Archiv der Kategorie 'Ausgabe #1, April 2010'

Ausgabe April 2010 – Inhaltsverzeichnis

Die GewaltEin Gedicht von Erich Fried

Ladendiebstahl lohnt sich doch!Beitrag von indymedia.ch

Der Alltag im CallcenterInterview mit zwei Betroffenen

Wie war es denn früher?Aussenseiter im Mittelalter

Eine Kaffindianerin kauft einGeschichte übers Containern

Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution…Gedanken zu den Solikonzerten am 8. Mai und 22. Mai

Der Mongo-AppellÜberlegt euch, was ihr sagt!

(Gegen-)GewaltZur Gewaltfrage

Eine bessere Schweiz…Zu den regelmässigen Aufschreien wegen dem Minarettverbot, SVP-Propaganda und andern Dingen

Mein Bauch gehört mir!Zur Initiative zur Abtreibungsfinanzierung

Das gute Leben (vom Baugerüst aus betrachtet)Bericht über die Arbeit auf dem Bau

Un mundo donde quepan todo los mundosÜber Ölbohrungen im Regenwald und die Politik gegen die Indigenas in Ecuador

Fühl dich frei zu kommentieren!

widerrede erblickt das licht der welt

titelblatt widerrede1

Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution…

Gedanken zu den Solikonzerten am 8. und 22. Mai in der Kulti

Im Mai steigen gleich zwei Solikonzerte innerhalb von zwei Wochen. Bereits im Oktober fand ein Konzert unter dem Namen „Dance Out The Crisis“ mit verschiedenen Hiphop- und Punkacts statt, darunter Holger Burner aus Hamburg. Auch diesmal sind ein paar bekannte und ausschliesslich gute Bands dabei. Doch warum das Ganze? Ein paar Gedanken dazu.

Der erste Grund für ein Konzert liegt auf der Hand: Geld. Der Kampf gegen Staat und Kapital kostet und manchmal kostet er sehr viel. So ist es z.B. nichts neues, dass gegen politisch aktive Menschen gerne mal etwas höhere Bussen verhängt werden, meist wegen Kleinigkeiten. So können diese bei einer „Teilnahme an einer illegalen Demonstration“, eigentlich nur eine Ordnungswidrigkeit, wie z.B. Falschparken, schnell mehrere hundert Franken betragen. Und während Partyveranstalter überall ihre Plakate hinpflastern können, werden Leute, welche politische Plakate kleben immer wieder verhaftet und mit ähnlich hohen Bussen überzogen. Der Sinn dahinter ist klar: Menschen sollen eingeschüchtert werden. Eine solch hohe Busse kann schon mal einen ganzen Monatslohn auffressen und so überlegt man sich nächstes Mal wahrscheinlich zweimal, ob man wirklich an eine Demo gehen will oder ob man sich überhaupt politisch engagieren will. Die Repression trifft Menschen vereinzelt und isoliert. Umso wichtiger ist es, in diesem Klima solidarisch zusammenzustehen und einander zu unterstützen, psychisch, aber eben auch finanziell. Doch es soll nicht nur der Staat von den Einnahmen profitieren. Ein Teil des Geldes auch verwendet, um die eigene politische Arbeit zu finanzieren oder um andere politische Projekte zu unterstützen, unter anderem auch der Druck dieser Zeitung.

Wenn es um Geld alleine gehen würde, wäre es natürlich einfacher, wir würden eine riesige Electroparty schmeissen, am besten in Zürich, 25 Franken Eintritt verlangen und für 5dl Bier 8 Franken. Doch es geht nicht nur um die Kohle. Es geht auch darum, eine kulturelle Alternative zu schaffen zum ganzen sexistischen, konsumorientierten Mainstreammist. So machen wir die Party nicht in Zürich, sondern in Wetzikon, „auf dem Land“, da wo es nicht viel gibt an Kultur, schon gar nicht an alternativer. Die Eintrittspreise sind tief (10-15 Fr. für 4 – 5 Bands) genauso wie die Getränke, es lungern keine Prügelsecuritys rum, niemand fummelt in deiner Tasche und auch Menschen ohne Identitätskarte sind willkommen. Die Bands sind politisch und spielen für keine oder wenig Gage. Wir machen Konzerte nicht nur um die politische Arbeit zu finanzieren, sondern sehen sie gleichzeitig als Teil davon. Uns ist es wichtig, einen Raum zu schaffen um sich zu informieren, sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und in einer angenehmen Atmosphäre zu feiern. Damit schaffen wir auch Raum für gute, aber unbekannte Bands. Die haben es oft schwer, Auftrittsmöglichkeiten zu finden, ohne Kontakte, Manager und teuer produzierte Demotapes. Diese Möglichkeiten wollen wir ihnen bieten, um sie und auch andere zu ermuntern, weiterhin gute Musik mit kritischen Texten zu machen, auch wenn es manchmal frustrierend scheint.
So hoffen wir, dass alles gut geht und freuen uns auf zwei schöne Abende mit toller Stimmung und guten Konzerten.

