Holger Burner – Klassenkampfrap

Holger Burner ist ein Politrapper aus Hamburg und des Öfteren auch an Solipartys in der Schweiz anzutreffen. Bisher hat er drei Alben herausgegeben, das Vierte erscheint in den nächsten Wochen. Wir haben ihn in Hamburg getroffen und mit ihm über seine Musik, seine Politik und die Bedeutung des 1. Mai gesprochen.

Um mit einer leichten Frage einzusteigen: Welche Bedeutung steht eigentlich hinter deinem Künstlernamen „Holger Burner“?
Holger Burner war ein sozialdemokratischer Ministerpräsident in dem Bundesland in Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, nämlich Hessen. Ich fand wegen der Bedeutung des Wortes „Burner“, was im HipHop soviel heisst wie „Der kann was, der hat‘s gut drauf“, witzig, ihm den Namen zu klauen uns sozusagen in was Positives zu verwandeln., weil der Typ selber ein ziemlich reaktionäres Arschloch war.

Wann ist Rap in dein Leben gekommen?
Angefangen Musik zu machen hab ich in Freestyle-Sessions, da ich HipHop schon immer die interessanteste Subkultur fand, die ich gelebt habe. Dazu gab es aber noch keine rationale Überlegungen, wie ich das öffentlichkeitswirksam nutzen könnte, sondern da habe ich einfach die Sachen in meine Freestyle-Texte einfliessen lassen, die mich bewegt haben und das waren halt grösstenteils politische Angelegenheiten. Irgendwann kamen Leute auf mich zu und meinten, dass was du sagst, dass sagen wenige, mach doch mal eigene Lieder und gib Auftritte. So kam es dazu, dass ich den Weg eingeschlagen habe, auf dem ich jetzt gehe.

Du scheinst mit deiner Musik einen gewissen Erfolg zu haben. Hast du manchmal Mühe, dass dich so viele Leute kennen?
Ne. Also erstens sind die Leute, die sich in unserem Zusammenhang befinden und die ich kennen lernen kann, angenehm und es ist jeweils sehr schön, aktive Leute zu treffen. Und zweitens ist es ja nicht so, dass auf der Strasse Leute kommen, um zu nerven. Sondern sie quatschen mich an, weil sie was Interessantes mit mir zu besprechen haben.

Gibt es Probleme, dass du nebst deiner Rolle als Musiker auch noch eine Rolle als politischer Aktivist inne hast?
Da gibt es schon Konflikte, gerade zeitlich ist es manchmal schwer. Aber da muss man halt, gerade als Revolutionär, Prioritäten setzen. Wenn eine Sache gerade kampagnenpolitisch wichtiger ist, dann ist die wichtiger, als Musik zu machen. Aber die Organisation, in der ich bin, ist gross genug, um Kampagnen und andere Projekte auch mal ohne mich durchziehen zu können. Andererseits kriegt sie durch mich auch eine politische Plattform, die andere GenossInnen so nicht kriegen würden. Das heisst, diese Rollen ergänzen sich eigentlich eher positiv, als sie sich gegenseitig im Wege stehen.

Wie siehst du denn deine Prioritäten bezüglich deiner politischen Arbeit?
Ich würde sagen im Klassenkampf, ich möchte dies aber auch genauer erklären, da ja Klassenkampf alles ist, was die Gesellschaft mit einem macht. Ich glaube, dass wenn grössere Teile einer Klasse gerade merken, dass etwas schief läuft und darüber unzufrieden sind, ist es die Verantwortung von linken Organisationen, da tätig zu sein und die Themen aufzugreifen. Es darf keinen Organisationskonservatismus geben, der eben nur den Fokus inne hat, für den man sich irgendwann mal entschieden hat. Man muss also da sein, wo sich das Bewusstsein der Leute gerade bewegt.

Und inwiefern geht dein politischer Fokus mit deiner Musik einher?
Die Musik gibt mir die Möglichkeit, bei grösseren Anlässen zu Wort zu kommen, weil man als das, was Andere als „Künstler“ bezeichnen, irgendwie eine grössere Narrenfreiheit hat. Es wird einem weniger schnell das Mikro aus der Hand gerissen, wenn man „zu radikal“ spricht, weil es ja nur Kunst ist. Es entsteht aber natürlich auch die radikalisierende Wirkung, die auch eine Rede hat und kommt auch bei Leuten an, die sich eine Rede nicht wirklich anhören würden.
In einem deiner Lieder sagst du; „Holger Burner, einer der letzten Rebellen“. Erklär das doch mal.
Witzigerweise hab ich die Zeile live geändert in „Holger Burner, einer der ersten Rebellen“, weil ich daran glaube, dass wir mehr werden und irgendwann auch genügend, um mit der Mehrheit der Menschen eine Revolution machen zu können.

Und trotzdem: „Einer der letzten Rebellen“, wie kommt es zu dieser Aussage?
Die 90er-Jahre in denen ich politisiert worden bin, war eine Zeit in der der Kapitalismus und speziell seine neoliberale Ideologie in der totalen Offensive waren. Zu diesem Zeitpunkt war es leider so, dass man politisch gesehen eine Phase lang „überwintern“ musste und ich glaub es kam darauf an, dass unsere Ideen in den Köpfen von ein paar Tausend Menschen überlebten. Ich würde aber sagen, dass hat sich mittlerweile geändert, zur Zeit gibt es eine offenere Bewegung und eine breitere Kapitalismuskritik. Zwar rebellieren die Meisten nicht, doch es kommt ja immer der erste Schritt vor dem Zweiten. Und ich glaub, weil das früher anders war, kam es zu dieser Zeile, weil man ein Teil davon war, der total gegen den gesellschaftlichen Mainstream arbeiten musste. Das muss man zwar im Kapitalismus immer, denn die herrschende Ideologie ist immer die Ideologie der Herrschenden, aber es gibt Phasen, in denen wir das besser können und es gibt Phasen, in denen dies etwas schwieriger war.

