Die Befreiung der Tiere – ein antikapitalistisches Projekt

Unsere Kultur will einen grossen Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmachen. Diesen gibt es auch, genau wie es auch Unterschiede zwischen allen verschiedenen Tierarten gibt. Beziehen wir uns in dieser Frage jedoch nicht auf körperliche oder geistige Wesensmerkmale und lassen wir auch die ethisch-moralischen Denkgebäude weg, welche der Mensch im Umgang mit den verschiedenen Tierkategorien hat (Milchkühe, Wildtiere, Versuchstiere etc.), sondern richten unseren Blick auf die historische Differenz innerhalb der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, stellt sich heraus, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier bloss ein gradueller ist.

Idealismus und Materialismus
1975 definierte der Philosoph Peter Singer in seinem Buch Animal Liberation den Begriff Speziesismus als eine Haltung des Menschen gegenüber den Tieren. Seiner Definition zu folge handelt es sich beim Speziesismus um ein Vorurteil bzw. um eine Diskriminierung gegenüber den nicht-menschlichen Arten. Der Mensch habe aufgrund dessen damit begonnen, Tiere auszubeuten und zu vernutzen.

Diese rein ideologische Auffassung der Mensch-Tier-Problematik wirkte nachhaltig. Nach wie vor beziehen sich die meisten Leute, auch viele Antispeziesisten, auf diese Konklusion und versuchen, wenn überhaupt, Lösungen zu dieser Problematik allein über die Bewusstseinsebene der Menschen herbeizuführen. Ihre Referenzpunkte sind dabei vor allem moralistische Überlegungen im individuellen Umgang mit Tieren.

Dieser Ansatz ist aus einer materialistischen Weltauffassung heraus kritikwürdig und irreführend. Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaftsverhältnisse sind keine Ideen einzelner Leute, sondern Handlungen gesellschaftlicher Praxis. Wir beuten Tiere nicht aus, weil wir moralisch falsch denken und Tiere für niedriger halten, sondern dieses Denken entspringt der ökonomischen Basis auf welcher die Gesellschaft aufbaut. Speziesismus beschreibt somit das materielle Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren und die daraus resultierende Ideologie, mit der es legitimiert wird.

Die theoretische Grundlage, dass das Bewusstsein durch das gesellschaftliche Sein – und nicht umgekehrt – bestimmt wird, liefert uns einer der „Gründungsväter“ des historischen Materialismus. Friedrich Engels schreibt dazu im Anti-Dühring:

„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, S.248/249)

Engels Darlegung betrifft gegenwärtig die inhumane kapitalistische Industriegesellschaft, welche es im Zuge einer sozialen Revolution zu transformieren gilt. In unserer Geschichte einer missglückten Zivilisation spielen Tiere aber genauso eine grosse Rolle wie ihre Schlachter, die Menschen. Max Horkheimer zeigt dies anhand seines Aphorismus Der Wolkenkratzer. Darin beschreibt er den kapitalistischen Gesellschaftsbau, wo ganz oben die Grosskapitalisten und ihre politischen Handlanger die schöne Aussicht auf den Sternenhimmel geniessen, gefolgt von Militärs, der Bildungselite und den Bürochefs, weiter unten die Bauern und Handwerker, das Proletariat, die Armen, Kranken und Alten. Doch, so Horkheimer, „darunter beginnt erst das eigentliche Fundament des Elends, auf dem sich dieser Bau erhebt. […] Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis (=Tagelöhner) der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiss, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.“ (Horkheimer, S. 379 f)