8. Mai 2010 – Solikonzert gegen Repression mit Lea-Won (Rap, DE), Meskalin (Ska-Punk), Canastron (Ska Folk Punk), Abrassiv (Punk), CanavaR (Rap) in der Kulti Wetzikon, Infos auf www.akzo.ch.vu

22. Mai 2010 – Solikonzert für die widerrede und die 1.Mai-Kampagne des AKZO mit Chaoze One & Lotta C, DirAct & Adept, Kanalratte und DJ Rade in der Kulti Wetzikon, Infos auf www.akzo.ch.vu

Eine Kaffindianerin kauft ein

Leise öffnet die Indianerin ihr Zelt und schleicht sich unbemerkt aus dem Lager. Die dunkle Nacht umhüllt sie, während sie ihren Esel losbindet und sich routiniert auf den Sattel schwingt. Sanft zischen die Nebelschwaden der Kaffindianerin um den Körper. Silbrig lässt der Mond die am Gurt hängende Waffe aufblitzen. An ihrem Sattel flattert der noch leere Lederbeutel; die Jagd beginnt. Da sie die vertrauten Gefilde schon hinter sich liegen hat, bewegt sie sich nun vorsichtiger im fremden Jagdgebiet. Ihre Blicke schweifen prüfend umher. Die Lage scheint ruhig. Sie nähert sich behutsam dem feindlichen Lager. Ihren Drahtesel bindet sie an eine Strassenlaterne, die den Schauplatz unnötigerweise aus der Dunkelheit hebt. Sie fühlt wie ihr Herzschlag die Stille durchbricht und weiss, dass sie keine Sekunde mehr zu verlieren hat. Jetzt geht alles ganz schnell. Gebückt pirscht sie sich ans Nahrungslager heran. Sie zückt die Waffe, öffnet den Beutel. Angriff. Leise öffnet sie den Deckel, zieht sich Latexhandschuhe über und beginnt zu wühlen. Das kaputte Ketchup schiebt sie zur Seite um zu der Packung Eier zu gelangen. Von den 25 Eiern scheint nur eines einen Sprung zu haben. Rein in den Beutel. Zwölf Tomaten, eine schimmelt. Emmentalerkäse, Ablaufdatum in zwei Wochen. Rasierschaum, der Deckel fehlt. Ein Packung Cornflakes, leicht aufgerissen. Dosentomaten. Joghurt… Kuchen… Gemüse… Salat… Salz… Mehl… Wein… Spaghetti… Tiefkühlpizza… Kartoffeln… Kaffee… alles rein und die Abfallsäcke wieder schön anordnen, sodass das Ganze unberührt ausschaut. Die Kaffindianerin schliesst den Container mit dem silbrig glitzernden Vierkantschlüssel wieder zu und packt den vollen Beutel auf den Gepäckträger. Beim Wegfahren leuchtet ihr neckisch lachendes Gesicht im roten Schein der Discounterbeleuchtung. Schon rauscht sie an Strassenlaternen vorbei; ab und an wirft eine Werbetafel einen Schatten auf die Strasse: „ Profitieren sie vom Super-Hyper-Sparangebot. Sie zahlen 15 Eier und bekommen 25. Jetzt beim Discounter in ihrer Nähe“. Sie schüttelt nur den Kopf.

Der Mongo-Appell

Die Sprache und ihre Entwicklung sind geprägt durch die Gesellschaft. Sprache spiegelt Teile der Strukturen unserer Gesellschaft wider. Welchen Wörter wird welche Bedeutungen zugeschrieben? Die einen werden positiv besetzt und andere negativ. Doch ist dies kein Zufall. Dass „männlich“ assoziiert wird mit Stärke und „weiblich“ mit Schwäche, zeigt wie sich die patriarchale Gesellschaftsstruktur bis auf die Ebene der Sprache (und weiter) auswirkt. Ähnliches gilt für „Schwarz“ und „Weiss“. Z. Bsp. wird in vielen Wörterbücher mit „schwarz“ Negatives verbunden und mit „weiss“ positives. Dies unabhängig von Rassismus zu betrachten, wäre dumm.

Einige Menschen sind sich dieser Probleme in der Sprache bewusst. Daraus entsteht die Möglichkeit die Sprache bewusst einzusetzen und auf diskriminierenden Sprachgebrauch hinzuweisen. So ist das Bewusstsein über diskriminierende Sprache bei einigen Menschen gestiegen. Einige sprechen z. Bsp. oft nicht mehr von Arbeitern (und denken dabei an die bärtigen Prolls am Fliessband) sondern von ArbeiterINNEN und Arbeitern, was der Realität eher entspricht. Frauen sind nicht einfach im männlichen Wort mitgemeint und können nicht totgeschwiegen werden. Es ist erfreulich diese Entwicklung zu sehen. Die weibliche Form so selbstverständlich zu benutzen wie die männliche, zeigt uns im Alltag wie sexistisch der Sprachgebrauch ist. Um so erschreckender und erstaunlicher ist es, wie unreflektiert mit diskriminierender Sprache um sich geworfen wird. In linken Zusammenhängen existiert oft ein relativ hohes Sprachbewusstsein in Bezug auf die Geschlechterfrage. Leider begrenzt sich dieses Bewusstsein auf diese Frage und zeigt so seine faktische Oberflächlichkeit.

