Archiv der Kategorie 'Ausgabe #3, April 2011'

widerrede #3 draussen und online!

titelblatt widerrede3
Es gibt was zu feiern! Vor so ziemlich genau einem Jahr erblickte die erste Ausgabe der widerrede das Licht der Welt und mittlerweile sind es deren drei. Trotz unzähliger Übernahmeangebote von Seiten etablierter Boulevardblätter bestehen wir in gewohnter Weise weiter und schreiben an gegen das, was schon zu lange untragbar ist.

Feiern? Wohl eher nicht. Das, was uns als Normalität verkauft wird, zeigt in diesen Tagen unverfroren seine Absurdität. Krieg hier, Atomkatastrophe dort, eine Wirtschaftskrise, die trotz gegenteiliger Beschwörungen durch die Apologeten des Kapitals einfach kein Ende nehmen will und eine ganze Reihe von Staaten, die den quasi Bankrott auf die Bevölkerung abschieben. Es gibt also doch weniger zu feiern, als viel mehr Dinge zu tun, zu verändern. In dieser Ausgabe wenden wir uns einerseits in verschiedenen Artikeln dem Thema Rassismus zu, aber auch der Ökologie und vielen weiteren Aspekten des täglichen Lebens, von der Buchempfehlung bis zur Sexualität. Wie immer spiegeln die darin geäusserten Aussagen die jeweilig subjektive Position der AutorInnen und folgen damit keiner Leitidee.

Für Kommentare, Anregungen, Texte oder wenn du dich in irgendeiner Form beteiligen willst, schreib uns.
Viel Spass beim Lesen!

Ausgabe April 2011, Inhaltsverzeichnis

Was lief?

Rassismus – Eine Einführung

Rassenwahn im Oberland

Kein Mensch ist illegal!

Keine Begegnung unter Freunden

Uneigener Wahn - Eine Kurzgeschichte

Wie die Kleister-Terroristen vorgehen

Sex und Rollenspiele – Meinungen von Frauen

Humor und Rassismus

Interview Lehrstellensuche

Was haben wir jetzt davon?

Es tobt ein Krieg

Sichere Atomkraft?

Das Klima und Wir

Was lief?

… am 28. November?
Am Abend nach der Annahme der Ausschaffungsinitiative versammeln sich mehrere tausend betroffene bis wütende Menschen auf dem Helvetiaplatz in Zürich zu einer Demonstration. Sie ziehen durch die Langstrasse über den Löwenplatz zum Hauptbahnhof und von dort übers Limmatquai zum Bellevue. Mehrmals versperren Bullen die Strasse und mehrmals werden sie entschlossen zurückgedrängt. So wird die Stimmung immer besser, Feuerwerk wird gezündet und Parolen werden gerufen. In der Innenstadt erleiden dann mehrere Banken, Luxusgeschäfte und staatliche Gebäude Glasbruch und/oder eine Fassadenverschönerung. Auch das Zunfthaus zur Zimmerläuten und die NZZ werden mit Steinen gegrüsst. Auf dem Weg vom Bellevue zurück zum Central wird schliesslich auch die Polizei, welche sich abermals in den Weg stellt, mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern angegriffen. Tränengas, Gummischrot und ein Wasserwerfer zerstreuen an diesem Punkt den vorderen Teil der Demonstration. Die grosse Menge läuft über den Paradeplatz zurück zum Helvetiaplatz. Auch in anderen Städten kommt es an diesem Abend zu spontanen Demonstrationen und direkten Aktionen.

… um die ASZ?

In den Tagen um das Abstimmungswochenende lungern mehrmals immer die gleichen drei Bullen vor der Autonomen Schule Zürich (ASZ) rum und kontrollieren vor und nach den Deutschkursen Menschen, hinter denen sie keine Papiere vermuten und verhaften einzelne. So kommt es zweimal zu spontanen Knastspaziergängen (einer davon einen Tag nach der Abstimmungsdemo mit immenser Polizeibegleitung). Die Situation rund um die ASZ bleibt angespannt, immer wieder versucht die Polizei Sans-Papiers mit Präsenz, Kontrollen und Verhaftungen einzuschüchtern und vom Besuch der Schule abzuhalten.

… am 18. Dezember?
Ein Grossaufgebot der Polizei verhindert eine angekündigte Demonstration gegen Ausschaffungen in Zürich Oerlikon. Mehrere Personen werden verhaftet und erhalten eine Wegweisung, einer werden dabei mehrere Zähne ausgeschlagen.

… am 21. Januar?
100-150 Menschen versammeln sich beim Strassenverkehrsamt in Zürich mit dem Ziel, die alljährliche Albisgüetlitagung der SVP zu stören. Diese wird von viel Polizei geschützt. Als schliesslich Musik aus einem Lautsprecherwagen ertönt, wird die Menge mit Tränengas, Pfefferspray und vereinzelt Gummischrot mehrere hundert Meter die Strasse hinuntergetrieben. Dort werden Barrikaden errichtet und in Brand gesetzt. SVP-Nationalrat Hans Fehr aka „eine Ohrfeige nützt manchmal mehr als fünf Psychologen“ verirrt sich in die Demonstration, wird erkannt und bekommt ein paar Schrammen ab. Danach phantasieren Medien und PolitikerInnen aller Couleur wochenlang über linksextreme Terroristen, bürgerkriegsähnliche Zustände auf Schweizer Strassen und friedfertige, unschuldige SVPler.

… gegen das WEF?
Wie jedes Jahr Ende Januar fand auch 2011 das traditionelle Bonzentreffen in Davos statt. Und wie jedes Jahr regte sich Widerstand dagegen. Die ganze Woche vom 22. bis zum 29. Januar gab es mehrere Demonstrationen (in St. Gallen, Basel und Bern) und direkte Aktionen (u.a. detonierte ein zu einem Sprengsatz emporstilisierten Feuerwerkskörper in einem der Luxushotels, in dem die WEF-TeilnehmerInnen untergebracht waren.) Am 29. Januar demonstrieren in Davos schliesslich etwa 120 Menschen, inmitten von Stacheldraht und Zäunen, bewacht von mehreren hundert PolizistInnen aus der ganzen Schweiz, 4000 Soldaten, Scharfschützen und einem Hubschrauber. Trotzdem versucht ein Grossteil der DemonstrantInnen mehrmals, unter Einsatz von Schneebällen in die „rote Zone“ zu gelangen, was tapfere StaatsdienerInnen allerdings zu verhindern wissen. Als am Schluss der Demo ein wenig an einem Zaun vor einem der Luxushotels gerüttelt wird, sieht sich die Polizei schliesslich gezwungen, trotz Minustemperaturen einen Wasserschlauch einzusetzen. So gesellen sich zu den Schneebällen auch ein paar Eisbrocken, Flaschen und Steine, worauf die Leute mit Wasser, Gummischrot und Tränengas über den ganzen Bahnhofplatz getrieben werden. Viele steigen in den ankommenden Zug ein. Dieser wird in Fideris von der Polizei angehalten. Bullen der Zürcher Spezialeinheit durchsuchen ihn vermummt, gepanzert und behelmt nach Terroristen ähm, DemoteilnehmerInnen, wobei sie äusserst grosszügig vorgehen und dementsprechend über 50 Menschen abführen, darunter auch ein britischer Journalist. Diese werden auf freiem Feld zusammengetrieben, etwa zwei Stunden festgehalten, nach Landquart gebracht und nach bis zu drei Stunden freigelassen bzw. gezwungen in den Zug zu steigen. Der Polizeikommandant muss seine Hunde danach doch noch auf die Pressefreiheit hinweisen, denn der Journalist wurde offenbar aufgefordert die Fotos und Notizen vom Polizeieinsatz zu löschen. Und es soll Leute geben, die sowas Demokratie nennen…

… am 26. Februar?

Ein Grossaufgebot von Bullen verhindert ein öffentliches Tanzvergnügen, eine Strassenparty auf dem Helvetiaplatz in Zürich, welche im Rahmen der Kampagne zum Frauenkampftag hätte stattfinden sollen. Dies ist umso verwunderlicher, als das solche Veranstaltungen regelmässig, in aller Öffentlichkeit angekündigt, stattfinden und es dabei nie unmittelbar zu irgendwelchen, für Staat und Kapital unerfreulichen, Handlungen kam. Alleine, dass Leute es wagen, sich ungefragt ein Stück öffentlicher Raum zurückzunehmen, scheint für die Polizei unerfreulich genug zu sein.

… am 12. März?
Zum hundertjährigen Jubiläum des Frauenkampftages am 8. März demonstrieren am 12. März rund 400 Frauen gegen die Gewalt an Frauen, für eine Kollektivierung der Hausarbeit, gegen Sexismus, gegen die Illegalisierung von Migrantinnen, für mehr Lohn und mehr Freizeit und vieles mehr, wie immer ohne vorher bei der Polizei um Erlaubnis zu fragen.

… gegen die AKW’s?

