Archiv der Kategorie 'Ausgabe #2, November 2010'

widerrede 2 draussen und online!

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Lange hat’s gedauert, doch jetzt ist es endlich soweit: Die zweite Ausgabe der widerrede ist erschienen!

Erhältlich ist die Print-Ausgabe in der KultiBeiz in Wetzikon, an Veranstaltungen des akzo (www.akzo.ch.vu) und mehr und mehr an vielen weiteren Orten, sodass es wenig Sinn macht, ständig eine Liste zu führen. Schreibt uns einfach ein Mail.

Wenn ihr in eurem Infoladen, Cafe, Bar, Bibliothek, Veranstaltung, whatever ein paar Exemplare auslegen wollt, würde uns das natürlich freuen und wir würden sie euch zukommen lassen. Auch hier gilt: Mail an widerrede (ät) gmx (punkt) ch.

Wie bereits die letzte Ausgabe, ist auch diese gratis, wobei wir uns über jede solidarische Spende freuen.

Ausgabe November 2011 – Inhaltsverzeichnis

Was lief? Was läuft?

Antifeminismus-KongressZum Treffen der Antifeministen und dem Widerstand dagegen.

Das Frauenbild im Hip-HopVon Lotta C, Rapperin aus Mannheim.

Lea-Won, ein InterviewÜber Musik und Politik.

Unsichtbares TheaterTheater ohne SchauspielerInnen und ohne Publikum.

MachtEntstanden aus einer Diskussion über Macht und Hierarchien in politischen Gruppen.

Verschwörungstheorien und reaktionäres Gedankengut

AntisemitismusKurzer geschichtlicher Abriss.

Germanische Neue MedizinMedizinsekte und Antisemitismus vereint.

2 x Nein ist nicht genug – Wandzeitung zur Ausschaffungsinitiative. (Text folgt)

Kasse X – Die da oben, wir da unten – Erfahrungsbericht einer Kassenhilfe. (Text folgt)

Reclaim the StreetsFlyer, verteilt an der RTS in Uster.

Wenn Bäume fallenEine Kurzgeschichte.

Fühl dich frei zu kommentieren…

Hier als pdf (klick aufs Bild).

Was lief? Was läuft?


Was lief?

Am 1. Mai…
…trafen sich am frühen Morgen um 9 Uhr ca. 30 Menschen am Bahnhof Wetzikon zwecks Kaffeschlürfen, Diskutieren und gemeinsamer Anreise an die 1.Mai-Demo in Zürich. Ebenfalls anwesend waren drei finster dreinblickende Polizisten in Zivil. Davon unbeeindruckt hängten die Menschen zwei Transparente auf, liessen Musik laufen und verteilten Flyer. Schliesslich begab sich die Menge auf den Zug nach Zürich. Dort wurde sie von ca. 15-20 PolizistInnen, ebenfalls finster dreinblickend, diesmal allerdings in Vollmontur und mit Gummischrot bewaffnet, empfangen. Etwa 20 Menschen wurden eingekesselt, festgenommen und mit einer Wegweisung für die Stadt Zürich belegt. Damit waren sie in bester Gesellschaft. Insgesamt wurden an diesem Tag 269 Personen weggewiesen, ohne irgendetwas Illegales getan zu haben.

Kulturell…

Immer wieder finden Solikonzerte für verschiedene politische Projekte statt, wie am 8. und 22. Mai jeweils zwei grössere Events mit Acts aus dem sogenannten Ausland, Büchertisch, Siebdruck und vielem mehr. Allein an diesen beiden Abenden kamen über 300 Leute. Am 15. Oktober lud zum ersten mal der „Saftladen, die lokale antirep-soli-bar“ zu einem gemütlichen Abend mit Punkmusik und Trank. Die widerrede-Redaktion wartet sehnlichst auf die angekündigte Fortsetzung (Gerüchten zufolge Anfang 2011). Bis dahin zieht es uns jeden 2. Dienstag im Monat in die KultiBeiz, wo das andere kino immer gute 2D-Filme zu interessanten Themen zeigt.

Reclaim the Streets…

Am 25. Juni tanzten etwa 60 Menschen frisch und fröhlich durch die Strassen von Uster. Ein Rapper reimte politische Zeilen, ein DJ legte Klassiker auf und es wurden Flyer verteilt und Plakate geklebt, deren Text sich gegen die Monotonie und Langeweile des Alltags, die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und für die Wiederaneignung des Lebens aussprach. Die Fussballnationalmannschaft, die sich am gleichen Abend frisch und fröhlich von der Weltmeisterschaft verabschiedete, interessierte da herzlich wenig, ebenso wie die PolizistInnen, die nach einiger Zeit auftauchten und freundlicherweise den Verkehr regelten. Um ca. 0:30 Uhr wurde es diesen allerdings zu bunt und sie beendeten die Party mit der Drohung, uns alle zu verhaften. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt, und mit ihm die warmen Nächte…

Gegen die Antifeministen…
Am 30. Oktober plante die „Interessensgemeinschaft Antifeminismus“ um SVP-Mann René Kuhn, einen Kongress abzuhalten. Nachdem sie das vorgesehene Restaurant am Stadtrand von Zürich ausgeladen hatte, reservierten sie ein Lokal in Uitikon ZH. Dagegen formierte sich allerdings breiter Widerstand: Am 22. Oktober verwandelten etwa 50 Menschen am Hauptbahnhof in Zürich einen trostlosen Bauzaun in ein Wandbild mit eindeutiger Botschaft: Kein Fussbreit den Antifeministen! Zwei Tage später setzten Unbekannte ein paar Schablonen ans Gemeindehaus und an weitere Gebäude in Uitikon. Ausserdem rief ein „Bündnis gegen das Anti-Feminismus-Treffen“ zu einer Gegendemo auf. Durch diese Aktionen und die Aussicht auf einen heissen Tag in ihrem verschlafenen Kaff in Angst und Schrecken versetzt, drängten der Gemeinderat und der Caterer (dessen Wohnhaus einen Tag später von einigen herumfliegenden Farbbeuteln getroffen wurde) auf eine Absage des Treffens. Dies gelang nicht ganz, doch zumindest wurde der Ort verlegt und war nun geheim. In der Ansicht, dass es Wichtigeres zu tun gibt, als René Kuhn und seine Mitmänner bis ans Ende der Welt zu verfolgen, trafen sich ca. 80-100 Anti-AntifeministInnen am 30. Oktober am Central in Zürich zu einer Kundgebung und anschliessender Demo durchs Niederdorf. Dabei wurde vor allem die aktuelle Rechtsentwicklung thematisiert, in deren Windschatten neben Rassismus und Hetze gegen sozial Schwache eben auch patriarchale Welt- und Moralvorstellungen wieder Auftrieb haben.

Gegen Rassismus und die SVP…

In der Nacht auf den 10. November wurde laut der lokalen Tageszeitung und einem Communiqué auf indymedia.ch die Altrüti, ein Veranstaltungsgebäude in Gossau, von Unbekannten mit Parolen gegen Rassismus und die SVP versehen. Grund dafür war offenbar der Tags darauf im erwähnten Gebäude stattfindende Wahlkampfauftakt der erwähnten Partei, an der Christoph Blocher zu seinen Schäfchen sprach und das immer unerträglicher werdende, rassistische Klima. Unsere KollegInnen vom Zürcher Oberländer witterten eine grosse Story, zeigten dann aber wenig journalistische Eigenleistung, indem sie die Rede des SVP-Vorbeters mehr oder weniger wörtlich transkribierten. Bei der Erklärung der SprayerInnen verwendeten sie wenigstens die indirekte Rede.

Im Vorfeld der Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative tauchte ausserdem eine Wandzeitung an verschiedenen Mauern in Zürcher Oberländer Käffern auf. Wir haben den Text geklaut und abgedruckt (siehe S….). Ebenfalls gesehen wurden Aufkleber mit dem Spruch „2x Nein ist nicht genug! – Rassismus ist Alltag! Kämpfen wir dagegen!“. Wir sind gespannt auf weitere Aktionen…

Am 13. November demonstrierten zwischen 600 und 1000 Menschen in Zürich unter dem Motto „Ausschaffungen abschaffen! – Faschistische Tendenzen bekämpfen!“ gegen die Ausschaffungsinitative, den Gegenvorschlag und das momentane rassistische Klima in der Schweiz. Vom Central gings durchs Niederdorf zum Bahnhof Stadelhofen und von dort aus übers Limmatquai wieder zurück. Dabei wurden lautstark Parolen gerufen, Flyer verteilt, Plakate geklebt und vereinzelt gesprayt. Obwohl die Demo über alle möglichen Medien angekündigt war, schien die Staatsmacht doch ein wenig überrascht. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof und zur Bahnhofstrasse stellten sich schliesslich auf der Bahnhofbrücke ein paar Polizisten in Vollmontur entgegen. Dies reichte leider schon, um die Leute zur Umkehr zu bewegen. Schliesslich wurde die Demo auf dem Hirschenplatz im Niederdorf beendet. Diesmal witterte allerdings kein einziges Medium eine grosse Story.


Was läuft?


Am 28. November…

…wird über die Ausschaffungsinitiative abgestimmt. Dies ist der vorläufige Höhepunkt einer Hetze, die sich gegen AusländerInnen, sozial Schwache und diverse Minderheiten richtet. Der Kampf dagegen und gegen den Kapitalismus geht weiter.