„So ein Mongo!“ Das ist ein Ausdruck der unter Jungen weit verbreitet ist. Auch unter jenen die sich gegen Diskriminierung einsetzen. „Mongo“ ist abgeleitet von Mongolismus, also dem sog. Down Syndrom, eine genetische Mutation. Als Schimpfwort dienen Menschen, die auf ihre vermeintliche Dummheit, auf ihre „Behinderung“ reduziert werden. Das Wort „Mongo“ ist an Sich schon beleidigend und diskriminierend. JedeN als „Mongo“ zu betiteln, den/die mensch beleidigen will, zeigt wie unreflektiert mit Sprache umgegangen wird. Es handelt sich bei einem „Mongo“ um einen Menschen wie du und ich. Analog wird das Wort „behindert“ benutzt. Eine Gruppe von Menschen wird so zum Schimpfwort.
An die Menschen, die versuchen bewusst mit Sprache umzugehen! Lasst den Scheiss! Überlegt was raus kommt, wenn ihr den Mund aufmacht!

Ladendiebstahl lohnt sich doch!

Beitrag von www.ch.indymedia.org

Sicher ist es dir auch schon passiert, dass du durch einen Laden spaziert bist und gedacht hast: “Ach, das hätte ich jetzt gerne, ich kann es mir aber nicht leisten.” Wieso aber sollen die einen sich massen-haft Scheisse kaufen, um ihre Villen auszustatten, während die anderen sich nicht mal das Nötigste um zu überleben leisten können?
Wir finden, dass Klauen absolut berechtigt ist. Es ist eine einfache Möglichkeit, dem System ans Bein zu pissen, indem man sich einfach nimmt, was man braucht.
In dieser Broschüre gehen wir nur auf den Diebstahl im Laden ein. Natürlich gibt es auch sonst überall viel Praktisches zu holen (Baustellen, Restaurants, Container…), doch es ist sinnvoll, sich zu überlegen, was man braucht und wo man es sich wie beschaffen kann.

Kameras und LadendetektivInnen
In den meisten grösseren Ladenketten gibts Kameras in allen Farben und Formen. Achte bereits bei einer Erkundigung vorher oder spätestens beim Betreten des Ladens auf Kameras. Wo sind sie installiert? In welche Richtung zeigen sie?

Verschiedene Kameratypen:
- Kamera mit manuellem Zoom
- Als Rauchmelder getarnt (“für diskrete Raumüberwachung”)
- 360° schwenkbar, die Richtung ist aber durch das Gehäuse nicht sichtbar
- Aussenkamera

Diese Kameras werden von LadendetektivInnen dazu benutzt, um dich beim Eink(l)auf zu überwachen. Die Kameras werden meist gezielt bei teuren Sachen platziert und direkt überwacht, um dich in flagranti zu erwischen. Deshalb: Waren in den Einkaufskorb und beispielsweise erst beim Tierfutter einstecken.

Wenn der gesamte Laden mit Kameras überwacht ist, verhalte dich unauffällig und such dir vorher eine verdeckte Ecke, wo du das Zeug einstecken kannst. Ist auch das nicht möglich, dreh dich von der Kamera ab und steck das Ding in die Tasche, sodass es die Kamera nicht aufnehmen kann. Es kann auch von Vorteil sein, zwei gleiche Artikel aus dem Regal zu nehmen, eines einzustecken und das andere wieder zurückzulegen. Dann sieht es aus, als hättest du es dir kurzerhand anders überlegt.

Pass auf, dass dich möglichst niemand beobachtet, denn die DetektivInnen laufen auch im Laden frei umher. Oft werden auch gezielt Frauen für diesen Job eingesetzt. KundInnen, die was merken, sagen zwar meistens nichts, aber man läuft einfach Gefahr, verpfiffen zu werden.

Kleinere Läden setzen auch gerne Spiegel ein, um das Sichtfeld zu erweitern. Zwar starrt da nicht permanent jemand drauf, aber man sollte sie nicht ganz ausser Acht lassen.
Wichtig ist: Bleib ruhig, verhalte dich unauffällig, aber halte trotzdem die Augen offen. Je öfters du klaust, desto besser klappt das.

Pieper
Viele Läden, vor allem solche, die Klamotten oder Elektrozeug verkaufen, schützen sich mit Piepern in allen Formen. Diese funktionieren mit Funkwellen, die von den Schleusen am Ausgang empfangen werden, damit es piept wenn du rausgehst. Die Funkwellen von den Piepern können unterbrochen werden, wenn sie in Aluminium eingepackt sind.

Klamottenpieper:
Alu-Aschenbecher sind äusserst praktisch, um die Pieper von Klamotten auszuschalten. Zwei Aschenbecher und etwas doppelseitiges Klebeband genügen. Allerdings kann es sein, dass die Pieper auch Farbe enthalten, also zum definitiv entfernen eine Zange verwenden und nicht mit Kraft aufreissen.

Spiralen oder Metallstreifen sind oft auf der Rückseite von Etiketten angebracht.
Meist lassen sich diese Etiketten einfach abziehen. Bei Spiralen reicht es, sie in einer Ecke zu zerstören, so dass alle Fäden durchtrennt sind. Sie können dann nicht mehr senden.