Im Zusammenhang mit der AKW-Katastrophe in Japan besammeln sich am Freitagabend, dem 18. März spontan rund 120 Personen beim Helvetiaplatz in Zürich um gegen Atomkraft und Kapitalismus zu demonstrieren. Auf dem Weg durch die Langstrasse, vorbei am AXPO-Gebäude zum Hauptbahnhof wächst die Menge auf etwa 500 Menschen an. Weiter geht’s zum Limmatquai. Dort versperren einige PolizistInnen den Weg zum Rathaus und schicken die Leute Richtung Bahnhofstrasse, was zu etwas Konfusion führt. Als der vordere Teil der Demonstration die Uraniabrücke überquert, zieht die Polizei ab. Kurzentschlossen drehen die Leute um und gelangen so doch noch wie gewünscht zum Rathaus. Von dort aus geht’s über den Paradeplatz zurück zum Helvetiaplatz.

… anderswo?
In vielen Ländern Nordafrikas und auch in Bahrain und im Iran wehren sich Millionen Menschen gegen die herrschenden Verhältnisse. Die westlichen PolitikerInnen heucheln zögerlich Freude darüber vor, dass die Menschen auf die Strasse gehen gegen diese bösen, menschenrechtsverachtenden und korrupten Diktatoren, mit denen sie jahrzehntelang gute Geschäfte gemacht haben. Mittlerweile erreichen uns auch aus China, Griechenland und den USA Nachrichten über diverse Aufstände und Unruhen. Im Dezember revoltierten in Grossbritannien und Italien zehntausende StudentInnen gegen geplante Reformen der Regierung. In Dresden gelingt es am 19. Februar über 20′000 Menschen den grössten Naziaufmarsch Europas, der von tausenden Polizisten durchgeprügelt werden sollte, weitgehend zu verhindern. Den ganzen Tag über kommt in der ganzen Stadt zu Blockaden, Demonstrationen und militanten Auseinandersetzungen zwischen AntifaschistInnen und der Polizei, die im Laufe des Tages den Notstand ausrief (was heisst, dass sie die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat und somit alle öffentlichen Veranstaltungen verbieten kann.) Es wird also immer schwieriger, eine Grenze zwischen „denen“ und „uns“ zu ziehen und sich aus der Verantwortung zu stehlen.

… im Zürcher Oberland?
Uns erreichten keine Nachrichten über nennenswerte Vorkommnisse oder spektakuläre Aktionen. Einzig am Abend des 26. Novembers verteilten einige Leute Flyer anlässlich des „Night-Shoppings“ (d.h. Jogurt kaufen bis 23 Uhr) und sprachen sich damit gegen verlängerte Ladenöffnungszeiten und kapitalistische „Aufwertungsmassnahmen“ in Wetzikon aus. Jedoch sahen bzw. hörten wir von diversen Hinweisen auf (Nacht-)Aktivität in den umliegenden Käffern. Besonders Wahlplakate (aller Parteien) scheinen ein beliebtes Ziel von Zerstörung, Spraydosen und phantasievollen Veränderungen zu sein. Und da diese ja noch lange unsere Umgebung verschandeln werden, freuen wir uns auf weitere Aktionen und versuchen sie zu dokumentieren. (Das, nach eigenen Angaben, grösste Wahlplakat der Schweiz, der sogenannte „Wahlturm“ steht übrigens in Dübendorf und wirbt für die SVP. Allerdings wurde auch der schon mindestens einmal beschädigt.) Über Mithilfe in Form von Hinweisen, Nachrichten und Informationen aller Art freuen wir uns natürlich immer. Einfach ein Mail an widerrede@gmx.ch.

Ansonsten treffen sich einige revolutionär gesinnte und andere Menschen jeweils am 2. Dienstag im Monat, wenn in der KultiBeiz das andere Kino einen guten Film zeigt oder im „Saftladen“, der lokalen Solibar, welche auch ab und zu selbenorts zu Musik und Trank einlädt. (Infos dazu auf www.akzo.ch.vu)

Wir vernahmen ausserdem, dass dieses Jahr am 1. Mai in Wetzikon erneut zur fast schon legendären KAFFeeÄktschn, dem Treff- und Sammelpunkt für alle HinterländerInnen, aufgerufen wird. Auf die Gesellschaft der Zivibullen, die letztes Jahr da herumlungerten, wird aber gerne verzichtet. Weitere Infos rund um den 1. Mai findest du auf Seite… und auf www.akzo.ch.vu.

Ebenfalls ist uns zu Ohren gekommen, dass am 21. Mai ein Antirassismus-Festival in der Kulti Wetzikon stattfinden soll. Geplant sind Workshops, Vorträge, Filme, Theater, Konzerte und vieles mehr. Genaueres kann mensch auf www.antirafestival.ch.vu in Erfahrung bringen.

Rassismus – Eine Einführung

Um die aktuelle rassistische Hetze beantworten zu können, müssen wir auch wissen, was Rassismus ist, woher er kommt, wie er funktioniert und wer davon profitiert. Dieser Text soll ein paar grundlegende Fragen im Bezug auf Rassismus ansprechen. Das Thema ist komplex und es gibt sehr viele verschiedene Vorstellungen und Analysen darüber. Die Antworten, die hier vorgestellt werden, sollten demnach nicht als abschliessend betrachtet werden. Viel mehr soll damit eine Grundlage angeboten werden, um sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Was ist Rassismus?
Rassismus ist die Auffassung, dass Menschen aufgrund biologischer Merkmale in verschiedene Gruppen eingeteilt werden können. Diese Gruppen werden „Rassen“ genannt. Den Mitglieder einer „Rasse“ werden gewisse Eigenschaften zugewiesen, zum Beispiel Faulheit oder Dummheit. Dabei wird behauptet, dass die Mitglieder diese Eigenschaften von Geburt aus besitzen und diese nicht (oder kaum) veränderbar sind.

Indem diese Gruppen konstruiert und ihren Mitglieder Eigenschaften angedichtet werden, wird es möglich, diese einer Wertung zu unterziehen, also zu sagen, eine Gruppe oder Rasse sei gut und eine andere eben schlecht. So lässt sich eine Gemeinschaft heraufbeschwören, die aufgrund ihrer vermeintlichen biologischen Überlegenheit besser sei als eine andere. Dies geschah zum Beispiel bei Nationen, wobei dann die eigene Nationalität besser bewertet wird als eine andere.

Heutzutage gründet sich das Konstrukt1 einer Nation selten auf „Rasse“, womit ein Wandel in der Ideologie des Rassismus ersichtlich wird. Denn heute werden diese Gemeinschaften selten über eine „Rasse“ konstruiert, sondern oft über die Vorstellung von „Kultur“. Da ist dann die Rede von Schweizerischer Kultur, afrikanischer Kultur, dass diese nicht zusammenpassen und sich nicht vermischen dürften. Dies ist eine neuere Form von Rassismus. Statt nach der „Rasse“ werden die Menschen nun in vermeintliche Kulturen eingeteilt. Auch hier wird Kultur als etwas statisches, unveränderliches verstanden. Das Ganze funktioniert also nach dem selben Muster. Nur die Erscheinung, die Form hat sich gewandelt.

Diese Veränderung hat mehrere Gründe: Zum einen verlor das Konzept der „Rasse“ durch die Erfahrungen mit dem Faschismus seine Legitimation. Zum anderen wurde die Vorstellung von biologischen „Rassen“ wissenschaftlich widerlegt, denn die genetischen Unterschiede innerhalb einer „Rasse“ sind grösser als die zwischen den „Rassen“. Wenn nun also gesagt wird, „Kulturen“ dürften sich nicht vermischen, zeigt sich darin nur ein neues Gesicht des Rassismus. Stets war Rassismus jedoch eine Methode um Grenzen zu ziehen, um zu bestimmen, wer zu einer Gemeinschaft gehört und wer ausgeschlossen werden soll.

Woher kommt Rassismus?
Oft wird behauptet, Rassismus sei etwas grundsätzlich Menschliches, also etwas, das es schon immer gegeben hat. In der Tat gibt es eine lange Geschichte der Diskriminierung von gewissen Menschengruppen. Und doch waren zum Beispiel die Sklaven im antiken Griechenland nicht aus rassischen Überlegungen zu „Untermenschen“ gemacht worden. Es wurde nicht behauptet, Sklaven seien biologisch minderwertig, insofern kann auch nicht von Rassismus gesprochen werden.

In ähnlicher Form, wie wir es heute kennen, wurde der Begriff „Rasse“ erstmals im Spanien der Reconquista2 mit Bezug auf die jüdische Bevölkerung verwendet. Damals wurden Rassen nach Kriterien wie Religion, Kultur oder Herkunft definiert, besassen demnach noch keine explizit biologische Dimension. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Begriff der „Rasse“ von den Naturwissenschaften aufgenommen, die versuchten ihn mit biologischen Annahmen zu verknüpfen. So wurde versucht, die Ungleichheiten unter den Menschen – beispielsweise arm und reich – durch biologische Unterschiede zu erklären, respektive zu rechtfertigen. Hiermit wurde verschleiert, dass diese Ungleichheiten das Ergebnis einer auf Ungleichheit basierenden Gesellschaftsform waren.