Informatives…
Am Freitag 10. Dezember findet in der KultiBeiz eine Veranstaltung zum Widerstand gegen Minenprojekte mit Schweizer Beteiligung in den Anden statt.
Am Dienstag 4. Januar besuchen uns Michael Schiffmann (von der Heidelberger Mumia-Soli-Gruppe) und Anton Reiner (vom Berliner FREE MUMIA Bündnis) und berichten von ihrem Besuch bei Mumia Abu-Jamal, der seit über 30 Jahren in den USA in der Todeszelle sitzt, über dessen aktuelle Situation und die Proteste gegen seine Hinrichtung. Weitere Informationen zu diesen Veranstaltungen gibts auf (www.akzo.ch.vu).

Gegen das WEF…
Das wissen wir auch nicht. Sicher ist aber, dass das Bonzentreffen vom 26. – 30. Januar in Davos stattfinden wird. Das Motto lautet „Shared Norms for the New Reality “. Und weil ganze viele Menschen ihre Normen nicht teilen und für eine andere Realität kämpfen, läuft dagegen bestimmt was…

Sonst so…
Es läuft meistens etwas und wir haben sicher einiges vergessen. Gute Informationsquellen ist die Internetseite des Antikapitalistischen Kollektivs Zürcher Oberland (www.akzo.ch.vu) für das Zürcher Oberland und Indymedia (www.indymedia.ch) für die ganze Schweiz. Aber nicht alles steht im Internet. Also haltet Augen und Ohren offen!

Antifeminismus-Kongress

Initiant

Der Vorstand der Antifeminisums IG besteht aus vier Männern, wobei die wohl bekannteste Person hierbei René Kuhn ist. Seit das damalige SVP-Mitglied im Sommer 2009 sagte, dass Schweizer Frauen zu wenig auf ihr Äusseres achten, „linke Emanzen“ oder „zerlumpte Vogelscheuchen“ seien, ist er ein bekanntes Gesicht in den Schweizer Medien. Daraufhin veröffentlichte Kuhn ein Buch zum Thema, mit dem Titel „Zurück zur Frau – Weg mit dem Mannsweibern und Vogelscheuchen, ein Tabubruch“. Dort fordert er unter anderem Frauen auf, ihre Weiblichkeit zu geniessen.

Dann wurde es ruhig um Kuhn, doch kürzlich wurde ihm wieder vermehrt Aufmerksamkeit zugesprochen. Im April 2010 gründete er die Antifeminisums IG und organisierte auch das erste Treffen der Antifeministen. Kuhn betont, dass er kein Frauenhasser sei. Im Gegenteil, er nennt sich einen Frauenliebhaber oder gar Frauenversteher. Ihm sei bewusst, dass der Name Antifeminismus provoziere, ihm gehe es aber ausschliesslich um die Inhalte und hierbei betont er, dass es ihm nur um Gleichberechtigung gehe.

Interessengemeinschaft Antifeminismus

Die Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF) steht unter dem Motto „für eine echte Gleichberechtigung“. Sie wurde am 9. April 2010 gegründet. Ihr Ziel ist es, gegen den Feminismus und seine „untragbaren Folgen“ zu kämpfen. Das Wort „Feministin“ ist dabei ihr Schlag – wenn nicht sogar Schimpfwort, obwohl es nicht immer klar definierbar scheint (so ist eine Frau, die nach der Scheidung Alimente fordert genauso eine Feministin wie eine, die dank Frauenquote arbeiten geht). Kurz nach der Gründung wurden ca. 800 Mitglieder gezählt, mittlerweile sind es über 2000. Die Mitglieder der IGAF sehen sich als Opfer der feministischen Gesellschaft, da sie sich auf verschiedenen Ebenen ausgeschlossen und bedroht fühlen. Die Gemeinschaft fordert ausdrücklich eine Gleichstellung von Mann und Frau – obwohl sie Feministinnen als „Männerhasserinnen“ verschreien. Sie sind der Meinung, Feministinnen würden keine Emanzipation anstreben, sondern die Unterwerfung des Mannes. Wenn also die Gerechitgkeit im Zentrum steht, ist der Name ‚Interessengemeinschaft Antifeminismus’ unglücklich und provokativ gewählt. Die Gemeinschaft wehrt sich gegen eine Verstaatlichung der Männerorganisationen, obwohl sie sich gleichzeitig darüber beschwert, dass es mehr staatliche Stellen für Frauen gibt.

Die IGAF bemüht sich um einen seriösen öffentlichen Auftritt. Sie fordern, „dass Männern dieselbe Menschlichkeit, dasselbe Mitgefühl und dieselbe Unterstützung entgegengebracht wird wie den Frauen“. Im Forum der Homepage ist jedoch ungefiltert zu lesen: „Eine Frau, welche den Geschlechtern die Gleichheit unterstellt, ist eben keine Frau, sondern eine Feministin.“ Der IGAF scheint die Unterscheidung von Frau und Feministin von grösster Bedeutung zu sein. Diese erlaubt ihnen, Feministinnen als hässliche Vogelscheuchen abzutun und gleichzeitig zu behaupten, Frauen sehr zu schätzen und zu lieben. Erstaunlicherweise finden sich einige Frauen in der IGAF wieder. Die Propaganda dazu lautet: „So gut sieht eine Antifeministin aus! Kein Wunder mögen sie die Feministinnen nicht!“

Am 30. September 2010 wurde der „Verein Antifeministen“ gegründet. Er bekämpft die Ideologie des Feminismus auf globaler Ebene. Dazu schliessen sich die Mitglieder mit verschiedenen gleichgesinnten Organisationen im internationalen Kontext zusammen. Am 30. Oktober hat unter grösster Geheimhaltung erfolgreich das erste internationale Antifeminismus-Treffen stattgefunden. Es wurden verschiedene Referate gehalten, die meisten mit dem Schwerpunkt Familienrecht, sprich den Rechten der (meist geschiedenen) Familienväter.

Widerstand

In der Schweiz, mehrheitlich in der Region um Zürich, regte sich Unmut über das erste internationale Antifeminismus-Treffen. Es wurde vor einem Rückschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einem Legitimitätsverlust des Feminismus gewarnt. Dieser Legitimitätsverlust wird hauptsächlich durch den aktuellen Rechtsdruck begründet, der sich aus ökonomischen Verschlechterungen ergibt: In Zeiten der Krise lehnen sich Menschen an Begriffe wie Sicherheit, nationale Identität oder eben „natürliche“ Geschlechterordnung.

Im Vorfeld des Antifeminismus-Treffen tauchten an den Wänden Zürichs und Region Plakate und Wandzeitungen gegen das Antifeminismus-Treffen auf, welches von einem Bündnis gegen das Antifeminismustreffen unterschrieben wurde. Neben inhaltlichen Argumenten gegen das Treffen wurde dazu aufgerufen, am Tag des Treffens in Uitikon eine Kundgebung zu unterstützen. Am Abend des 22. Oktobers wurde die Bauwand gegenüber der Sihlpost von ungefähr 50 Linksaktivisten mit einer Collage aus Bildern, Texten und Parolen beklebt. Auch dort war die Mobilisierung für die Kundgebung in Uitikon Bestandteil der Parolen. Am folgenden Wochenende des 23. / 24. Oktobers wurde in Uitikon die Werbetafel des Lokals, in dem das Treffen hätte stattfinden sollen, sowie das Gemeindehaus mit Farbe beschmiert. Die Antifeministen reagierten verunsichert, es wurde eine Anzeige gegen Unbekannt eingereicht. Als Folge der Mobilisierung und der Schmierereien wurde das Antifeminismus-Treffen örtlich verlegt. Die Organisatoren verkündeten, dass der neue Ort am Samstag 30. Oktober um 07:00 Uhr per SMS den Teilnehmer bekannt gegeben werde.

Der neue Ort war vorerst der Flughafen Zürich, der den Antifeministen als Schleussenpunkt diente. Danach ging es weiter in die Nähe der deutschen Grenze, wo der 1. Antifeminismus-Kongress schlussendlich abgehalten wurde. Die Änderung des Veranstaltungsortes hatte ausserdem zur Folge, dass auch die Linksaktivisten das Ziel ihrer Mobilisierung änderten. So trafen sich am Samstag, 30. Oktober, etwa 80-100 Personen zu einer Kundgebung gegen den Antifeminismus am Central. Etwa eine Stunde später liefen die Teilnehmer der Kundgebung durch das Niederdorf bis zum Bellevue. Die Demonstration verlief friedlich.

Anti-Feministen – nicht ernst zu nehmende Spinner?

