Das Recht auf Stadt

Was haben kleine Kugeln am Anfang und am Ende von Treppengeländern, zum Beispiel an Bahnhöfen, mit dem Prime Tower zu tun? Der grosse Obelisk, Sinnbild für die Umstrukturierung einer ganzen Stadt und die Skatestopper sind beide Ausdruck ein und desselben Prozesses: Gentrification. In unserem Alltag begegnen wir weiteren solchen Vorgängen, sei es das Haus an der Ecke, das saniert und dann zum doppelten Preis weitervermietet wird, die Beseitigung von Ping-Pong Tischen auf der Bäckeranlage oder neuen Sitzbänken, die statt einer gerade Fläche einzelne Sitzschalen aufmontiert haben damit auch sicher niemand auf die Idee kommt sich dort für eine Nacht hinzulegen. Dies alles und vieles mehr bilden Teil einer Strategie der Aufwertung im ökonomischen Sinne und dabei spielen der kleinen Ökoladen, die Szenekneipe und das Künstleratelier genauso eine Rolle wie Lofts, neue Bürokomplexe oder forcierte Umwandlung von sogenannten Problemquartieren. Sie alle tragen dazu bei, die Stadt als Standort attraktiv zu machen, was sich nicht zuletzt in unsäglichen Slogans wie „Die kleinste Metropole der Welt“ oder „Zurich. World Class. Swiss Made“ ausdrückt. Obschon steigende Mieten und Wohnungsnot mittlerweilen auch in der bürgerlichen Presse Beachtung finden, so dreht sich die Diskussion darum doch meist im Kreis. Wir sind keineswegs so machtlos und auch nicht blosse Opfer dieses Prozesses, wie es uns nur zu oft weisgemacht werden soll.

Gentrifidiwas?
Der wirtschaftliche Strukturwandel im Nachkriegseuropa, in welchem die Industrien in den westlichen Metropolen an Bedeutung verloren und mit dem Aufstieg des Dienstleistungssektors einherging, führte auch zu einer Veränderung der städtebaulichen Politik. In den Zentren fanden sich zunehmend Industriebrachen (z.B. das heutige Zürich West), welche dem Verfall preisgegeben wurden. Mit der Abkehr vom sozialmarktwirtschaftlichen Modell hin zur neoliberalen Ära musste dann auch die Funktion der Stadt überdacht werden. Sie bildet dabei nicht mehr eine Integrationsmaschine, die durch soziale Durchmischung die Klassenantagonismen zu glätten versucht, sondern unterwirft sich dem Diktat der Standortkonkurrenz. Die Stadt selbst wird zu einem Unternehmen, welches versucht, durch einen möglichst attraktiven Standort zahlungskräftige Publika anzulocken. Wo am Anfang vor allem noch ökonomische Abwägungen standen (z.B. Sachzwänge aus fehlenden Steuereinnahmen durch die Abwanderung der Industriebetriebe) kam zunehmend der Ruf nach Visionen, nach „Grösse“ auf („Little Big City“). Dabei ging es nicht mehr bloss darum, Raum für Bürokomplexe frei zu machen, sondern diesen auch den „neuen Klassen“ anzupassen: Es entstanden und entstehen neben diesen Arbeitsstätten auch Shopping-, Entertainment- und Apartmentareale. Doch diesen neuen Räumen fehlt etwas, sie sind von einer Leere erfüllt. So etwa Neu-Oerlikon: Zwar haben die Gestalter bewusst auch Plätze und Parks geschaffen, diese sind jedoch kaum belebt und wenn doch, dann nicht von Leuten die dort verweilen, sondern von jenen aus den umliegenden Büros. Die Aufenthaltsmöglichkeiten, die an diesen Orten geboten werden, sind durch und durch kommerzialisiert: Die Bänke, die es gibt um sich niederzulassen, gehören zu den anliegenden Restaurants und Cafés – wer bleiben will, muss zahlen.