Das Rassenkonzept wurde im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert. Was jedoch gleich bleibt, ist, dass „Rasse“ stets eine Frage der Definition ist. Da sich die vermeintliche naturwissenschaftliche Grundlage als falsch erwies, wird um so deutlicher, dass es sich beim Rassenkonzept um eine Konstruktion handelt. „Rasse“ wurde gewissermassen erfunden und weil das Konzept immer wieder neu definiert werden konnte, wurde es stets von neuem aufgegriffen und erwies sich so als überaus folgenreich.

Besondere Bedeutung erhielt das rassistische Konstrukt von „minderwertigen Menschengruppen“ in der Zeit des Kolonialismus3. Zu dieser Zeit breiteten sich die Ideen des Liberalismus zur herrschenden Ideologie aus. Liberalismus betonte Werte wie Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Die imperialistischen Kolonialmächte benötigten Arbeitskräfte, die ungleich und unfrei waren und alles andere als brüderlich behandelt wurden. Rassismus als Ideologie schaffte hier den Spagat zwischen Liberalismus und den Anforderungen der Kolonialmächte. So wurde eine Unterklasse von Menschen konstruiert, die genau zu den erwünschten Bedingungen ausgebeutet werden konnte. Auch wenn die Sklaverei nicht mehr (in dieser Form) existiert, ist der Rassismus damit nicht verschwunden.

Im Gegenteil: Die moderne, kapitalistische Gesellschaft wird als Leistungsgesellschaft verstanden. Hierdurch ist sie jedoch weit unstabiler als die feudale Ordnung4, in der soziale Ungleichheit durch den Willen Gottes legitimiert werden konnte. Privilegien aus Leistung heraus bieten mehr Konfliktpotential, weil die Gesellschaft als ungerecht erlebt wird angesichts der Unterbewertung der eigenen Leistung. An diesem Punkt kommt die Ideologie des Rassismus ins Spiel. Sie dient als Legitimation für die sozialen Ungleichheiten, die nicht durch unterschiedliche Leistung erklärt werden können. Im selben Zug wird die Ausbeutung der Arbeitskräfte stabiler und lukrativer: Durch die Spaltung der Arbeitenden, wird verhindert, dass diese ihre gemeinsamen Interessen erkennen und Widerstand leisten und es wird möglich einen Teil der Arbeitenden zu noch schlechteren Bedingungen arbeiten zu lassen, was wiederum höhere Profite erlaubt. Daher ist die kapitalistische Produktionsweise5 angewiesen und tief verwurzelt mit der Ideologie des Rassismus.

Wem nützt Rassismus?
Rassismus als Ideologie bietet sich an, um eine Gemeinschaft zu begründen und künstlich zusammen zu halten. Wenn zum Beispiel in einem Staat Konflikte zwischen Armen und Reichen bestehen oder wenn die Menschen kaum noch einen Sinn in ihrer täglichen Lohnarbeit sehen, dann wird Rassismus zu einem wichtigen Herrschaftsinstrument. Die Herrschenden können dieses Instrument gezielt einsetzen, um die Beherrschten gegeneinander aufzuhetzen und sie können die sozialen Ungleichheiten durch vermeintliche Naturgegebenheiten rechtfertigen.

Rassistische Konstrukte wie Nation gewähren selbst denen eine Identität, die aus der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen oder von Ausschluss bedroht sind. Rassismus kittet zusammen, was sonst kaum gemeinsame Interesse verbindet: AusbeuterInnen und Ausgebeutete, Herrschende und Beherrschte. Allgemein hat die Ideologie des Rassismus eine stabilisierende Wirkung auf den Kapitalismus. Gesellschaftliche Verhältnisse erscheinen als naturgegeben und damit unveränderbar, wobei sie in Tat und Wahrheit ein Produkt der Gesellschaft, des geschichtlichen Prozesses sind.

Rassenwahn im Oberland

Die feste Zuversicht, das Gedankengut des Dritten Reiches sei historisch überwunden, trügt. Weit häufiger als erwartet, schlummern in den Menschen um uns Ideen, welche rassistisch, nationalistisch und faschistisch sind. Manchmal kennt man sie, vermutet sie, denunziert sie auch. Doch man ahnt sie nicht als Bestandteil eines hochgelobten „demokratischen“ Systems. So beispielsweise Jean-Jacques Hegg aus Dübendorf.

Jean-Jacques Hegg wurde 1930 in Basel geboren, wo er die Matur machte. Heute betreibt er als Facharzt für Psychiatrie eine Praxis in Dübendorf, seinem aktuellen Wohnort, nebenbei war und ist Hegg Journalist und auch Politiker. Er wurde kurz nach deren Gründung 1961 Mitglied der Partei Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat. Die NA war eine zahlenmässig kleine Partei, doch hatte sie mit ihrem rechtsextremen Gedankengut Erfolg. Sie ist übrigens die Vorgängerpartei der Schweizer Demokraten, kurz SD. Wie der Parteiname vermuten lässt, lag der politische Schwerpunkt der NA im Kampf gegen die „Überfremdung“. Laut NA liegt der „Überfremdung“ eine zweifache Enteignung der Schweiz zu Grunde: Einerseits die Enteignung von Grund und Boden durch „Nichtschweizer“, denn dadurch bestehe die Gefahr, die Schweizer „Eigenart“, der „Volkscharakter“ gehe verloren. Andererseits erfolge eine Enteignung der Umwelt durch die „Überbevölkerung“ der Schweiz. Das heisst, dass die NA die Schweiz als Einwanderungsland und Umweltproblematiken in einen engen Zusammenhang stellte. Und genau mit dieser Verknüpfung hatte die NA Erfolg. Mit James Schwarzenbach (siehe Kasten) als „erster rechtspopulistischer Politiker der Schweiz“ wurde die fremdenfeindliche Stimmung der Schweizer Bevölkerung kanalisiert und politisch genutzt.

Heggs politische Karriere fand ihren Anfang, als er 1974 in den Gemeinderat Dübendorf gewählt wurde. Dieses Amt hatte er bis 2004 inne, allerdings mit ein paar Unterbrechungen, da er von 1983 bis 1985 als Nationalrat und von 1987 bis 1991 als Kantonsrat von Zürich tätig war. Nebenher war er von 1980 bis 1990 Chefredaktor der Volk & Heimat, der Parteizeitung der NA. Neben den politischen und (teils) wissenschaftlichen Arbeiten, die Hegg während seiner Karriere in verschiedensten Zeitungen (NZZ und Sportzeitschriften) veröffentlichte, erschienen in der Volk & Heimat nur wenige Artikel von ihm. Diese aber brachten Hegg die Rolle der Legitimationsfigur. Damit ist gemeint, dass Hegg in seinen Aufsätzen oftmals das Verhalten oder das Programm der Partei legitimierte oder schwierige Punkte, wie zum Beispiel der Vorwurf, die NA sei rechtsextrem, publik diskutierte. Das bedeutet, durch seine Rolle als Chefredaktor wurde es ihm möglich, die NA gegen Aussen politisch zu positionieren. Er hatte die Verfügung, massgeblich über den Inhalt der Zeitung zu bestimmen, auch wenn die Artikel nicht von ihm verfasst worden waren. So schrieb Hegg auch den 1989 erschienen Artikel „Eugenik – neu betrachtet“ in dem es um die historische Legitimierung der Eugenik geht.

Doch Eugenik, was ist das? Eugenik ist keine Erfindung des Nationalsozialismus. Eugenische Denkansätze gab es schon vor 1933 und natürlich auch nach 1945 in verschiedenen Ländern und Ausprägungen. Das Wort „Eugenik“ stammt aus dem Griechischen und heisst soviel wie „wohlgeboren, von edler Abkunft“. Laut dem deutschen Universalwörterbuch ist die Eugenik die Wissenschaft von der Verbesserung körperlicher und geistiger Merkmale des Menschen. Die Eugenik ist aber nicht mit der natürlichen Auslese (Selektion) nach Darwin zu verwechseln. Währendem es bei der Selektionstheorie von Darwin darum geht, dass jeweils das stärkste Lebewesen einer spezifischen Gruppe überlebt, weil es am Besten an die Umwelt angepasst ist, folgen der Eugenik als Wissenschaft politische Eingriffe. So zum Beispiel staatliche Geburtenkontrollen, Zwangssterilisationen, Heiratsverbote für „Erbkranke“ wie Epileptiker. Es wird also zur politischen Diskussion, wer sich für die Fortpflanzung eignet und wer nicht. Erschreckend dabei ist, dass viele Vertreter der Eugenik, darunter auch Jean-Jacques Hegg, davon überzeugt sind, dass sich der Mensch nicht aufgrund von äusseren Einflüssen entwickelt, sonder dass seine ganze Entwicklung genetisch bedingt ist. Laut deren Meinung ist eine suizid- oder suchtgefährdete Person nur aufgrund ihres Erbmaterials suizid- oder suchtgefährdet.