Wenn frau die Ideen und Aussagen1 der Anti-Feministen betrachtet, dann kommt frau vielleicht in die Versuchung, diese Typen als durchgeknallte Spinner zu betrachten, denn ihre Analysen sind so realitätsfremd und absurd, ja zum Teil sogar einfach lächerlich. Und doch wäre es total falsch, diese Kräfte als kleine Minderheit abzutun, die wir nicht ernst nehmen müssen. Viel mehr sind solche Gruppen und Ideen Ausdruck eines gesellschaftlichen Rollbacks. Rückwärtsgerichtete, konservative Stimmen gewinnen wieder vermehrt an Rückhalt und erkämpfte Frauenrechte und fortschrittliche Errungenschaften werden offen angegriffen. So wurde zum Beispiel eine Initiative-Gruppe gegründet, welche das Ziel hatte, den Schwangerschaftsabbruch aus der Krankenversicherung zu streichen (was faktisch einem Verbot gleichkommt für Frauen mit wenig Geld). Eine ähnlich traurige Erscheinung ist Eva Hermann, die mit ihrem Buch „Das Eva-Pinzip“ dafür plädiert, dass die Frauen wieder an den Herd sollen, damit die traditionellen Geschlechterrollen wieder hergestellt werden. Auch aus der Wissenschaft kommt tatkräftige Unterstützung zur Zementierung des konservativen Geschlechterverhältnisses. Der Biologismus2 hat Hochkonjunktur, die sogenannte „Natur des Menschen“ dient als Totschlag-Argument für alles. Eine sehr einfach Argumentation: Sie will uns nämlich weiss machen, dass nicht die sozialen oder ökonomischen Verhältnisse unser Sein und Bewusstsein bestimmen, sondern dass wir gesteuert werden von biologischen Gesetzmässigkeiten. Damit wird versucht, jedem Veränderungsvorschlag schon von Anfang an das Wasser abzugraben und die bestehenden Zustände als in Stein gemeisselt darzustellen. Dies sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, dass leider nicht nur ein paar Spinner-Anti-Feministen das Rad der Geschichte gerne zurückdrehen wollen.

Aber die reaktionäre Entwicklung richtet sich natürlich nicht nur gegen Frauen. Gerade in Zeiten der Krise schaffen die Herrschenden wieder verstärkt ein Klima der Hetze und Repression gegen alles, was sich als Sündenbock oder sonstige Ablenkung verwenden lässt: MigrantInnen, MuslimInnen, „Sozialschmarotzer“, „Scheininvalide“ oder Arbeitslose. Sie spalten uns, damit wir uns nicht gemeinsam wehren, wenn sie mit allen Mitteln versuchen, die Kosten der Krise auf die Arbeiterinnen und Arbeiter abzuwälzen, sei das nun mit Sozialabbau, Entlassungen oder Arbeitsintensivierung.

Wir sehen also, dass dieses Anti-Feminismus-Treffen nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden kann und somit muss auch der Widerstand dagegen immer wieder an der gesamtgesellschaftlichen Realität anknüpfen. Dazu müssen wir nicht nur die Angriffe der konservativen Kräfte thematisieren, sondern es ist auch immer wieder notwendig zu sagen, dass Frauenkampf auch noch heute wichtig und unentbehrlich ist. Zwar wird uns heute immer wieder vorgegaukelt, der Frauenkampf sei etwas von gestern, heute lebten wir alle frei in einer gleichberechtigten Welt. Aber wer mal kurz einen Blick auf die Faktenlage wirft, dem/der sollte klar werden, dass sich die Frauendiskriminierung trotz einiger Veränderungen wacker gehalten hat. So ist es noch heute Realität, dass Frauen in der Schweiz rund 20% weniger verdienen als Männer. Auch in der Politik und vor allem in der Wirtschaft sind Frauen stark untervertreten. Laut einer Studie der Universität Zürich sind nur 15% der Angestellten in Unternehmensleitung Frauen, obwohl Frauen 45% der Werktätigen ausmachen. Dafür sind die Frauen in prekären und schlecht bezahlten Jobs (Verkauf, Putzarbeit) völlig überproportional vertreten. Auch bei der Hausarbeit gibt es noch grosse Geschlechtsunterschiede, so tragen rund 80% der Mütter in der Schweiz die Hauptverantwortung im Haushalt. Laut NZZ wünschen sich zwar die meisten Paare eine gleichberechtigte Haushaltsführung, doch kaum kommt das erste Kind, entscheidet sich die Mehrheit trotzdem für die traditionellen Geschlechterrollen. Bei der Bildung sieht es leider nicht besser aus: Zwar sind 57% der StudentInnen in der Schweiz Frauen, doch es gibt gerade mal 14% Professorinnen. Ein anderes Thema, welches die Antifeministen krass verharmlosen, ist die Gewalt an Frauen. Laut UNO wird weltweit jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperlich oder sexuell missbraucht. Diese Fakten sollen nicht auf die Tränendrüse drücken, viel mehr geht es darum zu zeigen, wie aktuell Frauenkampf noch heute ist. Und gerade in solchen Zeiten, in denen der Angriff von rechts oben wieder intensiviert wird.

Das Frauenbild im Hiphop

Von Lotta C, Rapperin aus Mannheim (www.myspace.com/lottac)

Wenn ich gefragt werde, ob es schwer ist, als Rapperin anerkannt zu werden, muss ich zunächst sagen: ja, es ist schwer als Rapperin ernst genommen zu werden. Nach einer gedanklichen Pause würde ich dann sagen, dass es aber auch schwer ist als männlicher Rapper ernst genommen zu werden – gerade, wenn man sich nicht an die bereits erwähnten Regeln hält – und schließlich und endlich würde ich sagen, dass es auch etwas auf die Szene ankommt, in der man sich als Rapper/in versucht.

Als Frau hat man es in dieser Gesellschaft immer schwerer, in einem von Männern dominierten Bereich akzeptiert zu werden und sich durchzusetzen – da ist HipHop nicht die seltene Ausnahme oder ein Randphänomen, sondern reflektiert die Gesellschaft in der er entsteht. Also alles was nicht Kindergarten oder Krankenhaus ist, ist für Frauen erst einmal schwieriger zu erobern als für Männer. Im HipHop tritt das vielleicht deutlicher zu Tage, weil er einen Teil seiner Wurzeln in Bereichen hat, die stark mit einem traditionellen Frauen- und Männerverständnis verbunden sind und zum anderen, weil sich HipHop ein bestimmtes Image zugelegt hat, dass eher so genannte typisch männliche Verhaltensweisen fordert und produziert. Ich denke da zum Beispiel an die Beschimpfungen, die Raptexte vielfach enthalten, Battle-Texte, Representing, dieses „Ich bin besser, größer, stärker, … und ich mach dich platt“-Getue, die Betonung der eigenen Person gegenüber allen oder vielen anderen. Das sind alles sehr extrovertierte Verhaltensweisen und Gefühlsausdrücke, wie sie in unserer Gesellschaft Frauen seltener an den Tag legen dürfen. Das ist eine Frage der Erziehung und ändert sich vielleicht auch gerade deswegen in bestimmten Schichten und unter anderen Umständen.

Das heißt aber auch, dass es durchaus Menschen innerhalb der HipHop-Szene gibt, die in ihrem Umgang keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen machen, sondern schlicht zwischen nett und bescheuert, die auf den Inhalt Texte mehr achten als auf das Geschlecht. Das sind auch Leute, die mir eine Chance gegeben haben, Rapper, die mehr zu sagen haben als „Ich bin der Größte in Deutschland“. Und die sind mir sympathisch, mit denen will ich Musik machen und meine Zeit verbringen. Die sind für mich das, was HipHop ausmachen sollte. Und Sido, Bushido und wie sie alle heißen interessieren mich keinen Deut. Ich habe keine Ahnung was die machen, wer gerade wen featured oder nicht mehr lieb hat. Das ist nicht HipHop, das ist eine Modeerscheinung. Und die Kids lieben es, weil sie sich vorstellen wollen, sie selber wären der harte Kerl mit der Maske und dem Viva-Comet, statt einem arbeitslosen, pickeligen Teenager mit unterdurchschnittlichem Zeugnis, maulenden Eltern und keiner Freundin.

Texte rauszubringen, Musik zu veröffentlichen ist für mich als Frau eigentlich nicht schwieriger als wenn ich ein Typ wäre, denke ich. Aber auch das liegt an der HipHop-Szene, in der ich mich bewege. Es ist für alle schwer sich vom Alltag loszureißen, Texte zu schreiben, was Neues zu bringen und den Mut zu haben, sie allen anderen zum Zerreißen vorzulegen. Das ist etwas womit man immer rechnen muss, wenn man so in die Öffentlichkeit tritt: dass alle dich scheiße finden und das auch sagen. Mit solcher Kritik umzugehen ist schwer.

Und sonst habe ich eigentlich eher das Gefühl, dass es durchaus Menschen gibt, die sich mal schützend vor oder hinter mich stellen, mich unterstützen und mir Mut machen weiter Texte zu schreiben und zu rappen, gerade weil ich eine Frau bin und sie es gut fänden, würden mehr Frauen in die Szene vordringen. Frauen, die sich nicht gerade dem Image des harten Deutschland-Rappers anpassen, sondern ihren eigenen Stil und Charakter einbringen. Frauen, die nicht jeden Blödsinn der ach so harten Rapper mitmachen, sondern einfach sie selbst bleiben und genau darüber rappen und schreiben. Von solchen Künstlerinnen gibt es nur wenige im HipHop und noch weniger sind bekannt geworden, wie zum Beispiel Cora E. oder Fiva MC. Auch wenn um die weniger Wirbel gemacht wird, als um die Neue-Deutsche-Welle-Rapper.