Dieses Manko ist nun auch den StadtplanerInnen bewusst, doch eine Gegenstrategie wurde schnell gefunden: Aufwertung und Belebung kann durch Off- und Subkultur erfolgen. Hierzu wurde gleich noch eine neue Klasse erfunden – die „creative class“. Jungen Künstlern, Szenis/Hippster und Alternativen werden Räume gewährt um so „Problemquartiere“ zu „entschärfen“, sprich sie aufzuwerten, um den Standortwert des urbanen Raumes jenseits des ökonomischen Kalküls weiter zu erhöhen. Sinnbild für diese Entwicklung ist dabei das Langstrassenquartier. Auf der einen Seite werden durch unverdeckte polizeiliche Repression unliebsame Personenkreise aus dem Quartier verdrängt, z.B. durch die oben angesprochenen Mittel der Auflösung von Aufenthaltsmöglichkeiten, andererseits aber auch durch „die Verbesserung des Angebots und der Art der Gewerbebetriebe“ mithilfe von „Gewerbemarketing und Kulturauftritte“ (Polizeidepartement Stadt Zürich 2012). Kleinen kreativen Betrieben, eben dem Bioladen oder der Szenekneipe, kommt dabei die Vorreiterrolle zu. Mit ihnen vollzieht sich ein Wandel im Quartier: Neue Bevölkerungsschichten drängen hinein und verdrängen dadurch automatisch auch andere, prekarisierte Schichten (MigrantInnen, Arbeitslose, Arme, Alte, etc.). Diese Umstrukturierung mündet dabei aber meist im Rausschmiss der Creative Class selbst: Irgendwann können auch sie nicht mehr mit der Mietpreisentwicklung mithalten und müssen sich neue Nischen suchen – eindrücklich zu sehen im Zürcher Seefeld. Diese „Belebung“ und Aufwertung durch die Nutzbarmachung von Subkulturen ist dabei aber lediglich Fassade. Es geht nicht darum, „Problemquartiere“ zu entschärfen – die Probleme, von der Stadt und der Gesellschaft selbst geschaffen, werden weggedrängt – sondern um die Vermarktung und Privatisierung von öffentlichem Raum. Neue Absatzmärkte werden geschaffen, einerseits durch eine Bewirtschaftung des Subkulturellen (Wann gab‘s zuvor schon so viele Trendlokale in Zürich?), andererseits aber vor allem durch die Verwandlung von ganzen Strassen und Plätzen in Einkaufsmeilen. Der nonkonformistische Schein dieser soften Aufwertung durch Künstler, Szenis und Alternativen ist einerseits selbst von ökonomischen Überlegungen geprägt, dient andererseits aber vielmehr auch als Kompensation für die verstärkte Segregation der Städte und prägt den Wandel hin zur „Image City“.

Dabei können wir uns als Linke nicht aus der Verantwortung nehmen. Zu oft haben wir uns selbst zu HelfershelferInnen gemacht, sogar durch Projekte, die eigentlich gegen eine solche Stadtentwicklung gerichtet sind („Ein jedeR Zürcher Szeni, resp. Hippster, der/die was auf sich hält sollte zumindest ab und zu in einem besetzten Haus verkehren“). Kulturzentren (z.B. die Rote Fabrik) sind längst nicht nur anerkannte Partner in der städtischen Politik, sondern können dazu beitragen, die Einzigartigkeit des Standorts hervor zu streichen und liefern so einen Beitrag zum Selbstvermarktungs-Portfolio der Stadt. Dennoch gilt es zu verstehen, dass nicht der Bioladen an der Ecke und auch nicht all die Hippster mit ihren Fixie-Bikes und Kunstmappen die Verantwortlichen sind, sondern dass es sich um eine Form des Klassenkampfes von Oben handelt, in welchem das zahlungskräftige Bedürfnis nach Wohnraum der neuen Mittel- und Oberschicht zur Erklärung von Aufwertung und Verdrängung alleine nicht ausreicht, sondern nur die Verschränkung von privaten und öffentlichen Interessen, sprich von Kapital und Politik.

Gegenstrategien
Was kann angesichts der immensen Fähigkeit der Vermarktung von Sub- und Offkultur zu Aufwertungszwecken noch gegen diese Prozesse gemacht werden? Sollen wir nun nicht mehr im Bioladen einkaufen gehen und jeden Monat die Scheiben im Hippster-Café einschmeissen? Es gibt viele Punkte an welchen wir ansetzen können, gerade auch wenn wir nach Berlin oder Hamburg schauen. Es ist möglich, sich durch direkte Aktion gegen die Umstrukturierung im Kiez zu wehren, etwa wenn die neuen Car-Lofts leer bleiben, da die Wagen der Besitzer immer wieder mal einen Feuerschaden von sich tragen oder aber auch durch breitere Bündnisse, gerade unter Mitarbeit von BewohnerInnen und den VorreiterInnen der Aufwertung (den KünstlerInnen und Hippstern), welche sich aktiv gegen die Instrumentalisierung durch die städtebauliche Politik stellen, wie es etwa im Hamburger Gängeviertel geschehen ist. In diesem Sinne, wer nicht darauf warten will, bis auch bei ihr oder ihm die Gentrifizierer an die Türe klopfen, der sollte mal in die Gänge kommen.