Die Eugenik stellt also ein Wertesystem dar, in welchem definiert wird, welche Menschen über „gutes“ Erbmaterial und welche Menschen über „schlechtes“ Erbmaterial verfügen. Das hiervon Rassismus und Rassentheorien nicht weit entfernt liegen, ist klar. Der weiterführende Gedanke der Eugenik ist die Euthanasie. Sie meint primär den Gnadentod oder die Sterbehilfe, wobei aber der Faschismus den Begriff stark prägte: Euthanasie wird heute in der Allgemeinheit als ideologisch bedingte „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ verstanden.

Es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass es erschreckend ist, dass eine Person wie Jean-Jacques Hegg über Jahre Politik betreibt und politische Ämter innehat, ohne dass er (wenigstens) in den öffentlichen Medien angegriffen wird. Es ist erschreckend, dass man solche Personen reden lässt und es schockiert noch mehr, wie gross die Unterstützung und Nachfrage für einen Jean-Jacques Hegg ist.

James Schwarzenbach
James Schwarzenbach war wie Jean-Jacques Hegg in der NA aktiv, und zwar als Nationalrat (1967-1979), Fraktionspräsident (1971-1974) und Parteivorsitzender. Von Beruf war er Verleger und Schriftsteller, seine Schriften galten als antisemitisch und rassistisch. Er lancierte 1969 die nach ihm benannte „Schwarzenbach-Initiative“, die eine Begrenzung des kantonalen „Ausländeranteils“ auf 10 % forderte. Die Initiative wurde mit 46% Ja-Stimmen abgelehnt. Wäre sie angenommen worden, wären etwa 300′000 Personen ausgeschafft worden.

Leserbrief im ZO
Wer denkt, Jean-Jacques Hegg habe keine Unterstützer, liegt falsch: Am 28. Februar 2011 druckte der Zürcher Oberländer ein Leserbrief von Hegg ab, in dem der ehemalige NA-Politiker eine Wahlempfehlung abgibt. Dabei legt Hegg Wert auf Parteien, die sich einerseits für das ökologische System einsetzen, andererseits für solche, die den „Ausländeranteil“ der Schweiz senken wollen. So stellt Hegg in seiner bewährten Leier Unweltprobleme und Migrationspolitik ein einen direkten Zusammenhang.

Kein Mensch ist illegal

Während der Besetzung der Kleinen Schanze in Bern fanden drei iranische Menschen zusammen, die unabhängig voneinander in den Hungerstreik traten. Sie führten ihren Kampf zusammen weiter. Darüber ist ein 53-minütiger Dokumentarfilm entstanden.

Als sich im Sommer 2010 drei Iraner unabhängig voneinander in den Hungerstreik begeben, erfährt zunächst niemand etwas davon. Isoliert in den jeweiligen Asylheimen und ohne tragende Netzwerke, bleibt es vorerst ein einsamer und leiser Hilfeschrei. Als sie von der Besetzung der Kleinen Schanze durch die Bleiberechtsbewegung erfahren, einem Park in der Nähe des Bundeshauses in Bern, begeben sie sich dorthin und lernen einander kennen. Nicht mehr alleine sein, gehört und wahrgenommen werden – so ihre Hoffnung. Nach einer Woche wird die Besetzung aufgelöst, die Hungerstreikenden bleiben zurück und werden von der Polizei mitgenommen.
Farhads Gesundheitszustand ist nach 35 Tagen Hungerstreik kritisch und der Körper und die Psyche aller geschwächt. Hunderte von Medienschaffenden und Dutzende PolitikerInnen werden angeschrieben. Niemand zeigt Interesse, keine Antwort, keine Fragen – nichts. Versuche, in die Öffentlichkeit zu treten, scheitern. Vor dem Bundeshaus sitzen ist verboten. Einmalig erscheint eine kurze Mitteilung auf der Homepage von DRS – „Hungerstreik auf dem Bundesplatz verhindert. Die Berner Kantonspolizei hat am Montag auf dem Bundesplatz in Bern drei Männer angehalten, die vor dem Bundeshaus ihren Hungerstreik fortsetzen wollten.“ Angehalten heisst hier abgeführt. Verhindert heisst taubstumm gemacht.
Unser Film entstand aus diesem Unbehagen heraus. Einem Unbehagen den bürgerlichen Massenmedien gegenüber – einer Medienlandschaft, die nicht erlaubt was nicht konform ist. Konform sein ist eins sein, ist einig sein, ist unterwürfig sein .

Dieser Dokumentarfilm ist keiner, der für sich den Schein von Objektivität beansprucht. Uns liegt nichts daran „Spezialisten“ oder „Fachmenschen“ zu interviewen um zu „verstehen“. Auch brauchen wir keinen Chefredakteur, der uns sagt, was wichtig ist, was die Menschen vermeintlich hören und sehen wollen. Vielmehr sind die Protagonisten von „Kein Mensch ist illegal“ selbst Spezialisten ihres eigenen Lebens und sagen uns was SIE zu sagen haben. Unverblümt, unzensiert und nicht diplomatisiert erzählen sie informativ, subjektiv und durchaus auch verpönt normativ. Den ZuschauerInnen wird überlassen, was sie davon denken und davon halten sollen, wir jedoch ergreifen klar Partei. Warum Menschen ihre Länder verlassen ist vielschichtig und komplex und bedarf unserer Ansicht nach keiner Legitimation durch Staaten wie der Schweiz, die zum Teil dazu beitragen, dass Menschen nicht nur gehen wollen, sondern auch gehen müssen. Was uns in dem Film aber zentral erscheint, ist, was diese Gesellschaft hier mit den Menschen von dort macht – obschon es kein Mysterium ist, wieso sie das macht.

Unsere Stimme
Uns langt’s! Die Heime sind zu trist, die Idylle auf dem Land erstickt uns, die Zentren in der Stadt erdrücken uns – andauernde Kontrollen auf der Strasse, im Heim, beim Tram fahren. Die humanitäre Tradition ist ein Schein, ganz im Gegensatz zu unserem Sein. Unser Leben wird kontrolliert, organisiert und wir werden ständig transferiert. Unser Leben wird gelenkt und ertränkt. Nichts ist planbar, die jungen Jahre – ungenutzt. Politischer Flüchtling, Wirtschaftsflüchtling – kein richtiger Flüchtling, was ist ein Flüchtling? Ihr seid Abenteurer wenn ihr geht, wir sind Schmarotzer wenn wir kommen. Unsere Geschichten verstören euch – eure Praxis verstört uns. Ihr habt uns genug kommandiert, unsere Gedanken bewertet, begutachtet, kritisiert, kommentiert und kontrolliert – unsere Vergangenheit obduziert! Ihr macht uns klein, macht
uns ein, und wenn ihr spendet – von was macht ihr euch rein? Habt Angst um euren Wohlstand der auch unsere Arbeit ist. Wir, die billige Arbeitskraft, dort wie hier – ihr die Wohltäter jetzt und hier. Ihr schliesst euch ein, eure Festung Europa soll rein sein – von den dummen, den verdammten Islamisten – und kein Wort über Faschisten und Kolonialisten.
Euer IHR und WIR ist nicht unser wir und ihr. Für euch sind wir DIE ANDEREN, ihr seid DIE EINEN. Ihr der Westen, wir der Osten – der Süden – das Dunkle, die Tiefe. Begrabt euer Unbehagen, auch ihr seid wir und wir sind ihr – gekonnt kontrolliert und rationalisiert werden uns ALLEN die Fressen poliert. Wir wollen uns nicht gleichmachen, wir wollen uns auf machen…

Bevor du über mein Leben urteilen kannst, zieh meine Schuhe an und lauf meinen Weg. Durchlauf die Strassen und die Welt, die ich ging. Fühle die Tränen. Erlebe die Schmerzen. Erlebe die Jahre, die Monate, die Sekunden. Stolpere über die Steine, über die ich stolperte. Und steh immer wieder auf und geh genau diese Strecke.
Gedicht von Benjamin

«Wenn ich in ein anderes Land gehen könnte, würde ich ja gehen. Aber mit all den Gesetzen, mit euren Dublin- und Schengenabkommen, sind alle Wege für uns geschlossen.»
Bahram