Das Frauenbild, wie Hip Hop es zeichnet, kritisiere ich natürlich, so wie viele andere Bilder, die Medien über Frauen entwerfen auch kritisiere. Ich denke, dass sehr viele Rapper ein Image konstruieren, dass sie eigentlich nicht wirklich erfüllen – so cool sind die nicht. Da wird „Motherfucker“, „fucking-“ und „zerficken“ zur Worthülse, deren Bedeutung kaum noch wichtig ist. Aber ein Raptext ohne, ist eben kein richtiger Rap-Text.

Ich finde, man kann im HipHop-Frauenbild zwei Nuancen unterscheiden. Das eine ist das der Frauen als Sexsymbole und Statusfiguren, das andere ist dass der Schlampen und minderwertigen Wesen.

Übersetzt man ein paar Rap-Texte und deutet ihre Symbolik, wird hier oft sexuelle Gewalt oder allgemein eine sexuelle Handlung angedroht, um Macht auszuüben, zu bestrafen, Hierarchien klarzustellen. Trotzdem will das fast niemand so sehen. Das seien bloß Worte, ohne wirklich ernste Bedeutung, ist die häufigste Ausrede. Damit spiegeln aber auch sie die Gesellschaft wieder, in der wir leben und in der sexualisierte Gewalt zum Alltag gehört. Nur versteckter als in den offenen Worten der Rapper. Und genauso wie im Rap herrscht auch in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen die Ansicht, was man tue und was man sage sei nicht wirklich tragisch, solange es vorrangig einem Image diene oder alle angeblich wüssten, dass solche Aussagen eigentlich verallgemeinernd, damit falsch oder schlicht inakzeptabel sind. Und dann kann man im Radio ruhig Frauen als Huren beschimpfen, denn es wissen ja eigentlich alle, dass Frauen im allgemeinen keine Huren sind, bis auf die die sich wie eine benehmen und sich wie eine anziehen und die es gar nicht anders verdient haben und sowieso… Mich nervt das, denn ich fühle mich bedroht von Menschen, die mich aufgrund meines Geschlechts angreifen, mich auf meinen Körper reduzieren und dann auch noch auf mich herabsehen. Ich bin sauer, wenn ich Texte von Rappern höre, die über den ihnen angetanen Rassismus schimpfen oder die Gesellschaft verurteilen, weil sie nur getreten werden und als Antwort fällt ihnen dann auch nur ein wieder nur ein nach unten zu treten oder sich jemanden auszusuchen auf dem wiederum sie rumtrampeln können. Und dabei kann ich mein Geschlecht genauso wenig ändern wie sie ihre Hautfarbe oder ihre Herkunft.

Sexualität wird zum einen als Schwachstelle empfunden, zum Beispiel wenn es um die Beschimpfung von Homosexuellen geht, zum anderen dient geschlechterspezifische Gewalt als Mittel, um der eigenen Ohnmacht zu entgehen, sich stärker zu fühlen und endlich eine Position in der Gesellschaft einzunehmen – und sei es nur die knapp über der eben beschimpften „Hure“. Dazu zeichnen Raptexte von heute überwiegend das Bild des starken, potenten Mannes, der mit seinem Penis als Waffe die „Heiligen“ von den „Huren“ trennt (die einen verschont er, die anderen bestraft er durch Gewaltanwendung in Form von sexuellen Handlungen). Und weil Sexualität trotz aller Aufklärung immer noch etwas Anrüchiges an sich hat, zieht es die kleinen Jungs in den Bann, die auch gerne alle „zerficken“ würden, die sie ärgern.

Vielleicht versteht man das Frauenbild des HipHop besser, wenn man sich seine Entstehungsgeschichte ansieht: wenn die Wurzeln des Rap in einer Zeit und in einer gesellschaftlichen Schicht liegen (und da ist es glaube ich egal, ob man Amerika oder Europa nimmt), in der Frauen eine stark untergeordnete Rolle spielten, den Haushalt führen mussten oder es für sie unangebracht erschien, auf der Straße rumzuhängen, wenn es eher zornige Männer mit Migrationshintergrund waren, die Rap zuerst benutzten, dann ist vielleicht auch klar, warum auf die Betonung der Männlichkeit ein so starker Akzent gesetzt wird. War die Gesellschaft nur mit Härte zu überleben, dann sollte sie diese bekommen. Alles, was weich, emotional oder anders ist wurde und wird dem schwachen, weiblichen Geschlecht zugeordnet. Um die eigene Ohnmacht und Unsicherheit zu besiegen, greift man zu traditionellen Rollenbildern, Werten und Regeln, hält daran fest und verschafft sich so Sicherheit, macht sich stärker, da man zumindest in der Unterschicht nicht auf der untersten Hierarchiestufe steht.

Die andere Seite des Frauenbildes ist die der akzeptierten Frauen, die in ihrer untergeordneten Position zwar nicht mit sexueller Bestrafung zu rechnen haben, aber an denen auch nur wenig mehr interessant ist als ihr Körper und wie sie damit den Mann um den Verstand bringen. Das bringt man(n) in Texten und in Videos. Das Schlimmste, was ich da in Erinnerung habe ist „Candy-Shop“ von 50 Cent. Wenn der Typ sich in meinen Augen nicht gleichzeitig so lächerlich machen würde, hätte ich mich echt nur übergeben können bei dieser Selbstdarstellung: alle Frauen fahren auf ihn ab und er ist eigentlich Mr. Sex persönlich. Ich denke ja, dass er da eine Männerphantasie auslebt und viele Frauen das schon als so normal erleben, dass sie sich nicht einmal mehr aufregen. Viele haben aber leider auch nicht mehr das Bedürfnis danach…

Hannes Loh, Buchautor und Anarchist Academy Mitglied, hat vor Kurzem zu mir gesagt, dass er es erschreckend findet, wie viele Frauen diese sexistische Musik hören und sich auch von entsprechenden Textpassagen nicht abschrecken lassen. Auf seine Nachfrage hin erklärten sie, dass ja nicht sie gemeint sein mit den unflätigen Beschimpfungen, sondern “die anderen“. Interessant ist also die Möglichkeit die eigene Position dadurch definieren zu können, dass man sich einem, im Raptext dargestellten Bild zuordnet oder eben nicht. Darum ist Rap auch so anziehend für Jugendliche, die in bestimmten Entwicklungsphasen diese Rollenmodelle von Außen zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung dankbar annehmen.

Wirklich bedauernswert finde ich, dass junge Frauen wieder so sehr zurückgedrängt werden auf eine Position, in der immer noch oder wieder nur ihr Äußeres zählt und jede andere Fähigkeit um ein Vielfaches überragen muss, um Anerkennung zu finden. Attraktiv und doch keusch muss sie sein, die Superfrau im Raptext – und das bietet unter Umständen mehr Identifikationspotential als die ganze restliche Gesellschaft zusammen aufbieten kann. Und für Frauen, die ja nicht nur im Rap mit diesen Frauenbildern konfrontiert sind, bieten sich so wenig Möglichkeiten anderen Rollenbildern nachzueifern oder eigene zu entwickeln.

Ein immer wieder strapaziertes Frauen- und Männerbild, dass sich qualitativ nicht ändert, sondern nur seine Erscheinungsformen wechselt, beeinflusst Menschen und diesem Einfluss kann sich keiner entziehen. Auch ich nicht, trotz aller Reflexion. Und da ist es egal, ob Frauen gezwungen werden sich dem Mann unterzuordnen und sich für ihn hübsch zu machen oder ob sie es „freiwillig“ tun, weil man ihnen mit seiner genetischen Überlegenheit lange genug in den Ohren gelegen hat. Emanzipation heißt nicht, dass Frauen sich wohl fühlen mit den ihnen zugedachten und seit Jahrhunderten reproduzierten Rollenmodellen.

Ach ja, ich habe auch die Nase voll davon, Rappern, die sich selbst den Anstrich „politisch“, „reflektiert“, “fortschrittlich“ und so weiter geben, immer wieder erklären zu müssen, dass das Wort „Bitch“ für mich nach wie vor ein frauenfeindliches Schimpfwort bleibt. Egal, wie sie es umdeuten. Und das Freche daran ist, dass ich mich als Frau immer wieder damit auseinandersetzen muss. Ich habe da keine Lust zu. Auf die Idee, das Wort „Nigger“ oder „Homo“ umzudeuten kommen die ja auch nicht und erst recht würden sie sich nicht vor einen Schwarzen stellen oder vor einen Homosexuellen und den auffordern, sich doch bitte nicht so aufzuregen, das Wort habe eben seine Bedeutung geändert. Das passiert leider nur im Umgang mit Frauen. Denn sich über Sexismus aufzuregen ist voll uncool und gar nicht funky.

Im normalen Musikgeschäft kann man sich momentan wirklich wenig ansehen, was die Frauen da so bringen. Amy Winehouse ist cool, auch Pinks Video finde ich ganz gut. Mir ist sie sympathisch, da sie ein anderes Image verbreitet, als die meisten weiblichen Popstars, gerade die amerikanischen. Ich finde zum Beispiel Annett Louisian viel schlimmer, weil sie sich so ein Lolita-Image gibt.