Es ist wohl kein Zufall, dass sich die brutale Ausbeutung und die Gewalt an Tieren in Horkheimers metaphorischem Beschrieb im düsteren Keller abspielen. Ganz nach Brechts „Die im Dunklen sieht man nicht“ (Dreigroschenoper). So ist man auch in der momentanen gesellschaftlichen Formation bestrebt, dieses produzierte Leid und diese Gräueltaten wann und wo auch immer zu verstecken, zu verschleiern oder schönzureden, was sich schlussendlich in einer klassischen Ideologie, also in einem notwendig falschen Bewusstsein, ausdrückt. Horkheimer bricht damit, indem er die Tiere quasi als (untersten) Teil der Klassenverhältnisse sieht und er sie dabei neben den Menschen mit zu den befreienden Subjekten zählt. Horkheimers empathische Begegnung mit den Tieren, ihre (An)erkennung als unterdrückte Wesen, ist von historischer und soziologischer Bedeutung. Als Marxist begreift er, dass Tiere innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses bloss Ware, Arbeitsgegenstand oder Produktionsmittel sind und somit als geknechtete und ausgebeutete Wesen, wie die arbeitenden Menschen und die Erde, durch ihre Untergrabung, die Springquelle alles Reichtums sind (MEW 23, S. 530). Den Tieren, mit ihrem „Trieb zur Flucht, die [ihnen] abgeschnitten ist“ (DdA, S. 262), ist es jedoch nicht möglich, das „Licht der Vernunft“ (Ebd.) zu erblicken und sich dem Klassenkampf anzuschliessen. Im Kampf um unsere Befreiung sind Tiere daher auf die menschliche Solidarität im Kampf um ihre Befreiung angewiesen.

Solidarität mit dem quälbaren Körper
Der Mensch als Tier stellt sich als Nicht-Tier vor. Diesen Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt gilt es aufzulösen. Der Mensch, der sich zur Naturbeherrschung von der Natur los löst, muss dafür seine innere Natur beherrschen. Die Selbstzähmung ist Bedingung für Zivilisation und „Zivilisation ist der Sieg der Gesellschaft über die Natur, der alles in blosse Natur verwandelt“. (DdA, S. 195) Dies schliesst auch die Herrschaft über die Tiere und damit ihre moderne Zurichtung zur reinen Ware mit ein. „Jedes Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äusseren Natur, der menschlichen und der nichtmenschlichen, teilzunehmen, sondern muss, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen.“ (KiV, S. 110f) Dies bedeutet vor allem auch, die Fähigkeit, das Leiden anderer nachzuempfinden, zu unterdrücken um sich in „patriarchal zweckvoller Härte“ (DdA, S. 83) innerhalb der Leistungsgesellschaft behaupten zu können.

Das Leiden ist Resultat einer Gesellschaft, in der die Menschen sich selber aushöhlen. Im Leiden ist aber auch der Wille angelegt, Leiden in sein Gegenteil – das Glück –zu kehren. Es ist daher ein Impuls der Befreiung, auf welchen Menschen unter den kapitalistischen Lebensbedingungen reagieren.

Die Herrschaft über den Menschen und über die Tiere drückt sich in der Leiderfahrung, im „quälbaren Körper“ (Adorno, nach Brecht, S. 279), aus. Im Leiden sind Menschen und Tiere vereint aber durch unsere geistige Spaltung auch getrennt. Für Rosa Luxemburg, die in ihrem Nachlass immer wieder mitfühlend auf die Tiere einging, ist die gemeinsame Leiderfahrung ein zentrales Moment ihrer Politik. Sie weiss in einer Rede vor Arbeitern 1918 visionierend zu Formulieren:

„Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit, dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“

Dahinter verweist Rosa Luxemburg darauf, dass Menschen einander abschlachten, als wären sie Tiere, und zugleich die Tiere gnadenlos knechten, sie verfolgen, töten und verwerten, bis die industrielle Menschen- und Tiervernichtung schliesslich zur kultur-barbarischen Perfektion getrieben wird. Die postulierte Herrschaft des Menschen über die Natur, entspringt demselben Streben, sich zu Lasten anderer Individuen zu behaupten. Der Kampf ums blosse Überleben, wie ihn Thomas Hobbes vertrat, als Krieg alle gegen alle, tobt nach wie vor. Nicht nur als Menschen gegen die Tiere, sondern, und so die Logik der neoliberalen Lebenswirklichkeiten, auch zwischen Menschen und Menschen. Diese Feindseeligkeiten machen Solidarität immer mehr zu einem Fremdwort bzw. zu einer nicht gelebten Wirklichkeit. Im Zuge des technologischen Superkapitalismus, in welchem die Eindimensionalität des Lebens und die gegenseitige Befremdung und Fremdmachung sich mit einem Ausnahmezustand konfrontiert sieht, als permanente repressive Struktur, steht es um die Befreiung der Tiere genau so schlecht, ja um Längen schlechter, wie um die Befreiung des Menschen. Dies jedoch als Ausrede hinzunehmen, sich nicht für eine gesellschaftliche Befreiung der Tiere einzusetzen, zeugt von dem Problem, Tieren anzutun, was man selbst nicht erleiden will, welches allgemein bevorzugt wird, diese erst gar nicht als Lebewesen (an)erkennen zu müssen/wollen.

