Kinder, Kinder…

Im Mai 2011 prangte eine Schlagzeile auf den ersten Seiten der Tageszeitungen: „Drei Buben töteten Büsi in einem Tumbler“. Dabei hatten drei Jungs im Alter von sechs, sieben und acht Jahren ihr Büsi Sweety getumblert – Es hatte keine Chance. Die Buben konnten, da sie noch keine zehn Jahre alt waren, nicht strafrechtlich belangt werden. Doch der Ermittlungszirkus ging trotzdem los: Die Behörden prüften, ob die Eltern die Aufsichtspflicht verletzt haben und deshalb bestraft werden können, die genaue Intuition der Kinder wurde untersucht und eine Kinderpsychologin schaltete sich ein. Diese erklärte, die Tat sei möglicherweise ein Hilferuf und könnte ein Hinweis auf eine Traumaerfahrung der Buben sein. Und aufgepasst: Tierquälerei sei ein sogenannter Risikofaktor für ein eventuell späteres kriminelles Verhalten.

Dass sich die Presse auf solche Ereignisse stürzt, das ist nicht verwunderlich. Es macht sich auch einfach gut als Headliner, diese Büsi-Tumbler-Geschichte. Es schockiert, es rüttelt auf: Eltern, schützt eure Büsis! Doch ist dies wirklich schockierend? Kinder, die Büsis tumblern? Natürlich kann man sich die Haare raufen ab der heuchlerischen Empörung der KlatschpressenschreiberInnen, die sich zum Zmittag ein Stück Fleisch für 3 Franken 90 auf den Teller hauen und vorher noch etwas das Büsi bemitleiden, doch das wirklich Tragische liegt ganz woanders. Es wird impliziert, dass für Kinder die genau gleichen Verhaltensmuster und Regeln der „Erwachsenenwelt“ gelten, dass ein Kinderhirn schon gleich zu funktionieren hat, wie das eines Erwachsenen. Dieser eingeschränkte Blick aus Erwachsenenperspektive ist fatal. Natürlich soll einem Kind beigebracht werden, dass es eine Katze nicht tumblern soll, aber im Grunde genommen es ist einfach ein Kind, das noch seine eigene Logik, seine eigenen Referenzpunkte hat.

Das Kind gerät also in die Pädagogisierungsmaschiene und das nicht nur bei Extremfällen wie getumblerten Büsis. Es gibt Sonderschulen, Sonderklassen, Abklärungen im Vorschulalter und die Schulpsychologin, die die Klassen betreut. Mein Kindergartenkollege von damals fiel der in regelmässigen Abständen den Unterricht besuchenden Psychologin auf, weil er öfters den Mund offen hielt und nicht so aktiv beim Turmbauen mitmachte. Abklärungen wurden getroffen, Elterngespräche geführt, Sitzungen einberufen, bis man herausfand, dass er vor kurzem einen Onkel verloren hatte, den er sehr gern gehabt hatte. Dass die Ursache dieses Verhaltens eine einfache Reaktion auf die Umwelt des Kindes sein konnte, kam niemandem in den Sinn.

Schon dort setzt also die Pädagogisierungsmaschine an. Probleme, die völlig normal und natürlich für einen heranwachsenden Menschen sind, werden pathologisiert, mit einem wissenschaftlichen Namen versehen und in einen Massnahmekatalog eingefügt. Aus diesem wird rege geschöpft, man will ja dem Kind eine optimale Entwicklungsgrundlage geben, Mankos oder Schwächen können da hinderlich sein. Es scheint dabei in Vergessenheit zu geraten, dass es nur von wacher Gesundheit zeugt, wenn ein Kind auf seine Umwelt reagiert. Je nach Ansprüchen oder Bedürfnissen fällt dies dann mehr oder weniger heftig aus.
Das Mädchen spielt lieber mit Autos als mit Puppen? Ohoh, vielleicht eine Identitätsstörung? Der Fabian hat den Max geschlagen, weil der ihm sein Spielzeug wegnahm? Erste Anzeichen für eine kriminelle Laufbahn?

Komischerweise scheint schon ganz früh festgelegt zu sein, wie denn der kleine Mensch werden soll, wenn er denn gross ist. Er soll leistungsfähig, angepasst und smart sein, möglichst viel Geld in die Schweizer Wirtschaft fliessen lassen und sich am besten noch mit 1.4 Kindern fortpflanzen. Die Kinder sind unsere Zukunft, da will man natürlich nichts riskieren. Dass in Zeiten der hochgelobten Individualisierung versucht wird, jegliches Individuelle auszumerzen, scheint zwar absurd aber ist nichts Neues. Was ausufert wird weggeschnitten, da und dort wird gestutzt, bis es lauter unproblematische, gehorsame und eingepasste Stereotypen gibt. Mutter und Vater wollen ja auch das Beste für ihr Kind, es soll die später die optimalen Chancen haben, die besten Voraussetzungen, es ganz weit nach oben in der Karriereleiter zu schaffen.. Die Pädagogisierungsmaschinerie merzt weiter aus, bis sich ihr der Jugendliche als erwachsener Mensch wenigstens halbwegs entziehen kann.

Aber nur halbwegs. Ist das Kind erst in eine Ausbildung aus dem obligatorischen Schulunterricht entlassen, ist die Erwartungshaltung diese, dass sich das Kind möglichst schnell in einen kleinen Erwachsenen verwandeln soll. Leistet der Jugendliche dem keine Folge, droht der Rauswurf, da er sich nicht richtig integrieren will und keine Professionalität zeigt. Tut er es doch, wird der als Erwachsener verkleidete Jugendliche zwar als Teil der Mannschaft akzeptiert, aber wirklich Verantwortung oder Möglichkeiten zur Eigeninitiative werden nicht gestattet – Er ist halt doch noch etwas jung und unerfahren.

Dass Jugendliche keine Möglichkeiten haben, sich beispielsweise in Zürich zu betätigen, ist natürlich übertrieben. Es gibt ja zig Jugendhäuser, ein Riesenangebot der Stadt, von betreuten Werkstätten bis zum Midnight-Basketball. Dass dieses Angebot aber doch nicht so rege genutzt wird, liegt möglicherweise daran, dass all diese Angebote liebevoll pädagogisch begleitet sind. Die Stadt stellt eine Auswahl an Möglichkeiten, der Jugendliche nutzt diese, konsumiert. Nur wird ein Jugendlicher im pädagogisch durchstrukturierten Streichelzoo nie selbst die Grenzen und Möglichkeiten erfahren, die durch Gesellschaft und Staat gestellt werden. Nicht nur, dass nicht gelernt werden kann, was es alles für die Realisierung eines Projektes braucht, es wird so auch verunmöglicht, eigene Ideen zu verwirklichen. Persönliche Erfolge, etwas grösseres im öffentlichen Rahmen geleistet zu haben, bleiben somit aus. Es findet sich keinen Raum für jugendliches Ausprobieren, Austesten und Pröbeln, dieser wurde rigoros weggekürzt.

Es erstaunt kaum, dass bald das Bedürfnis besteht, sich sein Individuellsein wieder zurück zu holen. Wenn nötig mit Gewalt, mit Herausbrechen, mit Blöd-Tun. Und ehrlich gesagt machen mir die Gerüchte um die Frau, welche ihren Pudel in der Mikrowelle trocknen wollte, viel mehr Sorgen als tierquälende Kinder. Kinder sind grausam, Erwachsene noch viel schlimmer. Nur gelten da andere Massstäbe.