Einige Videos anderer Sängerinnen, die Pink aufs Korn nimmt, habe ich auch noch in schrecklicher Erinnerung, zum Beispiel Olivia dancing next to 50 Cent in >Candy Shop< oder das Video von Jessica Simpson, die zu >These Boots Are Made For Walking< in irgendeinem Trucker-Schuppen Autos wäscht. Pinks Video zu sehen war für mich ein bisschen Genugtuung, denn ich würde diesen Damen auch gerne mal gepflegt ins Gesicht springen, dafür dass sie uns mit solchen Vorstellungen traktieren. Die ganze Frauenbewegung umsonst, wenn sich Frauen selbst wie Pornodarstellerinnen auf Autos räkeln und das in ihren eigenen Videos, nur um diese einmal mehr zu verkaufen. Und das hat nichts mit Cleverness, Emanzipation und „Ausnutzen der Dummheit der Männer“ zu tun, sondern mit einem tiefen Schnitt ins eigene Fleisch. Wenn ich mir eine Bratpfanne auf den Kopf haue, kann ich das Kochen nennen so oft ich will, es ist und bleibt schlicht Blödheit.

Insofern wird Pink zwar nichts ändern und sie selbst ist und bleibt auch nur wieder eine Rolle, ein Verkaufsimage mit dem sich die etwas weniger angepassten Frauen identifizieren sollen, aber es ist eine erfrischende Abwechslung im restlichen Mainstream. Und wenn sie es nur schafft, einen Gegenpol dazu zu bilden, dass es jetzt die Frauen selbst übernehmen sich als Pornodarstellerinnen in ihren eigenen Videoproduktionen zu vermarkten, dann reicht mir das für diesen Musiksektor erst mal aus.

Quelle

Lea-Won – Ein Interview

1)Woher kommt dein Künstlername?
aus meinem kopf. ich war 14. asien-tick und -identifikation (wegen meinen sogenannten schlitzaugen). abwandlung meines bürgerlichen vornamens. irgendwie aber „Li“ anders schreiben als wie es es schon zu oft gibt („Lee“), usw. „Won“ ist halt „One“ und kann auch für die Einheit stehen, oder die Verbindung von mir („Lea“ wie „Li“) zum Einzelnen bzw zur Einzelnen, der oder die das hört/mitbekommt. Oder sonste wie.

2) Wie bist du auf HipHop gestossen?
aus versehen. zu der zeit wollte ich noch samurai-krieger oder judo-weltmeister werden. dann kam ein musik-unterricht-projekt eines coolen lehrers und mein damaliger bester freund mit us-rap-mainstream-maxi-CDs an, auf deren instrumentals wir dann erste texte schrieben (nas „if i ruled the world“, xzibit „paparazzi“ und warren g „what’s love got to do with it“). ich blieb dabei, drauf hängen, dran gestoßen, angestoßen undsoweiter. Davor hatte ich schon mal paar deutschsprachige rap-sachen über bravo-hit-compilations wahrgenommen, aber ohne das als „rap“ zu bezeichnen oder mit der hiphop-kultur in verbindung zu bringen. wir hatten kein kabelfernsehen, also kein musikfernsehen, sondern nur die bravo-cd-compilations, und über meinen damaligen besten freund kam ich dann eben auch zu freundeskreis („quadratur des kreises“), wu-tang und notorious BIG, das wird alles so 1998 gewesen sein. Mit diesem Freund probierte ich dann auch breakdance und graffiti natürlich aus.

3) Ist es dein Ziel, von der Musik leben zu können? Wenn ja, wie? Wenn nein, wieso?
jetzt mal pathetisch und dramatisch: ich leb nur noch, weil es diese (rap-)musik für mich und von mir gibt und gab. ich lebe ansonsten von eistee-pulver, tiefkühlpizza, luft, (dem drang nach) liebe und den geerbten aktien meines opas oder wo auch immer mein vater noch geld übrig hat. das wird noch 2-3 jahre reichen. und dann… mal schauen. es gibt gute gründe, den eigenen lebensunterhalt lieber von hartz4 (sozialstaats-stütze) anstatt aus dem verkauf der eigenen rap-kunst zu beziehen, aber das würde jetzt als thema dann fast wieder zu weit führen und kompliziert werden. im endeffekt ist ja jede lohnarbeit scheiße, aber wenn ich schon etwas tue (rap-musik daheim produzieren und hinaus in die welt tragen, und auf bühnen vor anderen zu teilen), bei dem ich möglichst, frei, flexibel, unabhängig, gelenkig und leidenschaftlich bleiben will, dann vielleicht doch lieber möglichst als kunst, statt tendenziell zu sehr als dienstleistung.

4) Was bedeutet für dich HipHop?
konfrontation, kommunikation, verwandlung, zerstörung, aufbau, reibung, spaltung, tropfen, treffen, stoßen, zielen, samplen, zerschneiden, erkennen, atmen usw… also ungefähr alles. ist auch auf verschiedenen songs von mir zu hören. „hiphop“ als dummer begriff ist ja eigentlich n neu-modisches synonym für das, was früher einfach „Leben“ genannt wurde, also sprechen, schreiben, malen, zeichnen, tanzen, sich bewegen, zusammen kommen, sich streiten, sich erklären, sich etwas wünschen usw. In unseren westlich-zivilisierten Gesellschaften wurden diese kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten irgendwann vom „normalen Leben“ separiert. Das „normale Leben“ war dann im Laufe der Industrialisierung oder auch davor halt von entfremdeter Arbeit gekennzeichnet, die keinen Platz ließ, sich auszudrücken, sich selbst und andere zu entdecken und zu entfalten… irgendwann schreib ich n Buch drüber. Ähnliche Fragen wurden übrigens auch schon in anderen Interviews gestellt, zb hier: http://www.zeitjung.de/KULTUR/artikel_detail,5502,Durch-Hip-Hop-kann-ich--zeigen-wer-ich-bin.html

5) Gibt es einen Track von dir, der dir besonders am Herzen liegt?
ja, klar. von den 200 Liedern, die ich gemacht habe, gibt es wahrscheinlich 40 Lieder, die ich jemandem, der oder die mir nahe ist, im Laufe unsere kennenlernens unbedingt zeigen wollen würde, weil sie etwas über mich, meine gedanken, meine leidenschaften, ängste oder wünsche aussagen, oder weil sie einen wichtigen punkt in meinem Leben markieren. Zu verschiedenen themen gibts da dann verschiedene Songs.

6) Wie lernt man/frau zu rappen? Oder anders: Wie hast du dir deine Fähigkeiten angeeignet?
es gibt nicht ein art und weise, wie mensch rappen kann. du sprichst etwas so, dass es sich für dich zur musik passend oder unpassend anhört, wie du eben willst, und desto länger du es machst, desto mehr lernst du, es so zu kontrollieren, dass du mit deiner stimme dynamisch spielen kannst, dass du rhythmische feinheiten einbauen kannst, die den inhalt eventuell verstärken können oder einfach dir selbst dann mehr spaß oder freude bereiten, deine wut oder deine wünsche zum vorschein bringen und dir dadurch etwas geben, und vielleicht auch andren etwas inspiratives oder erfreuendes geben können, wenn du es teilst. das mit den reimen usw ist auch eine art spiel, welches mehr oder weniger sinn und wirkung haben kann, und das sollte jeder und jede für sich selbst rausfinden. desto tiefer man einsteigt, desto spannender wirds. ich mach das seit 10 jahren und höre nicht auf, dazu zu lernen oder es weiterzuentwickeln, schwerpunkte zu verlagern und zu verwandeln.

7) Politische Themen kommen in deinen Texten immer wieder vor. Welche politische Themen beschäftigen dich? Welche Stellung haben diese in deinen Tracks?
da könnte ich jetzt natürlich aufsätze drüber schreiben. ich muss aber ernstens mal in die küche und die pizza endlich in den vorgeheizten ofen schieben, und außerdem überlass ich das lieber denjenigen, die sich die zeit nehmen, meine lieder aufmerksam anzuhören, weil sie vielleicht was gehört haben, was ihnen freude bereitet hat oder sie berührt hat. ansonsten: natürlich alles. okay, mal kurz beschrieben kann ich folgendes sagen: es ging von liedern gegen drogenkonsum, gegen sexuellen missbrauch und gegen rassismus (eben mit 14/15 Jahren) über lieder über die ganze welt und mein seelenleiden bis dahin, dass ich dann halt irgendwann anfing, das genauer in zusammenhang zu bringen und hinter rassismus zb den kapitalismus zu erkennen, zu analysieren, wieder einzubauen… ich hab halt über 200 lieder gemacht in den letzten 10 jahren, was soll ich da jetzt drüber schreiben!? das müssen schon die machen, die sich das anhören und die für sie wichtigsten heraus nehmen. ansonsten gibts natürlich immer phasen, in denen man sich in den liedern mehr mit psychologischem, oder „persönlichem“ Kram beschäftigt, diesen dann aber auch mit größeren, sogenannten „politischen“, weltweiten themen oder gesellschafts-strukturellen zusammenhängen in verbindung bringen kann. Es gibt phasen, in denen man eher abstrakt und lyrisch schreibt und dann wieder andere, in denen es konkreter und klarer von der sprache her wird. Es gibt stimmungen, in denen man (also ich) halt eher ironisch schreibt, oder hoffnungsvoller, und es gibt phasen, die halt eher ernster oder düsterer sind usw. Die frage ist dann auch immer, wo es aufhört oder anfängt „politisch“ zu sein. Ich könnte keinen meiner songs als unpolitisch bezeichnen, weil sie für mich alle gesellschaftlich geprägte oder bedingte inspiration und rückwirkung beinhalten.