Diese Strichcode-Pieper sind dicker und müssen ganz entfernt werden oder durch Alu (von allen Seiten) abgeschirmt werden. Manchmal sind sie in Verpackungen versteckt oder an Produkten angebracht, wo man sie sicher nicht erwarten würde (z.B. Zigarettenpackungen).
In Zukunft wird es auch Sicherunssysteme mit RFID-Chips geben, diese sind sehr klein und könnten z.B. in Kleideretiketten eingearbeitet werden. Aktuell werden diese jedoch höchstens in Testläufen eingesetzt. (Stand Feb. 10)

Taschen, Rucksäcke, etc.
Am Besten eignen sich Umhängetaschen zum Klauen, vorzugsweise solche die du verschliessen kannst. In offene wollen VerkäuferInnen manchmal reinschauen. Du kannst aber auch deinen Rucksack so präparieren, dass er eine Öffnung in der Rückseite hat oder sogar gegen Pieper mit Alu auskleiden.

Wenn es kälter ist, eignen sich Winterjacken hervorragend. In die grossen Taschen lassen sich handliche Dinge einfach reinschieben, die dicke Jacke versteckt die Umrisse.

Alibi-Kauf
Durchs Drehrad am Eingang herauszugehen, kann auffallen. Wenn du dich also (noch) nicht traust, ohne etwas zu bezahlen an der Kasse vorbeizugehen, dann kaufe dir einige Dinge, die billig oder gross sind, wie Gemüse, Brot, Nudeln, …

Lefthanding
Einmal ausprobiert, merkt man schnell, wie einfach es eigentlich ist, Sachen völlig ohne sie einzustecken mitzunehmen. LadendetektivInnen achten eigentlich auf Leute, die Sachen einstecken, weswegen es manchmal schlauer ist, das vollkommen zu unterlassen. Wer rechnet schon damit, dass jemand mit einem vollen Einkaufskorb aus dem Laden spaziert – ohne zu bezahlen?

Vier Augen sehen mehr als zwei
Zu zweit macht klauen nicht nur mehr Spass, sondern man kann sich im Laden gegenseitig über die Schulter schauen und sich gegenseitig Sichtschutz geben. Dazu brauchts aber ein wenig Vertrauen und Achtung: In Gruppen fallt ihr auch viel schneller auf.

Dresscode
Achte darauf, dass du nicht zu sehr nach dem “kriminellem Strassenkind” aussiehst. Dann geht es viel einfacher, denn Detektive und VerkäuferInnen achten weniger auf dich. Also Klamotten ohne Aufnäher und Nieten, besser Strickpullover und Jeans als Kapuzi und Baggies, Piercings und Buttons abmachen, auffällige Frisuren unter Mützen verstecken.

Wenn du erwischt wirst

Grundsätzlich wird Diebstahl natürlich strafrechtlich verfolgt. Erste Regel also:
Lass dich nicht erwischen!

Ist es dann doch einmal soweit, sind die Folgen stark davon abhängig, wie teuer die Sachen waren, die bei dir gefunden wurden und wie oft du schon erwischt worden bist. Grundsätzlich gilt auch hier: Alles was du dazu zu sagen hast, kannst du auch später in aller Ruhe und ohne Stress überlegen oder am Besten mit einem Anwalt besprechen. Lass dich nicht einschüchtern, wenn sie dir z.B. sagen: “Wir haben Aufnahmen der Überwachungskamera”, oder “der Detektiv hat gesehen, wie du dies und das eingesteckt hast”.

Beim ersten Erwischtwerden gibts normalerweise eine Busse und ein Hausverbot für die Ladenkette, dann gehen deine Daten auch nicht an die Bullen.
Wenn sie dich noch drinnen anhalten, kannst du behaupten, du hättest alles bezahlen wollen; etwas anderes können sie dir nicht nachweisen. Halten sie dich draussen an, kannst du erstmal den entsetzten Bürger spielen, so tun als hättest du vergessen zu bezahlen oder laut weinen, etc. Halt so als wärs keine Absicht gewesen.

Fuck Copyright
Wir haben grosses Interesse daran, dass die hier abgedruckten Informationen möglist weit gestreut werden. Scheue dich also nicht, diese Broschüre zu reproduzieren, zu verbessern, etc. und all deinen FreundInnen, Verwandten usw. davon zu erzählen.
Du willst es? Du hast es!
Eigentum ist Diebstahl!

Un mundo donde quepan todo los mundos

Als Rafael Correa am 17. Januar 2007 das Amt des ecuadorianischen Staatspräsidenten übernahm, war die Hoffnung auf einen tiefgreifenden Wandel, Prosperität und soziale Gerechtigkeit gross – ein weiteres Land reihte sich in die von Hugo Chavez ausgerufene „bolivarianische Revolution“ ein. In einem Land, in welchem grosse Teile der Bevölkerung – namentlich die Indigenas, aber auch Campesinos und marginalisierte Personengruppen in den Städten – keinen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum haben, war nach einer neoliberalen, politisch instabilen und von Korruption gekennzeichneten Periode erstmals der Wind der Veränderung spürbar.
Die Bilanz nach drei Jahren, einer neuen Verfassung und aussenpolitischen Spannungen mit dem Nachbarn Kolumbien fällt indes bescheiden aus. Statt einer Einheit mit verschiedenen sozialen Bewegungen – gerade auch um den Angriffen der alteingesessenen ökonomischen und politischen Elite zu widerstehen – setzt das neue Regime auf eine rücksichtslose Modernisierung des Landes. Der „revolutionären“ Rhetorik steht dabei eine Politik gegenüber, welche die am stärksten notleidenden Teile der Bevölkerung systematisch ignoriert.
Um ihre Reformen durchzuführen, setzt die Regierung dabei auf eine verstärkte Zentralisierung politischer Macht, wobei diese von der Abtretung autonomer Entscheidungsrechte der Gemeinden bis hin zu neuen Gesetzen reicht, welche zum Beispiel die Geldvergabe für Sportinstitutionen dem entsprechenden Ministerium direkt unterstellen. Dies führt somit dazu, dass auch positive Reformansätze schlussendlich ohne Berücksichtigung tatsächlicher Bedürfnisse von Oben herab durchgesetzt werden. Ein Beispiel für diese Politik liefert dabei der Umgang mit indigenen Gemeinden, sowohl in der Anden- wie auch in der Amazonasregion.