Keine Begegnung unter Freunden

Kolonialismus und der Umgang mit dem „Fremden“
Mit der Entdeckung der „Neuen Welt“ vollzogen sich wesentliche Einschnitte im europäischen Denken, welche bis heute Diskurse sowohl über Sexualität wie auch über den Umgang mit dem Fremden prägen. Das bis dahin gültige Weltbild musste wesentliche Veränderungen vollziehen, welche heute in Form bestimmter Stereotypen und Vorstellungen über Natürlichkeit, Sexualität, aber auch in Form von Rassismus wieder auftauchen. Es soll versucht werden, diese Prozesse nachzuzeichnen um so heutige Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen als Produkte eines historischen Prozesses verständlich zu machen.
Als Kolumbus in Amerika landete, fiel mit ihm zugleich auch eine Deutung der Welt in das scheinbar noch unberührte Land ein. Ausgehend von der herrschenden Ideologie der Bibel, musste das Neue eingeteilt werden, sowohl Land wie auch Leute. Zu jener Zeit, wie auch noch in den darauf folgenden Jahrhunderten (bis ins 18. Jahrhundert), war die mosaische Genealogie des alten Testamentes das dominante Erklärungsmodell für die Menschheitsgeschichte. Dabei wurden die Menschen um ihr (kulturelle) Verschiedenartigkeit zu begründen, in 3 Gruppen eingeteilt, welche jeweils einen biblischen Stammvater hatten und auf eine Verfehlung der Menschen in den Augen Gottes zurückgingen: Sem als Stammvater der Völker des Nahen Ostens, Japhet als der des griechischen-kleinasiatischen Bereichs und Ham als Stammvater der Völker Nordafrikas und Ägyptens. Es ist offensichtlich, dass hier die indigene Bevölkerung Amerikas, wie auch jene des südlich der Sahara gelegenen Afrikas, keinen Platz findet.

Die Entdeckung der „Anderen“
Mit der Kenntnisnahme der Neuen Welt in Europa entstehen Brüche im genannten Modell. Dennoch kann es sich halten – so werden etwa die indigenen Bevölkerungen der amerikanischen Kontinente mit den „verlorenen Jüdischen Stämmen“ gleichgesetzt, die Neue Welt als das verlorene Paradies interpretiert und so in den althergebrachten Deutungsrahmen eingeordnet. Obschon diese Menschen aus dem biblischen Kontext zu fallen drohen, wird ihre Menschlichkeit nicht bestritten, jedoch meist als minderwertig beschrieben und mit negativen Vorzeichen konnotiert. Die Einteilung erfolgt bis in die frühe Neuzeit zumeist an religiösen Charakteristika und sind somit auch (noch) keine festen Merkmale, sondern sie können mit dem Übertritt zur „richtigen“ Religion „rein (respektive weiss) gewaschen“ werden. Nicht physische Eigenschaften, respektive eine unterstellte Natur, sondern kulturelle, religiöse Zugehörigkeit war zu jener Zeit ausschlaggebend für die Einteilung in Eigenes und Fremdes.
Erst im 17. Jahrhundert ändert sich die Situation, was am Beispiel von Thomas Hobbes „Leviathan“ verdeutlicht werden kann: Durch die Unterstellung eines Naturzustandes, in welchem das menschliche Leben jenen der Tiere ähnelt („das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“(Hobbes 1991: 96), wird der Mensch zusehend biologisch, über seinen Körper definiert. Die „Fremden“ werden im Laufe dieser Entwicklung anhand ihrer Körpertechniken, ihres Aussehens und Auftretens mit bestimmten kulturellen Praktiken assoziiert und in „zivilisiert“, respektive „wild“ eingeteilt. Die Basis für einen modernen, biologischen Rassismus wird gelegt.

Weiblichkeit im kolonialen Diskurs
Die aufkommende Zuschreibung anhand körperlicher Merkmale verweist dabei auf einen weiteren Aspekt der Kolonisierungsgeschichte Amerikas. Wo anfänglich noch das irdische Paradies vermutet und die Nacktheit mancher indigenen Bevölkerungen als Zeichen ihrer Unschuld interpretiert wurde, setzt zugleich auch ein Zugriff auf deren Körper ein. So wird diese Nacktheit zunehmend mit Primitivität gleichgesetzt, mit fleischlicher Degeneration, zügelloser Sexualität, Animalität und Kulturlosigkeit.
Das Land, welches von den Konquistadoren als jungfräulicher Garten Eden beschrieben wurde, wird durch sie penetriert – auf den Flüssen dringen sie in das Innere ein und wundern sich ab vermeintlichen Amazonen, welche ihre Männlichkeit in Gefahr brachten. So stellte etwa Kolumbus, zwischen Verwunderung und Abscheu hin und her schwankend, fest:

„Diese Frauen beschäftigen sich mit Dingen, die ihrem Geschlecht nicht geziemen, sondern handhaben ausschliesslich Bogen und Pfeil“ (Kolumbus 1992: 296).

Während die Frauen, die aus ihrer ihnen zugedachten Rolle fallen, als Bedrohung wahrgenommen werden, wird auf der anderen Seite den indigenen Männern diese geradezu abgesprochen: Ihnen wird prinzipiell Feigheit unterstellt, und andernfalls wird ihre physische Stärke zwar hervorgehoben, gleichzeitig jedoch wieder entwertet, indem ihnen vermeintlich weibliche Attribute zugeschrieben werden und so nur noch die europäischen Konquistadoren als alleinige „Herren“ der (Neuen) Welt auftreten können. Die Eroberung der indigenen Kulturen beider Amerika ist gleichzeitig auch die Bestärkung der männlichen Herrschaft.
Der Zugriff auf das Fremde erfolgte so einerseits durch ein eurozentristisches Weltbild, fundiert in der christlichen Religion, andererseits aber auch durch die Etablierung eines Diskurses über Weiblichkeit und männliche Herrschaft. Die indigenen Anderen werden als primitiv und wild, so wie als „verweiblicht“ dargestellt, respektive „entwertet“.

Und heute?
Auch wenn heute kaum mehr „erobert“ wird, wie dies die Konquistadoren taten, sind dennoch wesentliche Grundsteine für unsere Wahrnehmung des Fremden in jener Zeit gelegt worden. Nicht nur, dass in diesen Tagen wieder ein christlich basierter Wertekonsens bedient wird, welchen es (dieses Mal) gegen islamische Einflüsse zu verteidigen gelte (Erinnert sei an die von Thilo Sarrazin ausgelöste Debatte), sondern viel mehr hat jene Zeit unsere Wahrnehmung des Fremden, die Unterstellung einer unüberbrückbaren Andersartigkeit, die Assoziation von Nacktheit und Animalität, respektive Primitivität nachhaltig geprägt, bis in die Wissenschaft hinein. Die Verknüpfung kultureller Praktiken mit vermeintlich biologischen Eigenschaften und bestimmten Körpertechniken hat sich zwar seit Ende des zweiten Weltkrieges selbst diskreditiert, wird aber in subtiler Form weiterhin vollzogen. Auch heute noch herrscht ein beinahe unhinterfragter Eurozentrismus wenn es um die Einteilung von kultureller Andersartigkeit und Zivilität geht, so wie auch Zuschreibungen auf Grund des Geschlechts, respektive vermeintlicher „Weiblichkeit“, weiterhin zentrale Strategien (männlicher) Herrschaft darstellen.

Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema führt das Buch Wilde Frauen, Fremde Welten. Kolonisierungsgeschichten aus Amerika von Sabine Schülting, welches an dieser Stelle nur sehr empfohlen werden kann.

Uneigener Wahn

Das Licht schien ihr schwach ins Gesicht. Ihre Haare strähnig und fransig, der Kragen hoch getragen. Sie drückte ihre Hände fest an ihren Bauch. Langsam drehte sie ihren Kopf nach links. Wäre nicht das ständige Summen, hätte man gehört, wie ihr Nacken knackste. Die Haut unter ihren Augen war dunkel. Um ihre Lippen hatte sie kleine Fältchen. Sie fand sich schön. Morgen ist alles vorbei, dachte sie. Ihr war kalt. Der Druck auf ihren Schultern, auf ihrem Kopf, auf ihren Beinen war gross. Schwer, schwer fühlte sie sich an. Wenn sie sich auf ihre Mundwinkel konzentrierte, spürte sie das Gewicht an ihnen. Sie blickte vor ihre Füsse. Hinter ihr das Summen, vor ihr die Gleise. Gleise, Richtung Endbahnhof. Endstation. Endlager. Endlösung.

Die Bank war hart. Wieso bist du gegangen? Wieso hast du in mir diese unvorstellbare Hartnäckigkeit hinterlassen? Der Rauch über ihrem Kopf, der Rauch über ihrem Kopf und ihrer Bank. Tausend kleine Staubpartikel. Sie begann zu laufen. 11 Schritte, nicht mehr. Sie kehrte wieder um, sie konnte nicht anders. Sie setzte sich wieder hin, starrte auf ihre Füsse. Die Gleise schimmerten im licht. Sie übertrugen Geräusche aus weiter Distanz, doch heute erzählten sie ihr nichts. Sie fragen nicht einmal. Nicht mehr. Sie stellte sich vor, einen steilen Hügel hinauf zu rennen. Ich versuche deine Hand zu halten, dich für immer fest zu halten. Die Steine rutschten unter meinen Füssen, ich komm nicht vorwärts. Ich will aber. Ich will.