8) Welchen politischen Themen widmest du dich ausserhalb der Musik?
hängt das nicht alles miteinander zusammen? zur zeit so kommunismus und dings. da ich sowas aber auch halb studiere und auch immer wieder von bekannten und freunden wie freundinnen hier und da interessante bücher angeboten bekomme, war ich natürlich schon fast überall, würde ich sagen. angefangen hats mit 14 mit der malcolm x autobiographie, dann mumia abu-jamal, dann angela davis (klassenjustiz), dann erich fromm, jean ziegler dann auch mal, und zwischen drinnen usw immer mal wieder ein bisschen marx und bei so linken vorträgen und diskussionsrunden natürlich gewesen, zu allem möglichen, auch dem sex/gender-zeugs und sowas. ja, klingt pseudo und diffus. isses wahrscheinlich auch. letztens hab ich ne schulung zum thema permanente revolution in den werken trotzkis mitgemacht, die von RIO (revolutionäre internationalistische organisation) veranstaltet wurde. ansonsten natürlich auch immer wieder inhaltsreiche musik als einfluss und eigene ansichten und gedanken, die
ich mir dann zusammen-schnipsle und einbilde.

9) Was fällt dir zu den folgenden Stichwörtern spontan ein? Überwachung, Einsamkeit, Maschinen.
überwachung: mh. dort notwendig, wo es konflikte gibt. wer was gegen überwachung hat, sollte die ursachen bekämpfen, die überwachung notwendig machen.
einsamkeit: schöne sache. kommt drauf an, wie man sie nutzt und wie viel man davon erträgt und haben will, oder? ich kämpfe mit meinem rap natürlich gegen meine eigene einsamkeit und vereinzelung. trotzdem ist rap auch ein werkzeug, um sich aktiv zu ver-einzeln und abzuschotten, zu distanzieren, zu profilieren usw… muss ich aufpassen. kann man so oder so machen. einsamkeit und die damit verbundene melancholie können natürlich auch eine gefährliche droge werden, wenn man sich darin suhlt und sich zu gerne selbst bemitleidet. keine ahnung. ich glaube, weiter kommen wir nur zusammen.
maschinen: gute sache. kommt drauf an, wie man sie nutzt, und in welchen händen die maschinen zu welchem zweck gebraucht werden, oder?

10) Welche Probleme siehst du in der heutigen Gesellschaft? Wie könnte der Ist-Zustand verändert werden?
meine tracks anhören, bitte. da sind ja schon paar ist-zustände beschrieben und paar soll-vorschläge skizziert. ansonsten gerne mir bücher und vorträge empfehlen, oder mir was beibringen oder mit mir diskutieren. danke.

11) Und welche Rolle kann HipHop dabei einnehmen?
puh. also natürlich kann rap (meint ihr das mit hiphop?) ein sprachrohr und transport-medium sein, ideen, wünsche, ansichten und forderungen enthalten. was oft unterschätzt wird, ist aber eben die wirkung auf den/die rappende(n) selbst. mir persönlich hilft es, andere rappen zu hören. hilft mir gegen das gefühl der ungewollten einsamkeit, lehrt mich etwas, hält mich wach, erzählt mir etwas über andere menschen. mir persönlich hilft das, wenn ich selber rappe, aber auch einfach deswegen, weil ich für mich selbst lerne, dinge zu formulieren, zu durchdenken, abzuschließen oder zu öffnen. auch ganz praktisch lerne ich dadurch, körperlich und geistig präsent und wach zu sein. und dazu kommt auch noch, dass ich mich körperlich betätige, meine atem-mantras sozusagen vollziehe und einfach vielleicht ausgeglichener bin und lerne, die wut und agression gezielter einzusetzen, oder auch kontrollieren zu können. wie auch immer die dann in zukunft hier und da transformiert werden kann, vielleicht. yo.

Unsichtbares Theater

Das Theater heutzutage ist eine Angelegenheit für Reiche, die sich in ihrer Freizeit einen spannenden, horizonterweiternden Abend gönnen. Mensch lässt sich für 2 Stunden in eine Fantasiewelt sinken, lacht, weint, fühlt mit den Guten mit, hasst und verabscheut die Bösen. Am Ende werden dann doch alle 5 Minuten lang mit Klatschen beschenkt, der Saal leert sich und die Putzmannschaft und BühnenarbeiterInnen beginnen, die Spielstätte für die nächste Vorstellung einzurichten. Während herum geschoben, geschraubt und geputzt wird, tauchen die ZuschauerInnen, auf dem Heimweg, gemächlich wieder in die Realität ein. Mensch war im Theater, und es war eben wirklich nur Theater, das, wenn überhaupt, nur abstrakt, mit dem eigenen Leben zu tun hat. Von SchauspielerInnen für ZuschauerInnen: Produzieren, konsumieren.

Nicht, dass ich das Konsumieren von Theater verwerflich finde, ich wünschte mir, mehr Menschen hätten das Geld und die Kapazität, hin und wieder ins Theater zu gehen, um sich der Laster und Mühen des Alltags zu entziehen, sich zu bilden, zu lachen, angeregt zu werden und Neues auszuprobieren.

Für einen anständigen Platz im Schauspielhaus Zürich gibt mensch gut und gerne 40.- aus. Haben oder nicht haben. Vergünstigungen gibt es nur für Leute in Ausbildung. Die grossen Theaterhäuser stellen sich mit ihren Billettpreisen ganz klar auf eine Seite: Theater ist ein Luxusgut für die Oberschicht. Natürlich passt sich das Theater auch seinem Publikum an, es will nämlich gefallen, unterhalten, treue Kundschaft nicht verlieren. Durch das Privileg, dass Theater als Kunst angesehen wird, kann die treue Kundschaft auch mal ein wenig provoziert werden. Bisschen Kritik ist toll und Skandal Werbung zugleich. Doch das Mass an Kritik ist genau bemessen; Partner des Schauspielhauses Zürich sind Swiss Re, Credit Suisse und Migros Kulturprozent, der Medienpartner ist Tamedia. Ein von wirtschaftlichen Interessen unabhängiges Schaffen ist somit unvorstellbar. Was in diesem Theater gespielt wird, muss der treuen Kundschaft Vergnügen bereiten, darf aber keinesfalls zu stark im Widerspruch zur Ideologie der Sponsoren stehen.

Für mich muss Theater politisch sein. Ich stelle den Anspruch an die Kunst des Schauspielens, dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Widersprüche hinterfragt. Die Plattform soll genutzt werden, um Inhalte zu transportieren, Diskussionen anzuregen, Veränderung zu üben. Im Theater ist alles möglich, weil es nicht um Realität geht. Revolution, Anarchismus, Kommunismus, Perspektiven und Utopien können gespielt, analysiert und geübt werden. Warum nicht, wenn mensch doch darf? Im geschützten Raum des Theatersaals.

Augusto Boal, ein brasilianischer Theatertheoretiker, der während der Militärdiktatur von der Regierung gejagt und ins Exil vertrieben wurde, kritisiert das herkömmliche Theater genau an dem oben genannten Punkt. Mensch kann zwar alles Vorstellbare auf die Bühne bringen, doch bleibt es immer nur Fiktion. Es kann nicht zur Realität werden, weil es nur ein Spiel ist, eine Möglichkeit, eine Vorstellung. SchauspielerInnen und Publikum, beide sind sich dessen vollständig bewusst.

Augusto Boals Ziel war es, die etablierte Theaterform aufzubrechen, in der genau definiert ist, wer Akteur und wer ZuschauerIn ist. Solange der/die ZuschauerIn nur konsumiert, im Wissen, dass die ausgebeutete Magd, die er/sie gerade auf der Bühne sieht, keine echte Magd ist, sondern ein studierte Schauspielerin, solange verbindet er/sie das Gespielte nicht mit einer möglichen Realität. Er/Sie wird sich nie aufgefordert fühlen, selber aktiv zu werden. Darum hat Boal nach Theaterformen gesucht, die das Verhältnis SchauspielerIn-ZuschauerIn auflösen. So kam er auf das „Unsichtbare Theater“. Unsichtbar, weil es keine ZuschauerInnen mehr gibt. SchauspielerInnen gibt es noch, doch sie verraten nicht, dass sie es sind.

Ein Beispiel: (Etwa 10 SchauspielerInnen, eine öffentliche Fähre in der Stosszeit)
Eine junge schwarze Frau, ein Italiener, ein vornehmer Herr und eine Trinkerin sind auf der gleichen Fähre, jedeR für sich. Die Sitzplätze sind gut besetzt, nur die junge schwarze Frau hat einen, die anderen drei nicht. Nach einer gewissen Zeit wendet sich der Italiener an die Schwarze und fragt sie, wieso sie einen Sitzplatz beanspruche, während er als Weisser stehen müsse. Empörung unter den Fahrgästen. Die junge Frau steht wütend auf und der Italiener setzt sich auf ihren Platz. Die Alkoholikerin hat, wie fast alle anderen Fahrgäste, die Szene aufmerksam verfolgt. Sie baut sich vor dem Italiener auf: „Steh auf! Willst du wohl aufstehen du Scheissitaliener, du bist hier in der Schweiz!“ Der Italiener steht eingeschüchtert auf und wagt nichts mehr zu entgegen. Der vornehme Herr fordert nun die sitzende Alkoholikerin auf, ihm ihren Platz zu überlassen. Sie sei zwar Weisse und Schweizerin, aber Alkoholikerin, also ein unnützes Mitglied der Gesellschaft. Viele Fahrgäste (SchauspielerInnen und Fahrgäste) ergreifen Partei für die Frau. Ein Schauspieler versucht, die junge Farbige zu überreden, sich auf seinen Platz zu setzen. Sie lehnt sein „Mitleid“ ab. Verschiedenste andere SchauspielerInnen erheben sich nach und nach von ihren Plätzen und protestieren gegen Diskriminierung jeglicher Art. JedeR hat einen Satz parat: „Ich stehe auf, weil ich Türke bin!“, „Ich stehe auf, weil ich Rentnerin bin!“, Ich stehe auf, weil ich schwul bin!“.