Wirtschaftliches Wachstum gegen die eigene Bevölkerung

Das neue Regime baut Schulen, Krankenhäuser und versucht ein staatliches Gesundheitssystem aufzubauen. Diese zu begrüssenden Massnahmen ändern indes wenig an der Situation der Bevölkerung, welche sich weiterhin marginalisiert sieht. Wie soll ein Kind zur Schule gehen, wenn es für das Überleben der Familie notwendig ist, dass alle arbeiten? Was ändert eine bessere medizinische Versorgung an der Tatsache, dass die Mehrheit unter krankmachenden Bedingungen lebt und arbeitet?
Die Durchführung der angesprochenen Reformen ist dabei einer Neuausrichtung des staatlichen Haushaltes zu verdanken: Nicht mehr die Rückzahlung von Auslandsschulden, sondern die Förderung von Initiativen auf nationaler und regionaler Ebene hat Priorität. Dabei werden die Ausgaben in das Sozial- und Bildungssystem, die Geldvergabe an neugeschaffene Ämter und Verwaltungen hauptsächlich durch den Erdölexport finanziert.
Um die gestiegenen Ausgaben zu decken ist die Regierung dabei jedoch auch auf weitere, neue Einnahmequellen angewiesen, so dass eine Reihe neuer Gesetzte erlassen wurden, welche zum Beispiel die Ausbeutung von Bodenschätzen auf eine neue Grundlage stellen (ley de mineria).
Diese verstärkte Ausbeutung hat dabei gravierende Folgen für die betroffene Bevölkerung: Durch den Tagebau kommt es zu schweren Einschnitten in die Ökosysteme, Gewässer werden privatisiert und verschmutzt, so wie ganze Landteile in das Eigentum von Unternehmen übergeben.
Von dieser Entwicklung ist dabei in besonderem Masse der Oriente, das sich im Osten des Landes befindende Amazonasgebiet betroffen. In diesem Teil des Landes, welcher zu jenen Gebieten der Erde mit der höchsten Biodiversität gehört, befinden sich neben beinahe den gesamten Erdölvorkommen, so wie weiteren Bodenschätzen des Landes, vor allem auch verschiedene indigene Völker, von welchen einige bis zum heutigen Tag nicht kontaktiert wurden (werden wollten).
Im Stammesgebiet der Huaorani, Tagaeri und der Taroemananen befindet sich der Nationalpark Yasunì, unter welchem grosse Erdölvorkommen vermutet werden und somit nun Diskussionsgegenstand um eine verstärkte Förderung des „schwarzen Goldes“ in jenem Gebiet geworden ist.
Die gesamte Region blickt dabei auf eine seit den 1980er Jahren andauernde, fatale Entwicklung zurück: Damals forderte das Regime zur „Kolonisierung“ des noch unberührten Amazonasgebietes auf – gerade auch um etwaigen Konflikten mit landlosen Campesinos vorzubeugen. Seit jener Zeit etablierten sich unterschiedliche Ölkonzerne in der Region, welchen der Grossteil des Landes, unter welchem die Ölvorkommen liegen, übergeben wurde. Dieselben Firmen engagierten Missionare, um die dort ansässige indigene Bevölkerung zu evangelisieren und so alle Reste ihrer Kultur zu brechen.
Diese Entwicklung wird von der heutigen Regierung unter anderem Vorzeichen fortgesetzt. Auch heute wird das Militär in dieser Region zur Durchsetzung der Interessen der Ölkonzerne eingesetzt. Die indigene Bevölkerung sieht sich dabei immer weiter marginalisiert – entweder sie assimilieren sich, akzeptieren Elend und Armut oder sie versuchen ihre Kultur zu bewahren und ziehen sich in die letzten unberührten Gebiete zurück. Dabei betont die Regierung unter Correa immer wieder, es handle sich hierbei um einen Prozess des sozialen Wandels, von welchem das ganze Land profitieren werde. Fakt ist aber, dass gerade den einzelnen, indigenen Gemeinden immer weiter die Selbstbestimmung entsagt wird, die Regierung weiterhin mit Konzernen paktiert, welche für das Leid verantwortlich sind und aktiv zu den von ihr selbst angeprangerten Missständen beiträgt. Mit ihrem elitären Politikverständnis und einem subtilen Rassismus hält es das neue Regime indes nicht für notwendig, auf die Interessen der Indigenas und anderer marginalisierter Bevölkerungs-gruppen einzugehen.
In der „Revolucion Ciudana“ (Revolution der Bürger) scheint es keinen Platz für Indigenas, Campesinos oder auch nur einfache Arbeiter zu geben. Sie, die einen sozialen Wandel am nötigsten hätten, bleiben aussen vor. Sie fordern Selbstbestimmung und erhalten die Freiheit, ihre Kultur abzulegen und als billige Arbeitskräfte ein Leben in einer feindlichen Umwelt zu führen. Ein tiefgreifender Wandel der ecuadorianischen Gesellschaft tut Not – doch dieser kann nur von den Betroffenen selber ausgehen.