Mager war sie geworden. Wie denn nicht? Sie fror. Sie stand wieder auf, lief einen kleinen Kreis um ihre Bank. Wie gerne würde sie den Wind spüren. So richtig. Wie damals, als wir gemeinsam oben waren. Im Gras liegend, umarmend. Sie hätte gerne geweint. Aber der Druck war zu gross. Sie hatte Angst. Davor, was morgen passieren wird. Es war die Angst vor der Erlösung. Hoffentlich. Sie legte sich hin mit dem ständigen Summen im Ohr, mit dem Hunger und der Kälte der letzten sieben Jahre. Wo bist du jetzt? Vermutlich frei oder tot.

Sie wachte auf. Sie spürte eine leichte Erschütterung. Der Zug, der Zug! Sie richtete sich schnell auf. Sie hörte einen schweren Zug, einen grossen Zug. Das Summen hatte nicht aufgehört. Sie fuhr sich durch die Haare und packte ihre dünne Decke, ihrem Kalender und ihr Notizbuch in ihr Leinensack. Sie war fertig.

Aus der Zugtüre stiegen drei Männer, musterten sie. Einer schaute sie übermässig prüfend an, fuhr sich mit dem Handrücken über seinen Mund und bewegte sich auf sie zu. Doch der Kleinste von ihnen hielt ihn zurück und warf ihm einen ernsten Blick zu. „Hast du alles?“ fragte er die Frau. Die Frage sei überflüssig, dachte sie und nickte. Der Mann – in der gleichen Uniform wie die Anderen – löste sie und sie stiegen in den Zug. Innen war es gemütlich, zumindest gemütlicher als auf ihrer Bank. Die Männer tranken Kaffee. Der Zug fuhr an. Sie hätte gerne raus gesehen, doch die Fenster waren durch Vorhänge bedeckt. Aber sie roch den Rauch und hörte das stetige Summen. Und Menschen, die schrien.

Die Männer brachten sie auf ein kleines Zimmer mit sauberem Bett. Es war ein Zimmer mit vier Wänden, ihren vier Wänden, auch wenn nur für ein paar Stunden. Es schien ihr ungewohnt, nicht beobachtbar zu sein.

Sie wurde von einer jungen Frau geweckt und in einen Ankleideraum gebracht. Man badete sie und zog ihr neue Kleider an. Da kamen zwei Männer rein, wie die Anderen schwarz gekleidet. „Hier ist dein Auftrag!“ sagte der Dünnere von beiden und lächelte flüchtig. Sie legten ihr den Gurt um.

Der Zug hielt vor einer Fabrik. Sie hörte es am Summen und sie roch den Rauch. Sie wurde aufgefordert, schnell auszusteigen und sich den Scharen anzuschliessen. In langsamen Schritten passierten sie das Tor. Sie, die Vielen. Nie mehr, nie mehr darf es so enden, dachte sie. Nie mehr werde ich dich fühlen. Nie mehr werden wir gemeinsam den Wind spüren. Sie begann zu arbeiten, bis sie Mauern und Maschinen bersten liess.

Wie die Kleister-Terroristen vorgehen

Der ordnungs- und freiheitsliebende Schweizer Bürger geht Abends bei Zeiten ins Bett, um am nächsten Morgen wieder ausgeschlafen und motiviert zur Arbeit zu erscheinen. Der Kleister-Terrorist nutzt dies schamlos aus: Er macht sich um diese Zeit daran, sein teuflisches Werk vorzubereiten. Dazu mischt er Fischkleister mit Wasser. Dieses volkszersetzende Gemisch füllt er dann in eine grosse Pet-Flasche in deren Deckel er vorher ein Loch geschnitten hat. Dann nimmt er einen grossen Pinsel und die Flasche und steckt beides in einen Plastiksack. Die Plakate, mit welchen er die Wände und Stromkästen unseres schönen Landes verunstaltet, steckt er in einen anderen Sack.

Vorzugsweise sind Kleister-Terroristen zu zweit unterwegs, haben sie doch das wunderbare und wohlstandsfördernde Konzept der Arbeitsteilung skrupellos für ihr hinterhältiges Treiben adaptiert. Ein Terrorist trägt die Plakate und der andere die Flasche und den Pinsel. Wenn ihnen nun ein Bürger entgegenkommt, dem Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit noch etwas bedeuten, wird er dennoch nichts merken, da diese Fieslinge ihr Material in völlig unauffälligen Plastiksäcken transportieren und dazu den Arglosen täuschen, indem sie in seiner Hörweite untereinander völlig unverdächtige Gespräch führen.

Meist haben Kleister-Terroristen Latex-Handschuhe und Regenjacken an, weil der Kleister doch recht hartnäckig haftet auf Haut und Kleid. In dieser Kampfmontur schlagen sie gnadenlos zu: Zielstrebig gehen sie auf die Wand zu. Einer leert nun Terror-Kleister auf den Terror-Pinsel (die Flasche braucht er wegen dem Loch im Deckel nicht zu öffnen) und schmiert ihn ohne schlechtes Gewissen auf die Fläche, die nachher das Terror-Plakat einnehmen soll. Sein Komplize hält unterdessen Ausschau nach Menschen, welche zufällig vorbeikommen könnten. Auch achtet er insbesondere auch auf Fensterfronten und Balkone, da sich Herr und Frau Schweizer ab und zu mal eine nächtliche Zigarette genehmigen. Dann nimmt er das Terror-Plakat und drückt es auf die gekleisterte Fläche. Danach schmiert der andere Terrorist nochmal Kleister darüber.

In ihrem Plakatierrausch sind die Terroristen kaum mehr zu stoppen. Oft nehmen sie sich ganze Strassenzüge vor, die sie mit ihren Schreckensbotschaften zu einem Plakat-Schlachtfeld machen. Dabei gehen sie aber sehr überlegt und berechnend vor: Kaltblütig wie sie sind überlegen sie sich bereits im Voraus eine Route für ihren Terrorzug. Dabei achten sie darauf, dass sie nicht zweimal durch die selbe Strasse gehen, da das beim ein oder anderen aufmerksamen Bürger – berechtigterweise muss man sagen – schon Panik auslösen könnte und an möglichst vielen geeigneten Flächen vorbeikommen. Auch achten die Terroristen auf Kameras, umgehen sie und machen sie dadurch auch noch völlig unnütz!

So werden Nacht für Nacht viele unschuldige, tadellose Fassaden im ganzen Land Opfer solcher Saubannerzüge, gerade in Zeiten des Wahlkampfs, wo ehrliche, grossherzige und sich aufopfernde Menschen um unsere Stimme bitten. Dies tun sie mit Pakaten, welche sie für hartverdientes Geld gesetzestreu aushängen. Leider sind diese Plakate ein besonders beliebtes Ziel für die Kleister-Terroristen und ihren abnormalen Humor (siehe Bilder vorne). Laut unseren Recherchen werden in den rechtsfreien Löchern dieses Landes bereits Pinsel gewetzt, Kleister gemischt und neue Schreckensplakate entworfen, mit welchen brave, unschuldige und friedliebende Schweizer unfreiwillig auf dem Weg zur Arbeit, zur Migros, zur Stammbeiz und zum Schiessstand konfrontiert werden.

Sex und Rollenspiele – Meinungen von Frauen

Es wurden befragt: Lena (24), Domi (20), Manuela (31), Natalja (22)

1) Wieso glaubst du, gibt es Rollenspiele beim Sex?

Lena: Ich glaube, es gibt Rollenspiele beim Sex, weil der Kopf, die Vorstellungen und Ideen ein sehr grosser Teil der Sexualität darstellen. Ob uns etwas erregt oder nicht entscheidet allein unser Kopf und ich denke Rollenspiele regen da unsere Fantasie und somit auch unseren Körper an.

Domi: Sex ist eine höchst intensive Form einer Beziehung und meiner Meinung nach prägen Rollenspiele jeglicher Art alle Beziehungen in unserem Leben. Schon Kinder spielen sie, warum also sollen sie vor dem Sex Halt machen?

Manuela: Es gibt in der Realität und im Alltag Rollen, die jeder Einzelne von uns hat. Es gibt Rollen zwischen Frauen und Männern, also Geschlechterrollen. Und weil Sex nichts völlig Abgehobenes und Unabhängiges ist, gibt es auch Rollen beim Sex. Und Rollen können eben gespielt werden.

Natalja: Die Rollen der Sexrollenspiele gehören für mich nicht in die Kategorie der gesellschaftlichen Rollen (wie die traditionellen Geschlechterrollen), sondern zu denjenigen, die wir als Mensch tagtäglich spielen, um uns eine Identität zu schaffen. So können Rollenspiele eine sexuelle Identität schaffen, die wir vielleicht gerne hätten, sie aber nicht erreichen, und darum „nur“ spielen.