Rosa Luxemburg zu entgegnen, die Revolution habe eben ihren Preis und der Mensch müsse schliesslich essen, hiesse nichts weniger, als die fundamentale Weigerung, Leiden in welcher Form auch immer zu akzeptieren, preiszugeben. Als Revolutionärin lässt Rosa Luxemburg jedoch keinen Zweifel daran, dass die Welt umgestürzt werden müsse. Eben deswegen verzichtet sie nicht darauf, auch jene selbstauferlegten Fesseln im Denken und Handeln in Frage zu stellen, die das Unabänderliche behaupten.

Unabänderliches ändern
Die Praxis, auf welche die Tierbefreiungsbewegung zurückgreift, um auf eine freie und mit Mensch, Tier und Natur versöhnte Gesellschaft hin zu steuern ist vielseitig. Sie beruht im wesentliche auf dem Bedürfnis, „Leiden“, als Bedingung aller Wahrheit, „beredt werden zu lassen“. „Denn Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet; was es als sein Subjektivstes erfährt, sein Ausdruck, ist objektiv vermittelt.“ (Adorno, S. 27)

Aktionen, welche Tiere aus ihrem anonymen Waren-Dasein herausholen, gehen von Sabotage an Tierausbeutungsbetrieben, der aktiven Befreiung tierlicher Individuen aus „ihren“ Ketten, Käfigen und Versuchslaboren, über Demonstrationen vor Zirkussen oder Pharmakonzernen (Tierversuche) bis hin zur klassischen Aufklärungsarbeit an Vorträgen oder Infoständen in einer Stadt. Eine mit Tieren solidarischen Lebensweise, der Veganismus, gehört als individuelle Veränderung des Verhaltens gegenüber den Tieren und der Natur dazu. Im Vordergrund steht dabei die Überlegung, dass in dem Moment, wo man sich ein Teil eines tierischen Körperteils einverleibt, man Akteur eines Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisses ist und die Ausbeutung der Tiere, welche brutaler kaum sein kann, materialisiert wird.

„Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen. Denn totaler, direkter und gewalttätiger kann Herrschaft nicht ausgeübt werden als durch den Prozess vollständiger Entindividualisierung und Verdinglichung, Zerstückelung und schliesslicher Einverleibung der Herrschaftsobjekte.“ (Witt-Stahl, S. 11)

Trotzdem gilt hier, dass es, in Anlehnung an Adorno, kein richtiges (veganes) Leben in einem falschen Leben geben kann. Wollen wir die apokalyptischen Zustände, welche die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur mit sich bringen, auf dem Scheiterhaufen der Geschichte sehen, muss der Fokus auf die gerichtet werden, welche die Verfügungsgewalt über die Produktion und somit die Verantwortung für den täglich organisierten Mord haben. Die praktische Veränderung der Einzelnen in der Gegenwart, in der sowohl Vergangenheit als auch Zukunft als Dimensionen enthalten sind, ist jedoch eine Voraussetzung, in welcher der Trieb nach Freiheit von Leid, in beschützender Sorge für alles Lebendige und Empfindungsfähige, seine Erfüllung findet. „Der Mensch ist Mensch nicht dann, wenn er passiv und geduldig erwartet, was die Zeit unvermeidlich mit sich bringt, sondern dann, wenn er wirkt und kämpft, um sein wirklich menschliches individuelles und gesellschaftliches Sein zu realisieren.“ (Gajo Petrović)

Quellen:
Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1966
DdA: Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2009
Horkheimer, Max: Dämmerung. Notizen in Deutschland (1931/1934), in: GS, Band 2, Frankfurt 1987
KiV: Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2007
MEW: Marx-Engels Werke, Dietz Verlag, Berlin
Petrović Gajo : Praxis und Sein, 1965, http://www.praxisphilosophie.de/petroprx.pdf
Witt-Stahl, Susanne (Hrsg), Editorial in: Das Steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2007