Für die soziale Revolution – überall!
Für ein selbstbestimmtes Leben in einer Welt, in welcher alle Welten Platz haben!


Ecuador und das Öl

Über die Hälfte der jährlichen Einnahmen aus den Exporten entsteht durch die Förderung von Erdöl, womit dieses zu Recht als Determinante der ecuadorianischen Wirtschaft angesehen werden kann. Die Exportation landwirtschaftlicher Güter, so wie die Rücküberweisungen von EmigrantInnen bilden weitere Einnhamequellen, so dass insgesamt eine grosse Abhängigkeit vom Weltmarkt besteht. Dabei ist Ecuador der viertgrösste Erdölexporteur Lateinamerikas, wobei 70% der nationalen Produktion exportiert werden.
Neben dem staatlichen Erdölkonzern Petroecuador sind hauptsächlich multinationale Konglomerate wie Repsol oder Chevron-Texaco mit der Förderung der sich im Osten des Landes – im Amazonasgebiet – befindenden Erdöllagerstätten beauftragt.
Im Zusammenhang mit der Förderung kommt es dabei immer wieder zu Umweltkatastrophen in den entsprechenden Gebieten.

Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
„Du bist krank:
Du mußt tun, was ich sage!“

Die Gewalt fängt an
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päbste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen

Die Gewalt herrscht dort
wo der Staat sagt:
„Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt!“

oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden
und die Heiligen und die Hohen
mehr tun dürfen als reden

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
„Du darfst Gewalt anwenden!“
aber oft auch dort, wo es heißt:
„Du darfst keine Gewalt anwenden!“

Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: „Recht ist, was wir tun.
Und das was die anderen tun
das ist Gewalt!“

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt

(Erich Fried)

(Gegen-)Gewalt

1. Mai 2009 in Zürich. Zu einer Nachdemo kommt es nicht. Spontan entzünden sich Auseinandersetzungen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei. Die Polizei feuert mit Gummischrot und Tränengas gegen die meist jungen DemonstrantInnen. Steine und Flaschen fliegen zurück. Kleine Barrikaden werden errichtet. Ein Wasserwerfer prescht vor begleitet von 20 PolizistInnen und spritzt mit Reizgas versetztes Wasser. Die Geschäfte rund um die Langstrasse werden kaum in Mitleidenschaft gezogen, denn die Wut der DemonstrantInnen richtet sich gezielt gegen die Polizei. In den Zeitungen ist später von sinnloser Gewalt, Chaoten, Krawallmachern und Sachschäden die Rede. Nachdem die UBS ein Rettungspaket von 68 Milliarden erhalten hat, kommt es am 17. Januar 2009 zu einem Farbanschlag auf die UBS-Filiale am Paradenplatz. Auch hier sind die Zeitungen sich einig: Unpolitische Chaoten und Vandalen haben wieder einmal ihren Drang nach Action befriedigt. In der Nacht auf den 20. Juni werden in Pfäffikon ZH zahlreiche Wände besprüht. „Refugees Welcome“, „Bonzen vertreiben – Flüchtlinge bleiben“, „No Border No Nation“ steht neu an den Wänden des Dorfes. In der Lokalzeitung ist die Rede von Spray-Attacke. Ein SVP-Gemeinderat empört sich über die Schmierereien an seinem Geschäft und den Sachschäden.

Nach politischen Aktionen, die aus dem legalen Rahmen fallen, rollt in den bürgerlichen Medien immer weder die selbe Hetze an. AktivistInnen werden als unpolitische Chaoten gebrandmarkt, denen es nur um die sinnlose Gewalt gehe. Viele folgen dieser Leier und empören sich über die Gewalt oder die vermeintlich hohen Sachschäden. Andere sagen, die Wut und Ziele der militanten AktivistInnen zu verstehen, aber der Weg sei falsch. Gewalt könne nicht toleriert werden. Ist die Empörung berechtigt? Was bedeutet es Gewalt grundsätzlich abzulehnen? Was ist überhaupt Gewalt? Und wer verfügt über die Macht das zu definieren?

Unsere Gesellschaft ist durchzogen von Gewalt und Gewaltverhältnissen. Wehrlose Kinder werden von den Eltern geschlagen, Frauen werden vergewaltigt, häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung, Kinder und Jugendliche werden schon früh mit extremen Gewaltdarstellungen konfrontiert. Den meisten ist klar, dass es sich dabei um Gewalt handelt. Es gibt jedoch andere Gewalt, die oft als legitim gilt und auch so verstanden werden will: die Staatsgewalt. So werden Menschen ihrer Freiheit beraubt und in Heime, psychiatrische Anstalten oder Knäste gesteckt. Immer wieder werden MigrantInnen misshandelt oder während der Abschiebung getötet. DemonstrantInnen werden mit chemischen Waffen und mit Schusswaffen angegriffen. Streikende ArbeiterInnen, die ihren Betrieb blockieren, werden verprügelt und eingesperrt. Die Liste liesse sich noch sehr lange weiterführen. In diesen Fällen wird kaum von Gewalt gesprochen. Zumindest nicht in den bürgerlichen Medien oder von Seiten der verschiedenen staatstragenden Parteien. Die Gewalt geht immer von der Gegenseite aus – deshalb wird auch so viel darauf verwendet sie als unpolitisch zu definieren – und die Rolle der Polizei ist es zu schützen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Aber wen schützen? Welche Ruhe und Ordnung? Auf die Frage wollen wir später noch zurückkommen.