2) Wie müsste man denn „Rollenspiel“ definieren? Was für Rollen gibt es? Woher kommen diese?

Lena: Rollenspiel ist, wenn wir durch Vorstellungen, Verhalten, Gegenständen oder Bilder versuchen, aus der nüchternen Tatsache, dass zwei (oder mehrere) nackte Menschen miteinander im Bett sind, ein sexuelles Abenteuer zu kreieren. Unter Rollenspiele stelle ich mir also nicht nur vor, dass ich nun die Herrin bin und mein Gegenüber ein Sklave, sondern auch das Ausdenken und Aussprechen von erregenden Szenen oder das gemeinsame Phantasieren wo wir uns gerade mit wem befinden. Aber Rollenspiele sind sicher nicht das gleiche wie Rollen. Wenn zum Beispiel die Frau heute oft als unterwürfig und der Mann als dominant und omnipotent dargestellt wird, dann sind das gesellschaftlich vorherrschend Rollen und haben nichts mit Spiel zu tun.

Domi: Ein freiwilliges Miteinander interagieren wobei jeder eine alltagsfremde Rolle übernimmt oder sie stark verstärkt. Da kann man sich sehr viele vorstellen, aber ich denke, alle laufen schlussendlich (in unterschiedlichster Ausprägung) auf zwei Rollen hinaus; die Devote und die Dominante. Diese kommen meiner Meinung nach aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. In jedem Moment übernimmt jemand die dominante, jemand die devote Rolle, wichtig dabei ist, dass diese sich abwechseln! Wobei beide Rollen sich auch gleichzeitig in einer Person vereinigen können

Manuela: Rollenspiele beim Sex, werden es dann, wenn mensch mit diesen Rollen spielt, ob sie oder er dann übertreibt oder vertauscht oder umgestaltet, all das würde ich zum Spielen zählen. Es könnte eine Art Verarbeitung, ein Versuch der Umgestaltung der gegebenen Rollen sein. Ich denke dies auch, wenn Rollen aus dem Alltag im Extremen gespielt werden.

Natalja: Das Spiel der Rollen funktioniert nur, weil es Polaritäten gibt, also Gegensätze, welche Spannung erzeugen. Diese Gegensätze könnten beispielsweise sein: Aktiv / Passiv, Herrschend / Dienend.

3) Glaubst du, die Initiative Rollenspiele zu spielen geht eher von Männern oder von Frauen aus?

Lena: Ich denke die Initiative kommt eher von den Frauen, denn Rollenspiele und Experimente sind ein Mittel um die vorherrschenden Rollen zu durchbrechen und die zum Teil sehr eindimensionale Vorstellung von Sexualität zu erweitern.

Domi: Ich glaube kaum, dass es möglich ist, das zu beantworten. In dem Moment, indem jemand ein Rollenspiel initiiert, spielt er es sogleich in der dominanten Rolle. Und werden Rollenspiele überhaupt initiiert? Entwickeln sie sich nicht eher schleichend?

Manuela: Das ist eine schwierige Frage. Dahinter steckt wohl die Ahnung, dass Männer vielleicht gerne die Stärkeren spielen, gerne dominieren. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Initiative häufiger von Frauen ausgeht.

Natalja: Das weiss ich nicht und ich habe in den bisherigen Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch keinen markanten Geschlechterunterschied bemerkt.

4) Warum?

Manuela: Männern sind Wünsche beim Sex oft peinlich und sie haben Angst in eine Ecke gestellt zu werden, so beispielsweise als pervers oder schwul zu gelten. Diese Angst ist bei Frauen geringer, denke ich. Dies liegt einerseits am herrschenden Umgang mit Sexualität und das „an den Pranger stellen“ von „Perversionen“ und anderseits, denke ich, dass Frauen noch immer weniger ernst genommen werden als Männer, generell und auch explizit beim Sex. Ein gutes Beispiel wäre, das küssende Frauen eher zur Lust des Mannes posieren, jedoch küssende Männer auf jedenfall schwul sind.

5) Kannst du dir vorstellen, dass Frauen Spass beim Rollenspiel haben? Vielleicht mehr als sie sonst in ihrer Sexualität erleben?

Lena: Ja, eben genau weil es den konventionellen Rahmen sprengt und Raum öffnet für Experimente. Aber Rollenspiele können vielleicht auch das Gegenteil bewirken, so dass die Frau versucht, möglichst gut die klassische Porno-Rolle zu imitieren, um so (vielleicht sogar vorauseilend) den Fantasien des Mannes gerecht zu werden.

Domi: Ja. Beim Sex kann man devote und dominante Rollen zugespitzt ausleben, wofür es (solange es auf einer gesunden Basis getan wird) enorm viel Vertrauen benötigt und es zugleich geschafft wird. Und meiner Meinung nach wird Sex durch erhöhtes Vertrauen besser. Zudem finden die meisten Rollenspiele hauptsächlich im Kopf statt und man weiss, das Gehirn ist das grösste Lustorgan des Menschen und es gibt so einige Frauen, die Mühe haben rein „mechanisch“ beim Sex zum Orgasmus zu kommen, Rollenspiele können dabei helfen indem sie die Phantasie intensivieren können.

Manuela: Ich fasse die zwei Fragen zu Einer zusammen, die lautet, ob Frauen beim Rollenspiel mehr Spass erleben als beim sogenannten „normalen“ Sex?
Das kann ich mir gut vorstellen, da einmal das Sexuelle in Rollen ein wenig geschützt ist, da ein Spiel vielleicht nicht ganz Realität ist. Das heisst die Realität wird spielerisch gestaltet. Da kann übertrieben, experimentiert und Grenzen übertreten werden. Die Rolle schützt, genauso wie eine Maske. Die Rolle ist nicht mehr die Person im Alltag. sondern die Person in der Rolle beim Sex. Frauen und auch Männer dürfen dann mehr. Es ist mehr erlaubt in dem Spiel mit dieser oder jener Rolle, viel mehr als wenn ich und du ohne Rollenspiel Sex haben.

Natalja: Rollenspiele können für Personen eine Chance sein, die ansonsten eine unbefriedigende Sexualität haben. Diese Möglichkeit ist aber mit Vorsicht zu geniessen: Ich finde wir sollten so offen über Sex reden können, dass jede Person ihre Bedürfnisse kund tun kann, ohne dass sie Restriktionen erwartet. Die Erfüllung dieses Wunsches, oder besser dieser Forderung, bedarf aber noch vieler gesamtgesellschaftlicher Arbeit.

6) Was kann es bewirken oder auslösen, wenn die Frau während einem Rollenspiel die dominante Rolle übernimmt? Was hat diese Rolle der dominanten Person für eine Bedeutung für Frauen?

Lena: Es tut gut, mal domiant zu sein, so zur Abwechslung, denn oft sind wir Frauen das im normalen Alltag selten. Es ist auch angenehm die dominante Rolle zu übernehmen, vielleicht weil Dominanz auch immer etwas mit Kontrolle zu tun hat. Und ich glaube, wenn die Frauen den Ablauf des Sex aktiv mitgestalten oder bestimmen können, dann ist das viel lustvoller. Rollen müssen aber immer dynamisch bleiben damit sie nicht einengen. So ist es auch sehr lustvoll, zu merken, wie die Lust des anderen einem beherrscht und frau sozusagen „erobert“ wird.

Domi: Es kann zu einem völlig neuen Selbsterlebnis führen was sich durchaus positiv auf den Rest des Lebens auswirken kann. Vielleicht kann es helfen, erstmals Gefallen an einer ausgeprägt dominanten Rolle zu finden, Selbstvertrauen zu schaffen. Generell denke ich aber, das genau dies eine gesunde Sexualität im allgemeinen tut, und bin unsicher darüber, ob das von einer dominanten oder devoten Rolle abhängt. Jedenfall fällt sie aus dem Rahmen des klassischen Frauenbilds, warum die Hemmschwelle der dominanten Rolle für Frauen vielleicht höher liegt.

Manuela: Frauen sind dominant beim Sex, wenn sie dazu Lust haben. Dominant im Alltag, ist in der Regel der Mann. Das sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, wo der Mann in den meisten Bereichen noch privilegiert ist. z.b. bei Lohn und Hausarbeit. Weil im Alltag, in der Arbeit und in der Familie, die Frau eher durch ihre Rolle der schlecht bezahlten Teilzeitarbeiterin oder der Hausfrau nicht der dominante Part ist, kann es eine emanzipatorische Handlung sein. Jedoch ist es wohl kaum so, dass Frauen die im Geschlechterverhältnis und Arbeitsverhältnis eher eine unterlegene Rolle haben, beim Sex plötzlich die dominante Rolle inne haben. Eine Verbindung wird wohl bestehen, das heisst die Personen müssen sich wohl über ihre Rolle im Produktions- und Reproduktionsprozess Gedanken gemacht haben. Auch zu überlegen wäre, welche Menschen mehr diesen Sex leben, das sind wohl weniger proletarische Leute. Proletarische Leute haben weniger Zeit und Energie, sich bewusst mit dem Thema auseinander zusetzen und Sex durch Rollenspiele zu bereichern.