Gezwungenermassen müssen die SchauspielerInnen gut improvisieren können. Weil sehr provokante Dinge im öffentlichen Raum gesagt werden, muss auch mit Reaktionen von Nichteingeweihten gerechnet werden. Dadurch entsteht natürlich eine umso spannendere Diskussion. Und sie ist echt. Niemand weiss, dass dies alles absichtlich provoziert wurde. Sehr wichtig ist, dass die Szene nicht aufgelöst wird; SchauspielerInnen dürfen sich nicht outen, sonst verliert die Szene sofort ihre ganze Wirkung. Was gespielt wird, muss Realität bleiben, für alle Nicht-Beteiligten.

Ich finde den Ansatz von Boal sehr spannend. Vom konventionellen heutigen Theater darf nichts Revolutionäres erwarten werden. Es gründet auf einer anderen Ideologie und anderen Grundlagen. Wer Theater für die Revolution machen will, muss seine Kraft anderswo investieren. Nicht warten, selber machen! Wenn die ArbeiterInnenklasse nicht ins Theater darf, kommt das Theater eben zu ihr, in Trams, Zügen, Fähren, auf Plätzen, in der Migros – überall da, wo das sich das Volk bewegt, in Arbeitskleidung und Stress. Volksbühne statt Highsociety-Theater!


Kostüme, Schminke, Regisseur, Requisiten, eine Bühne mit Schauspielern und Schauspielerinnen, ein Zuschauerraum mit nummerierten Sitzplätzen, Vorverkauf, ausverkauft – scheiss drauf! Wer hat Interesse eine Theatergruppe auf die Beine zu stellen, die sich den Theaterformen von Augusto Boal annimmt und auf diese Weise probiert, politisch wichtige Themen unter die Leute zu mischen!? Wer mag ausprobieren, ob das Medium des Theaters als politisches Mittel funktioniert? Alle sollen sich melden, die sich vorstellen können, mal an so einem Projekt mitzuarbeiten.

Macht

Unter den Labeln „antiautoritär“ und „herrschaftsfrei“ würden sich wohl die meisten revolutionär, antikapitalistisch und antifaschistisch gesinnten Menschen und Zusammenhänge finden. Diese Bezeichnungen wenden sich einerseits gegen das, was mensch als Autorität oder Herrschaft definiert und andererseits gegen die Vorstellung, selber Herrschaft auszuüben. Dieser Kampf richtet sich meist gegen den Kapitalismus und den Staat und etwas weniger abstrakt gegen die Polizei, Gefängnisse, Grenzen, Lohnarbeit usw., sowie für die kollektive Organisation aller Lebensbereiche. Immer wieder müssen wir allerdings feststellen, dass wir in unseren Zusammenhängen und zwischenmenschlichen Beziehungen eben solche asymmetrischen Machtverteilungen und Herrschaftsstrukturen finden. Obwohl viele Menschen darunter zu leiden haben, werden diese Probleme oft ignoriert, kleingeredet oder mit der Forderung nach effizienter politischer Arbeit sogar verteidigt. Dieser Text entstand aus einer Diskussion von verschiedenen politisch aktiven Menschen, die sich mit diesem Thema, vor allem mit Herrschaftsstrukturen in politischen Gruppen und Zusammenhängen, auseinandersetzten und sich Gedanken über Gegenstrategien machten.

Drei Arten von Macht

Bevor wir unsere Gruppe, unser Umfeld oder andere zwischenmenschliche Beziehungen auf Machstrukturen untersuchen können, müssen wir den Begriff Macht definieren und verschiedene Arten differenzieren. Ein geeignetes Konzept dazu liefert der israelische Anarchist Uri Gordon in seinem Text „Macht und Anarchie“1. Er unterscheidet darin drei Arten von Macht:

Macht-zu als Fähigkeit, etwas zu tun. Macht-zu geht vom Individuum aus. Jemand kann etwas oder nicht. Mit diesen Fähigkeiten kann das Individuum Macht auf ein anderes oder eine Gruppe ausüben.

Macht-über als Herrschaft. Uri Gordon unterteilt sie in vier Arten:

1. Die erste und sogleich die offensichtlichste ist Gewalt. Wenn A, B gegen dessen Willen aus dem Raum stösst, übt A Herrschaft (in Form von Gewalt) aus. Hier wird zugleich der Zusammenhang zwischen Macht-über und Macht-zu deutlich: A kann B nicht aus dem Raum befördern und damit Herrschaft ausüben, hätte er/sie nicht die Fähigkeit dazu. Macht-über besteht also aus Macht-zu, welche der ersteren untergeordnet ist. Analog dazu sind gemäss John Holloway die Verhältnisse im Kapitalismus: Demnach ist Macht-zu ist die Fähigkeit eines Menschen, die Welt durch Arbeit zu verändern. Durch die Macht-über ist der/die KapitalistIn in der Lage, sich die Arbeit anderer anzueignen, sie sich zu unterwerfen. Der/die ArbeiterIn verkauft seine/ihre Arbeitskraft, also ihre Macht-zu und entfremdet sich zunehmend von ihr. Ihm/ihr entgleitet die Kontrolle über die Macht-zu. So müssen, nach Holloway, soziale Kämpfe in erster Linie darauf abzielen, die Macht-zu von der Macht-über zu befreien. Dies sei aber nur am Rand erwähnt, da es in antiautoritären Gruppen zwar Macht-über geben kann, aber kaum Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse, wie sie im Kapitalismus existieren.

2. Die zweite Art von Herrschaft ist Zwang. Dabei wird B nicht mit körperlicher Gewalt aus dem Raum entfernt, sondern scheinbar vor eine Wahl gestellt. Scheinbar deshalb, weil die Alternativen die B wählen könnte, dermassen schlecht sind, dass er sich „freiwillig“ aus dem Raum entfernt. Wenn A von B also verlangt, er/sie solle den Raum verlassen und ihn/sie dabei mit einer Pistole bedroht, so ist dies Zwang, denn theoretisch hat B eine Wahl, deren Umstände aber nur eine Antwort zulassen.

3. Die dritte Möglichkeit der Herrschaftsausübung ist Manipulation. Dabei lügt die eine Person bewusst oder unterschlägt Informationen, so dass das Gegenüber die wahren Absichten einer Aufforderung oder eines Wunsches nicht erkennen kann. So können wir von Herrschaft sprechen, wenn A B bittet, nach draussen zu gehen um nachzusehen, ob es regnet, und die Türe schliesst, sobald B den Raum verlassen hat um dem Wunsch nachzukommen. B wollte den Raum eigentlich nicht verlassen und hat es nur aufgrund der
Falschinformation von A getan, in der Annahme, danach wieder zurückkommen zu können.

4. Die vierte Form von Macht-über ist Autorität. Darum handelt es sich, wenn jemand Herrschaft ausüben kann, nur weil er oder sie eine bestimmte gesellschaftliche Stellung einnimmt. B verlässt den Raum, weil A es verlangt. Dies tut B gegen seinen Willen, doch er/sie tut es weil A zum Beispiel Polizist ist. A muss dazu keine Gewalt oder Zwang anwenden. Natürlich kann mensch davon ausgehen, dass eine Weigerung für B Konsequenzen haben wird, allerdings nur weil wir dies von einem Polizisten erwarten und nicht weil A eine Drohung ausgesprochen hätte. Die Polizeimarke ist Drohung genug. Dieser Umstand macht Autorität zur wohl stärksten, sicher aber subtilsten Form von Herrschaft.

Macht-mit als Einfluss. Als Macht-mit bezeichnet Uri Gordon die Fähigkeit, andere Menschen zu überzeugen. Sie führt also dazu, dass jemand etwas tut oder lässt, was ein/eine andereR will. Im Gegensatz zu Macht-über tut dieseR jemand dies aber nicht gegen seinen/ihren Willen, sondern aus neu gewonnener Überzeugung. Macht-mit besteht also ebenfalls aus Macht-zu, nämlich aus der Fähigkeit zur Kommunikation. Wer nicht kommunizieren kann, kann seine/ihre Wünsche nicht äussern, nicht überzeugen und damit auch keinen Einfluss ausüben. Die Abgrenzung zwischen Macht-mit und Macht-über gestaltet sich allerdings schwierig, da in die Kommunikation auch kulturelle oder gesellschaftliche Normen und Muster einfliessen, in denen sich Macht-über manifestiert. Wie glaubwürdig oder überzeugend ein Mensch ist hängt nämlich auch von seiner gesellschaftlichen Stellung oder von gewissen, von der Gesellschaft oder Kultur vorgegebenen Wertungskategorien ab. Und da die Gesellschaft von Herrschaftsstrukturen durchzogen ist, kann es durchaus sein, dass auch dem Erfolg oder Nichterfolg eines Überzeugungsversuchs oder Wunsches eine Komponente von Macht-über innewohnt. So kann mensch mittels Kommunikation durchaus Herrschaft ausüben. Einfacher gestaltet sich die Abgrenzung zu Macht-zu. Macht-mit geht nicht nur vom Individuum aus, sondern auch vom Verhältnis zum Gegenüber.