Die Gewalttätigkeiten hören hier keineswegs auf. Die folgenreichste Gewalt ist die auf den ersten Blick unscheinbarste, sie wirkt gewissermassen geräuschlos. Denn wenn Menschen in den Tod getrieben werden, weil sie nicht mehr zu recht kommen mit den Umständen, die sie bedrücken, wenn Menschen an Armut leiden, während andere Millionen haben, wenn ein Kind an Hunger stirbt, in einer Welt, in der genügend Lebensmittel für alle hergestellt werden können, wenn Kranke nicht geheilt werden, weil sich damit keinen Profit erwirtschaften lässt, dann ist das ebenfalls Gewalt. Die Umstände in denen diese Menschen leben, fügen ihnen Gewalt zu, sie treiben sie in den Tod, in die Armut, in den Krieg. Wenn also die Lebensverhältnisse es Menschen verunmöglichen ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten zu Leben, ist das Gewalt. Denn es bestünde die Möglichkeit anders, besser zu leben und diese Möglichkeit wird mit Gewalt vernichtet. Dabei ist es keine Gewalt mehr, die direkt von einem Menschen ausgehen muss, sondern die diffuse Gewalt der Verhältnisse: Strukturelle Gewalt. Und diese hat System: die einen können sich eine gute Ausbildung leisten, während für andere schon sehr früh klar ist, dass sie ewig Unterschicht bleiben, die einen müssen unter unsägliche Bedingungen schuften, die anderen kaufen dann zu Spottpreisen die so produzierten Waren, ArbeiterInnen werden zu immer mehr Leistung getrimmt, obwohl ihnen das an der physische und psychische Gesundheit nagt, millionen Bauern verlassen ihr Land um sich in die Slums der grossen Städte zu stürzen, weil andere Bauern finanziell unterstützt werden, junge Menschen werden in den Krieg geschickt für die Interessen der Herrschenden eines Staates, weltweit leidet über eine Milliarde (!) Menschen an Hunger, 8.8 Millionen sterben an den Folgen. Jedes verdammte Jahr! Das ist kein Zufall, das sind keine individuellen Schicksalsschläge.

Wir leben in einer Zeit, in der das oberste Prinzip der Wirtschaft – welche zu einem wichtigen Teil unser Leben bestimmt – die Profimaximierung ist. Es muss immer mehr Geld erwirtschaftet werden, stets mehr aus den ArbeiterInnen gepresst werden. Dies ist nicht einfach ein Gebot der Wirtschaftskapitäne sondern ein regelrechter Zwang: fügt sich ein Unternehmen dieser Logik nicht, ist es dem Untergang geweiht. Die erbeuteten Profite werden nur zu einem Teil wieder in die Wirtschaft gepumpt. Ein Teil ist für die herrschende Klasse bestimmt. Für diese Profite wird in diesem Gesellschaftsmodell beinahe alles in Kauf genommen. Das ist die Ordnung, welche unter anderem die Polizei zu schützen hat! Wenn auf der einen Seite der Reichtum von ein paar wenigen steht, finden wir auf der anderen Seite bittere Armut, Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung, Repression, Verelendung…

Dem gegenüber gibt es den Versuch den Staat und sein Gewaltmonopol (symbolisch) anzugreifen, sich nicht immer alles gefallen zu lassen, sich auch mal zur Wehr setzen. Es ist der Versuch der herrschenden Gewalt etwas entgegenzusetzen, nicht jedes Gesetz unhinterfragt zu befolgen. Aber auch die eigenen Interessen gegen die der Herrschenden zu verteidigen. In diesem Sinne stellt es eine Reaktion auf die Gewalt der herrschenden Zustände dar: Gegengewalt. Diese kann symbolisch sein, wenn zum Beispiel eine Bank eingefärbt wird und es dabei mehr darum geht ein Zeichen zu setzen als darum diese Bank tatsächlich zu zerstören. Es kann aber auch sehr konkret um die Durchsetzung der eigenen Interessen gehen. Z. Bsp. werden bestreikte Betriebe besetzt, blockiert und verteidigt, sodass der Besitzer nicht einfach über die Köpfe der streikenden ArbeiterInnen hinweg den Betrieb weiterführen kann und der Streik folglich sinnlos wäre.

Scheiben splittern und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt.