Natlja: Wie schon gesagt, es kann eine Chance sein, sich einmal als Frau in der dominanten Rolle zu befinden. Es ist aber wiederum gefährlich: Die dominante Rolle zu spielen heisst auch, den Vorstellungen von Dominanz zu entsprechen. Und welche Hälfte der Gesellschaft macht uns Frauen denn vor, wie Dominanz aussieht?

7) Kannst du dir die Faszination dafür erklären, dass sich Männer wünschen, dominiert zu werden? Wieso bezahlen Männer dafür Geld, von „Dominas“ durch Schmerzen unterdrückt zu werden?

Lena: Das ist ein komplexes Thema und ist nur ein sehr kleiner und spezieller Teil der Rollenspiele.
Eine Erklärung, die ich mal von einer Psychoanalytikerin gelesen habe, scheint mir interessant:
Sie geht davon aus, dass alle Menschen die sogenannt weiblichen und männlichen Charaktereigenschaften in sich haben. Weil wir aber in dieser Gesellschaft je nach Körper nur eine Seite offen ausleben können, wird die andere oft unterdrückt. Der Wunsch des Mannes nach einer Domina ist Ausdruck dieser unterdrückten Wünsche, auch mal schwach, passiv oder unterwürfig zu sein…

Domi: Ich denke, oftmals sind dies Männer, die in ihrem echten Leben eine höchst dominante Rolle einnehmen. Jeder Mensch trägt beides in sich, und wenn das eine im Extrem ausgelebt wird (durch enorm hoher Job, sehr devote Ehefrau usw.) entsteht wohl ein Verlangen nach dem anderen. Und aus fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz, der Mann ist zu schüchtern, seiner Phantasie mit seiner Frau/Freundin zu folgen und damit dem Männerbild nicht mehr zu entsprechen.

Manuela: Diese Frage, so wie auch die Anderen, können nur durch komplexe Antworten befriedigt werden. Jedoch ist das im Rahmen diese Interviews kaum möglich. Ich möchte hier einige Gedanken nennen: Erniedrigt werden, Schmerzen spüren usw: Auch diese Wünsche sind nicht alle in einen Topf zu werfen, jede Person hat andere Wünsche und sexuelle Bedürfnisse. Dominant ist nicht gleich dominant. Da gibt es tausende Unterschiede. Jedoch können wir es hier mal mit dem „schwarz vs. weiss“-Schema versuchen zu betrachten, bzw. „dominant vs. devot“. Wenn wir sagen können, dass in der Gesellschaft Frauen immer noch mehrheitlich die devote Rolle inne haben und die Männer mehrheitlich die Dominante, dann ist das auf deine Frage bezogen bei den Männern wohl oft so, dass sie sehr viel Verantwortung haben im Job, viele Mitarbeiter unter sich usw. Er kann es sich leisten, sich den Arsch versohlen zu lassen. Er macht das vielleicht geheim für viel Geld, jedoch kann er den Widerspruch zwischen Alltag und Sex als Ausgleich betrachten, als spezielles Abenteuer sozusagen. Es ist erlaubt im Spiel, aber verboten im Alltag. Warum zahlen für Schmerz? Geld kann Frau und Mann für alle Wünsche bezahlen, egal ob Streicheleinheiten oder Schmerzen. Schmerz ist also ein Bedürfnis, so wie alle anderen sexuellen Wünsche die man durch Geld erwerben kann.

Natalja: Für uns Frauen gibt es kein vergleichbares Angebot wie für Männer, also keine männlichen Dominas, wie können wir so denn behaupten, dass nur Männer dominiert werden möchten? Diese Behauptung ist meiner Meinung nach nicht belegt und deshalb schwierig. Wenn es denn wirklich so wäre, dass nur Männer den Wunsch nach Domination hegen, dann kann ich mir das schon mit den gesamtgesellschaftlichen Umständen erklären, die vorhin erwähnt wurden.

8) Sind Rollenspiele eine Möglichkeit, heutige Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft zu durchbrechen? Kann man anhand vom Rollenspiel „aus der Rolle fallen“?

Lena: Ich denke schon, aber die Gefahr ist immer da, dass wir die Geschlechterrollen trotzdem reproduzieren, denn unsere Fantasien sind ja auch Produkt der gesellschaftlichen Gegenwart.

Domi: Privat bestimmt. Gesellschaftlich vielleicht durch eine geringere Tabuisierung. Unsere Gesellschaft ist völlig tabufrei wenn es um irgendwelche Sexpraktiken geht, über den psychologischen Aspekt eben dieser wird jedoch wenig gesprochen. Und genau das ist Rollenspiel. Ausgepeitscht zu werden ist ohne dazu passender Phantasie, Spiel und Rahmenbedingungen nichts weiter als ein Gewaltakt. Man sollte sich vielleicht wieder einmal beim Thema Sex mehr über den Kopf und weniger über den Anus unterhalten.

Manuela: In der ersten Frage hatte ich von diesem Moments des Durchbrechens von Rollen gesprochen. Ich denke, dass ein Durchbrechen oder gar neu gestalten immer mit einem Aufbruch – auch in nicht-sexuellen Verhältnissen – verbunden sein muss. Denn die Sexualität ist auch im Alltag präsent und deshalb mit unserer Rolle in der Gesellschft, in der Arbeit, in der Familie, bei Freunden verbunden. Ein Durchbrechen oder Ausbrechen ist also nur möglich, wenn es auf mehren Ebenen abläuft. Alles andere ist eine Illusion. Wenn mensch sich nicht mit dem Verhältnis zwischen Frau und Mann auseinandergesetzt, also dieses eventuell auch in Frage stellt oder nicht erstrebenswert und belastend findet, bedeutet das, dass der mensch schon die herrschenden Verhältnisse im Ansatz in Frage zu stellen anfängt. Nur der kann dann im sexuellen Rollenspiel dies vielleicht fortsetzen. Rollenspiel ist auch, dass die beteiligten die Rolle des Alltags spielen. Das ist irgendwie logisch. Diese Rolle ist vertraut, Mann und Frau können sich vielleicht in diese fallen lassen. Es ist auch Verarbeitung, es ist einfach, es ist erlaubt. Man und Frau sind akzeptiert in diesen Rollen. Fühlen sich auch irgendwie wohl, weil sie es gelernt haben, sich darin wohl zu fühlen.

Natalja: Nennen wir die Position, die wir haben, wenn wir aus der Rolle fallen, mal „Anti-Rolle“: Wie setzt sich diese Anti-Rolle zusammen? Ich denke, aus Verhaltensmustern, die wir als gegensätzlich zur „normalen“ Rolle gelernt haben. Das heisst, wenn wir aus der Rolle fallen, und mal während dem Sex eine „aussergewöhnliche“ Rolle einnehmen, dann nehmen wir uns auch wieder erlernten Rollenbildern an und performieren das, was von uns erwartet wird. Ich weiss nicht ob das problematisch ist, man muss sich dessen einfach bewusst sein, dass „Anti-Rolle“ auch immer eine Rolle ist. Deshalb glaube ich nicht, dass die traditionellen Rollenbilder mit Sexspielen zu durchbrechen sind, eine solche Veränderung ist nur gesamtgesellschaftlich möglich.

9) Spontan: Welche Vorteile siehst du im Sex-Rollenspiel?

Lena: Rollenspiele sind luststeigernd, sie erregen unser primäres Sexualorgan, nämlich das Gehirn, und sie sind ein gutes Rezept gegen Langeweile.

Domi: Sich und den anderen auszuforschen. Vertrauensschaffung. Verarbeitung des Alltags. Indirekte Kommunikation.

Manuela
: Eben wie gesagt, ein Vorteil wäre, dass Frau und Mann die Möglichkeit haben, oder sogenannte Erlaubnis, da die moralische Keule nicht so hart zu schlägt, zu übertreiben, sich fallen zu lassen und Wünsche und Ideen ausleben können. Für die sie gesellschaftlich, also im Alltag diskriminiert und verurteilt werden. Es ist ein kleiner Freiraum. Der ist aber nicht einfach so gegeben, der muss immer wieder verteidigt und erkämpft werden, gegen traditionelle und reaktionäre Geschlechterrollen. Da es im Moment keine starke Frauenbewegung gibt, die für andere Geschlechterverhältnisse und gegen den Kapitalismus auf die Strasse geht, ist auch der Freiraum, in dem die Rollen umgeworfen werden und aus der Rolle gefallen wird, recht klein.

Natalja: Abwechslung im Sexleben, neuer Erfahrungshintergrund, Möglichkeit zur Entfaltung und Neuentdeckung des Ichs. Rollenspiele sind aber mit Vorsicht zu geniessen und man sollte immer kritisch hinterfragen, wieso man was gerade spielt, wenn man eine andere Rolle einnimmt.