Du sagst, die Kritik und die Auseinandersetzung haben die Menschen in den Köpfen, doch sie rebellieren noch nicht. Was würde denn Rebellion deiner Meinung nach bedeuten?
Rebellion kann vieles bedeuten. Es kann bedeuten, dass ich auf eine Demonstration gehe, obwohl ich es mir eigentlich nicht gewohnt bin. Es kann heissen, dass ich meine Arbeit verweigere oder an einem Aufstand auf der Strasse teilnehme. Revolution bedeutet mehr, dass sich die Leute bewusst sind, dass sie das aktuelle System nicht mehr wollen und dass sie sich für eine Alternative einsetzen. Rebellion und Revolution sind für mich schon zwei paar Schuhe und dies hat sehr viel damit zu tun, ob man gerade eine gesellschaftliche Mehrheit darstellt oder nicht.

Wie stehst du zur Militanzfrage?
Die Revolution wird nicht friedlich sein. Aber auf dem Weg zur Revolution stossen viele militante Aktionen den Grossteil der Klasse vor den Kopf. Das hat sich auch historisch gezeigt: Immer wenn die Linke zu terroristischen Massnahmen oder zu Minderheitenbewaffnung griff, ist es unheimlich einfach für den bürgerlichen Staat geworden, die Linke zu kriminalisieren und zu isolieren.

Es naht der erste Mai. Wie sieht denn der erste Mai in Hamburg aus?
Der erste Mai der Gewerkschaften am Morgen ist die letzten Jahre selten von breiten Teilen der Arbeiterschaft genutzt worden. In der Regel ist der 1. Mai eher ritualisiert aber trotzdem ist an diesem Tag Potenzial vorhanden, eine breitere Mobilisierung zu erreichen. In den letzten Jahren gab es leider jeweils auch Nazi-Mobilisierungen ganz in der Nähe, so das Leute am Morgen nicht an dem Umzug dabei sein konnten, sondern halt an Aktionen gegen die Nazis beteiligt waren. Zudem gibt es einen revolutionären ersten Mai, der gerade im letzten Jahr ein zahlenmässiger Erfolg war mit Teilnehmenden im 4stelligen Bereich. Das ist schon eine deutliche Ansage!

Der Umzug im Rahmen des revolutionären ersten Mai ist jeweils bewilligt. Wieso bewilligt die Stadt Hamburg die Demo?
Die Behörden hier tun sich schwer, Umzüge komplett zu verbieten, deshalb schieben sie sie auch oft in entlegenere Quartiere ab oder sie werden vorzeitig beendet. Aber dass sie unseren Umzug nicht bewilligen, kommt eigentlich nicht vor, denn es ist nicht durchsetzbar und es wäre für sie eine noch unkontrollierbarere Situation.

Welches Potenzial siehst du in einem ersten Mai?
Ich glaube, dass wenn sich betriebliche Kämpfe erhöhen, dass sich ein 1. Mai entritualisieren kann und tatsächliche politische Forderungen auf die Strasse getragen werden können. Das Potenzial hierbei liegt darin, dass verschiedene Belegschaften zusammen kommen, die sonst aufgrund der Gewerkschaftsführung immer getrennt gekämpft haben und so die Möglichkeit haben, ihre Kämpfe zusammenzutragen und grosse Solidarität zu verspüren. Das Potenzial des ersten Mai ist also, dass Leute zusammenkommen, die sonst immer nur parallel aktiv waren und spüren, dass es eine Chance für gemeinsame Solidarität und gemeinsame Kämpfe gibt. Dafür ist der 1. Mai einer der wichtigsten Tage im Jahr.

Inwiefern beteiligst du dich am 1. Mai?
Je nachdem in welcher Stadt ich bin, nehme ich dort am revolutionären wie auch am gewerkschaftlichen 1.Mai teil.

Um nochmals auf dich, deine Politik und deine Musik zurückzukommen, eine klassische Frage: Wie siehst du dich in 10 Jahren?
Das kann ich eigentlich nicht sagen, dass hängt davon ab, wie die Klassenkämpfe in den nächsten 10 Jahren verlaufen. Ich glaube, dass Deutschland seinen Sonderweg aus oder schräg an der Krise vorbei, gegen die harten wirtschaftlichen Fakten dieser Welt nicht ewig durchhalten kann. Deshalb denke ich, dass es hier zu Kürzungsorgien kommen wird, zu einem Ende der industriellen Sonderentwicklung, wenn China eigene Autofabriken aufgebaut hat und dass dann Angriffe auf einen breiteren Teil der Klasse geschehen. Das heisst aber auch, dass sich irgendwann mal breitere Teile der Klasse wehren und organisieren werden. Vielleicht hat dann auch politische Musik eine andere Bedeutung, aber ob ich sie dann noch mache, ist auch eine Kapazitätenfrage. Aber grundsätzlich hab ich Lust an dem, was ich tu und würde dies auch noch gerne weiter tun.

Ich danke dir für dieses Gespräch hier im Herzen von Hamburg. Deine abschliessenden Worte?
Leute, die hier oder in der Schweiz Revolutionäre sind, sollten nicht den Fehler machen, nur auf die Entwicklungen innerhalb der eigenen Grenzen zu schauen, sondern dass man weltweit gucken muss, wo sich was bewegt. Ich glaube dieser internationale Blick ist für uns Revolutionäre sehr wichtig.

Mehr zu Holger Burner und seiner Musik auf www.sozialismus.info und Facebook.