Chaoten im Interview – Nr. 2

Als Mitglied des SB hast du dich an den Ausschreitungen beteiligt. Worum ging es dir dabei?
Ich bin nun seit 2 Jahren stolzer Besitzer einer Member-Card des Schwarzen Block Sektion Fehraltorf. Diese musste ich mir hart erarbeiten: eine strenge Prüfung und eine harte Probezeit gingen der Mitgliedschaft voraus. Schliesslich wurde ich nach einem Initiationsritual in ihre Reihen aufgenommen…..Quatsch. Es gibt keine Gruppierung Schwarzer Block! Das ist eine Konstruktion der Medien und der Justiz. Aber es gibt Leute, welche die Konfrontation mit der Polizei auf der Strasse bewusst als einen Teil ihrer politischen Aktivität sehen. Das heisst, den eigenen Widerstand nicht da enden zu lassen, wo der Staat und seine Gesetze uns die Schranken zu setzen versuchen. Dass wir der Polizei auch handfesten Widerstand entgegenbringen, widerspiegelt die konsequente Infragestellung des Staates und seines Gewaltmonopols. Wir haben uns dazu entschieden, es nicht zu akzeptieren, dass der Staat und die Wirtschaft über unser Leben bestimmen, wir wehren uns dagegen. Auch wenn diese Unruhen nur einen Teil der Bevölkerung mobilisieren, tragen sie dennoch bereits den Keim einer Perspektive in sich. Die herkömmliche Machtverteilung wird im Moment der Ausschreitungen bewusst missachtet. Ich denke, sich zu wehren, ist der erste Schritt, um eine andere Welt zu erkämpfen. Mobilisierungen auf der Strasse spielen hierfür eine wichtige Rolle. Das Beispiel der Aufstände im Norden Afrikas zeigt: ohne Demonstrationen wären die Regimes niemals gestürzt worden.

Du sprichst von politischer Aktivität. Tatsache ist doch, dass es euch schlicht um blinde Zerstörung geht…

Blinde Zerstörung sehe ich viel mehr in den Schäden, welche die Wirtschaft in der Natur anrichtet oder in der Verkümmerung, den psychischen Schäden, die diese Gesellschaft in uns Menschen bewirkt. Einzelne Menschen handeln im Bereich der Wirtschaft oder der etablierten Politik rational: ein Manager muss sicherstellen, dass „sein“ Unternehmen Gewinn erwirtschaftet und maximiert. Diese individuellen Handlungen sind in ihrer Gesamtheit aber zutiefst irrational, dienen nicht dem Wohle der Menschen, sondern funktionieren nach Prinzipien wie Profitmaximierung und Machterhaltung. Die Ausschreitungen zielen auf diese Ordnung ab. Mal direkter mal weniger. Grundsätzlich ist es ein Ausdruck, dass etwas nicht stimmt, dass diese Gesellschaft Risse in sich trägt, dass sie auf Widersprüchen aufbaut und daher nicht stabil sein kann. Es wird behauptet, Chaoten hätten blind alles kurz und klein geschlagen. Schaut man sich an, worauf sich die Wut richtete, ergibt sich ein anderes Bild: Angegriffen wurden in erster Linie die Bullen. Sachbeschädigungen, also Angriffe auf Gebäude, etc. gab es nicht so viele. Angegriffen wurde da die NZZ, Mobilzone (Geldgeber der SVP), McDonalds, Luxusgeschäfte. Mit blinder Zerstörungswut hat das nicht viel zu tun.

Wer beteiligte sich an diesen Protesten/Ausschreitungen?

Es waren sehr unterschiedliche Leute, die sich die Strasse nahmen. Es war eine bewusste Entscheidung, die Partys in der Innenstadt zu veranstalten, sich den öffentlichen Raum zu nehmen. Hier wird auch klar, dass es sich dabei um politische Aktionen handelte. Das Ziel war etwas zu kommunizieren, zu zeigen, dass wir mit der aktuellen Entwicklung nicht einverstanden sind. Was im Einzelnen kritisiert wurde, respektive ausschlaggebend war, um sich an diesen Protesten zu beteiligen, mag sehr unterschiedlich sein. Ich denke, dass eine Ablehnung des Bestehenden und der Wunsch nach etwas Neuem diese Menschen vereinte. Das Besondere ist, dass sich diese Ablehnung und diese Wünsche kollektiv äusserten. Das ist der Weg, den wir gehen müssen: erkennen, was uns vereint, welche gemeinsame Interessen wir haben und lernen diese Interessen gegenüber den Mächtigen durchzusetzen.