Es stellt sich die Frage, was eine kaputte Scheibe oder eine bemalte Wand bedeutet im Verhältnis zu einem hungernden Kind oder einem gebrochenen Menschen in Isolationshaft. Wer sind die GewalttäterInnen und woher kommt die wahre Gewalt. Wer Gewalt grundsätzlich ablehnt, der oder die müsste sich vor allem gegen die Gewalt von oben wehren. Und nicht nur gegen die sichtbarsten Auswüchse dieser gewalttätigen Gesellschaftsordnung. Gegen Gewalt sein und gleichzeitig die Gewalt des Staates und die Gewalt der Verhältnisse zu tolerieren oder zu ignorieren, ist schlicht Heuchelei. Die Gegengewalt linker AktiivistInnen und Proletarier ist der Versuch die unterdrückende Gewalt der Herrschenden Klasse und Zustände zu bekämpfen. Ein ernsthafter Versuch eine möglichst gewaltlose Gesellschaft möglich zu machen. Dieser Versuch muss unternommen werden. Ob militant oder mit anderen Mitteln sollte eine taktische Frage und nicht eine grundsätzliche sein.

Es liegt auf der Hand, das militante Protestformen auch ihre Schwierigkeiten mit sich bringen. Militanz muss vermittelbar sein. Es ist eine Mischung von Wut und gezielter, bewusster politischen Aktion. Die Wut oder die Aussage der Aktion muss verständlich sein. Wenn dies eine militante Aktion nicht erreicht, ist es fragwürdig ob sie sinnvoll sein kann.

Mein Bauch gehört mir!

Um SVP-Nationalrat Peter Föhn und CVP-Nationalrätin Elvira Bader hat sich ein überparteiliches Komitee zusammengeschlossen, um den Schwangerschaftsabbruch aus dem Katalog der obligatorischen Krankenversicherung zu streichen.
Das ist ein gewaltiger Angriff auf die Selbstbestimmung der Frauen. Der legale Schwangerschaftsabbruch ist eine Errungenschaft der Frauenbewegung, die nämlich gar noch nicht so alt ist. Erst 2002, nach jahrelangem Kampf, wurde das Gesetz der Fristenlösung mit dem legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur 12.Woche mit grosser Mehrheit 72% vom Stimmvolk angenommen. Darin enthalten war auch die Finanzierung durch die Grundversicherung.1
Nun kommt der ganze konservative Haufen – SVP, CVP, EVP, EDU und FDP sind im Komitee vertreten – mit lächerlichen Argument und will uns Frauen zur Kasse bitten, falls wir uns gegen ein Kind entscheiden.
Das Komitee fährt auf zwei Argumentationsschienen. Einerseits reden sie von „Kosten senken“, Schwangerschaftsabbruch sei keine Krankheit und gehöre deshalb nicht in die Krankenversicherung. Ein sehr geschickter Schachzug, dieses populistische Argument zu benutzen, denn Kostenexplosion im Gesundheitswesen ist ein aktuelles Thema und viele Leute sind von den stark gestiegenen Krankenkassenprämien empfindlich getroffen.
Das Komitee rechnet folgende Rechnung vor: In der Schweiz gibt es jährlich 10 000 Schwangerschaftsabbrüche, die zwischen 600 und 1500 Franken kosten. Die Einsparung betrügen also rund 20 Mio. Das ist totaler Schwachsinn! Denn eine Geburt ist rund 10-mal teurer. Und die Geburt bleibt selbstverständlich in Grundversicherung (und das ist auch gut so!), obwohl die Geburt wohl auch nicht als Krankheit bezeichnet werden kann.
Andererseits argumentieren sie auf der moralischen Schiene. Das Komitee sagt, dass ihnen das ungeborene Leben am Herzen liegt. Die altbekannte religiöse Doppelmoral! Das ungeborene Leben verteidigen und wenn das Kind dann da ist, dann muss die alleinerziehende Mutter selbst schauen, wie sie es schafft, ohne Ausbildung und Unterstützung ihr Kind aufzuziehen. Dazu kommt der Diskurs, der uns Frauen als Mörderinnen oder Schlampen beschimpft und einen öffentlichen Druck aufbaut, wenn wir selbstbestimmt entscheiden, ob und wann wir Kinder kriegen und es nicht dem Zufall überlassen, ob das Kondom hält oder nicht.
Es ist nämlich nicht so, dass Frauen einfach so aus Spass eine Schwangerschaft abbrechen. Die Gründe dazu sind verschieden, beispielsweise Partnerschafts- oder Finanzprobleme, aber über 50 % der Schwangerschaftsabbrüche sind zurückzuführen auf das Versage der Verhütung.
Peter Föhn, der führende Kopf des Komitees, bringt’s auf den Punkt: Er meint, wenn die Frauen die Kosten selber übernehmen müssen, dann würden sie sich eher für eine Geburt entscheiden. Dies zeigt auch, dass die Initiative auf die Tendenz reagiert, dass die Frauen immer weniger Kinder kriegen wollen. Frauen verzichten heute auf Kinder, weil sie keinen Bock haben, Hausfrau zu werden, weil sie sich lieber einem spannenden Beruf widmen als die Doppelbelastung zu ertragen und weil Kinder oft ein Armutsrisiko darstellen. Die Lösung von Peter Föhn ist richtig zynisch, so im Sinne: Wenn die Frauen nicht schwanger werden wollen, dann zwingen wir sie halt. Das ist bitter, denn gerade für ärmere Frauen können die 1500 Franken für einen Schwangerschaftsabbruch ein fast unüberwindbares Hindernis sein.
Diese Initiative ist ein Beispiel, wie das konservative Rollback wieder versucht die erkämpften Frauenrechte einzudämmen. Das lassen wir nicht zu, denn die Parole von gestern gilt auch heute noch: Mein Bauch gehört mir!