgehen äusserst unangemessen und gewalttätig. Und dies obwohl diese Szene auf keinerlei Konflikte aus ist, wenn auch nur ein Patroullie vorbei fuhr, wurde meisst die Musik und das Licht ausgestellt und fast alle waren mucksmäuschenstill. Weiter unterscheideten sich diese Parties darin von den Anderen, dass sie keinerlei kommerzielle Absichten verfolgten. Überaus beachtenswert war auch die friedliche Stimmung, so wurde ich nie in einen Konflikt verwickelt, oder hätte auch nur einen beobachtet. So kannte ich es von keiner unpolitischen Szene bis anhin.
Andererseits waren es auch weitere, klar politische Gründe, die mich an jenem Abend zum Central führten.
Wie siehst du denn die genannte Demolierung des Tramhäuschens? Was sind das für Menschen und warum machen sie das?
Wie gesagt sind es sicherlich verschiedene Menschen mit verschiedenen Beweggründen. Ich bin an diesem Abend den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Die Gäste waren durchmischter als an jedem Züri-Fäscht oder jeder Street-Parade. Zurück zu den Sachbeschädigungen: Es muss beachtet werden, dass ich auch in dieser Nacht, mit einer kleinen Ausnahme, keine Gewalt zwischen den Jugendlichen oder auch gegenüber Passanten beobachtet habe. Einzige Ziele waren die Polizei, nachdem diese ihren Eingriff starteten, Öffentliche Gebäude / Gegenstände und in kleinem Mass privates Eigentum. Wobei die Wut auf die Polizei sicherlich der grösste Nenner ist, was ja auch kaum jemanden verwundern wird. Dass man sich für ein „Allgemeingut“, wie ein Tramhäusschen entscheidet, erkläre ich mir damit, dass die Allgemeinheit dabei auch zu Schaden kommt. Man richtet die Gewalt damit indirekt gegen die Gesellschaft. Die Gesellschaft und den Staat, die einem in so vielen positiven Entwicklungen abseits ihrer Vorstellungen behindert. Vielen Leuten wird dies nicht bewusst sein, doch wenn sie vor sich Kiosk und ein Tramhäuschen hätten, würden sie sich wohl für die Verwüstung des Tramhäusschens entscheiden. Man muss aber auch bedenken, dass die Sachbeschädigungen erst begangen wurden, als man merkte, dass man den Angriff der Polizei nicht abwehren kann. Und zu guter Letzt kommt sicherlich auch noch ein gewisser Reiz am Verbotenen, etwas womit man sich in seinem Umfeld aufspielen kann. Doch wie kommt es zu dieser Einstellung? Schliesst sich dabei nicht wieder der Kreis zu „unserer“ Gesellschaft?

Warum wurdest du verhaftet?
Verhaftet wurde ich ganz klar zur Einschüchterung, zur Unterbindung und Ahndung der „Taten“. Denn dies haben ja auch die Medien gefordert und besonders zufrieden war die Polizei ja auch nicht nach der „Niederlage“ eine Woche zuvor am Bellevue. Die Haft und vor allem auch den schlechten Umgang mit den Jugendlichen begründeten die meisten Polizisten auch als eine solche. Es wurde provoziert, beleidigt und verzögert, wo man nur konnte und schlussendlich kam es sogar in den einzelnen Gefangenentransportwagen zu rassistischen Beleidigungen.

Das Interview neigt sich leider schon dem Ende zu. Wärst du bereit, dich ein weiteres Mal mit mir zu treffen?
Durchaus, jetzt wird es gerade erst richtig spannend.

Das denke ich auch. Könntest du dem Leser einen kurzen Überblick über die darauf folgende Zeit geben, damit sie Fragen an dich richten können?
Nach meiner Verhaftung war ich für fast zwei Wochen in Untersuchungshaft und erhielt schlussendlich einen Strafbefehl wegen Landfriedensbruch.

Vielen Dank für das Gespräch, die Leser können ihre Fragen gerne auf widerrede@gmx.ch einsenden.