Machtstrukturen in Gruppen
Weiter hängt der Einfluss von bestimmten Personen in Gruppen damit zusammen, über welche Ressourcen sie verfügen. Uri Gordon spricht hier von Nullsummenressourcen und Nicht-Nullsummenressourcen. Erstere können mehr oder weniger problemlos „kopiert“ und „verteilt“ werden, wie zum Beispiel Wissen oder gewisse Fähigkeiten. Es drängt sich keine Entscheidung auf, wer diese Ressource zu welchem Zweck wie nutzen soll, wie dies bei den Nicht-Nullsummenressourcen der Fall ist. Bei diesen handelt es sich zum Beispiel um ein Auto, um Geld oder Zeit. Hier ist eine Kollektivierung schwierig, da die Ressourcen nur sehr begrenzt vorhanden sind und meistens auch einzelnen Personen gehören.

Trotzdem können wir beobachten, dass Probleme nicht bei diesen Ressourcen entstehen, da sie selten ausgelastet sind, sondern vorwiegend bei den Nullsummenressourcen. Es ist klar, dass alle Menschen in einer Gruppe unterschiedliche Fähigkeiten haben, die sie unterschiedlich einbringen. Dies ist häufig mit viel Einfluss verbunden, sei es ob mensch einen Flyer gestaltet, den Internetauftritt betreut oder zu bestimmten Themen über mehr Wissen verfügt und so überproportionalen Einfluss auf die Haltung der Gruppe zu gewissen Themen ausüben kann. Dies ist den Beteiligten oft bewusst, doch wird nichts oder nur wenig dagegen unternommen. Schuld daran ist unter anderem der Zeitdruck der einen grossen Teil der politischen Arbeit prägt. Einerseits müssen viele Aktivitäten an oder bis zu einem bestimmten Datum durchgeführt werden und andererseits verfügen die einzelnen Mitglieder auch nur über begrenzte Zeit, die sie in die Arbeit in der Gruppe investieren können. Dies führt dazu, dass Aktivitäten möglichst effizient geplant und durchgeführt werden und am effizientesten ist eben, wenn derjenige oder diejenige die Arbeit macht, welcheR die entsprechenden Fähigkeiten dazu besitzt. Um Ressourcen möglichst vollständig kollektivieren zu können, sind also vor allem Zeit und Planung wichtig. Denn der Zeitdruck ist häufig hausgemacht und könnte mit guter Planung vermieden oder zumindest entschärft werden. Der „Ressourcenkollektivierungsprozess“ kann dann bei der Verteilung von Aufgaben berücksichtigt werden. So können zwei oder mehrere Leute zusammen eine bestimmte Aufgabe erledigen. Menschen die die über entsprechenden Fähigkeiten verfügen und Menschen, die sie erlernen wollen. Dies führt natürlich vorerst zu einer „Verlangsamung“ der politischen Arbeit, weil mehr Leute durch weniger Aufgaben gebunden sind und dafür mehr Zeit benötigen, als wenn sie möglichst effizient an „ExpertInnen“ verteilt wird. Auf lange Sicht jedoch sinkt die Abhängigkeit der Gruppe von einzelnen Mitglieder bzw. deren Fähigkeiten. Dies macht sie handlungsfähiger und flexibler und sie ist in der Lage, Ausfälle oder Abgänge besser zu kompensieren. Ausserdem können mehr Leute ihrerseits die neu erworbenen Fähigkeiten weitergeben, was zu weiteren Steigerungen, nicht nur der Quantität sondern auch der Qualität der Arbeit führt. Je mehr Leute sich nämlich an einer Diskussion um ein bestimmtes Thema, und sei es nur ein technisches, beteiligen können, weil sie über das entsprechende Wissen verfügen, desto höher ist tendenziell ihr Ergebnis. Ausserdem werden dadurch die Hierarchien weiter verflacht.

Nicht überall ist es derart einfach. Eine Schwierigkeit sind Kontakte zu anderen Gruppen oder AktivistInnen. Diese Kontakte basieren auch auf zwischenmenschlichen Beziehungen und Vertrauen. Je nach Ausrichtung der Gruppe können diese Kontakte jedoch sehr wichtig für die politische Arbeit sein. Entsprechend ist die Abhängigkeit der Gruppe vom Mitglied, welches das Vertrauen der anderen Person/Gruppe hat. Hier ist eine Kollektivierung sehr schwer, da solche Beziehungen meist über längere Zeit entstanden sind und nicht einfach auf andere übertragbar ist. Eine Lösungsmöglichkeit wäre eine „Formalisierung“ der Kontakte. So kann zum Beispiel eine E-Mail-Adresse eingerichtet werden, auf die alle MitgliederInnen zugreifen können. Andere Menschen werden dann aufgefordert, Mitteilungen auf diesem Weg der Gruppe zukommen zu lassen. Dies führt jedoch schnell zu einer umständlichen Kommunikation, ist mit viel Aufwand verbunden und kann Aussenstehende abschrecken.

Die Abhängigkeit der Gruppe vom einzelnen Mitglied ist nicht nur im Hinblick auf einen möglichen Ausfall dieses Mitglieds und damit des Kontakts problematisch, sondern auch im Hinblick darauf, dass über das einzelne Mitglied oft Ideen, Informationen oder anderes wichtiges Wissen in die Gruppe kommen. So liegt die Last der korrekten Übermittlung auf einer Person und kann von den anderen nicht kontrolliert werden. Es kann einerseits zu einer, bewusst oder unbewusst vorgenommenen, fehlerhaften Übermittlung kommen, andererseits ist es möglich, dass die eingebrachten Informationen, meist unbewusst, anhand der Person bewertet werden, die sie einbringt.

Dies bringt uns zu einem gravierenden Problem. Nicht nur Informationen, wie sie vorher beschrieben wurden, sondern ganz allgemein Ideen jedweder Art werden zum Teil völlig ungenügend beurteilt. Schuld daran ist ein fehlendes Konzept, an dem eine Gruppe Vorschläge, Ideen, Methoden usw. beurteilen kann. Die Ausarbeitung eines solchen Konzepts ist zwar aufwändig, da in der Gruppe ein Konsens in der Frage nach politischen Zielen und Methoden gefunden werden muss, allerdings schafft es Transparenz, da die Grundlagen der politischen Arbeit für alle Mitglieder klar definiert sind und sich alle jederzeit darauf berufen können. Eine solche Grundlage trägt sicher zu einem Abbau von gruppeninternen Hierarchien bei. Die Gefahr besteht allerdings, dass der ausgearbeitete Konsens nicht oder nur ungenügend reflektiert wird und so keine aus der Praxis gewonnen Erfahrungen oder Veränderungen einfliessen. So würde das politische Konzept entweder die Arbeit behindern oder es wäre unnütz, weil kein oder nur ein ungenügender Bezug zur Praxis besteht.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass weder Individuen noch Gruppen, welche sich mit dem Label „antiautoritär“ schmücken, vor Herrschaftsausübung und Machtstrukturen immun sind. Es ist wohl auch unrealistisch zu glauben, die Gesellschaft, welche von Macht und Hierarchien durchzogen ist, hätte keinen Einfluss auf uns, respektive auf unsere politischen Zusammenhänge. So ist es wohl nur schwer möglich, jegliche Macht in unseren Beziehungen auszuschliessen. Wichtig ist, dass wir uns und unsere Beziehungen, seien sie persönlicher oder politischer Art, immer wieder auf Herrschaftsstrukturen und Hierarchien durchleuchten und Methoden entwickeln, wie wir diese abbauen können. Denn nur so ist es möglich, dass alle Beteiligten ihre Kreativität und ihre Fähigkeiten voll einsetzen. Und wir brauchen sie alle, um den Kapitalismus abzuschaffen.


Exkurs Diskussionskultur:

Erwartungen an die Diskussionskultur
In einem politischen Zusammenhang (aber nicht nur!) sollen sich alle Interessierten gleichermassen an Diskussionen beteiligen können, ohne Rücksicht auf deren Erfahrung, Wissen, Artikulationsfähigkeiten, Selbstbewusstsein oder Lautstärke. Eine angenehme Diskussionskultur ist insbesondere für „Neulinge“ wichtig, um sich ohne Hemmungen in die politische Arbeit einbringen zu können. Grundsätzlich sollen alle und alles kritisierbar sein, ohne dass danach persönliche Probleme entstehen. Auch sollen alle Meinungen und Ideen, auch unausgereifte, geäussert werden, um den ganzen Prozess möglichst dynamisch zu halten und Raum für Spontaneität zu bieten. Und nicht zuletzt sollte die Diskussionskultur selber ebenfalls schon während Diskussion thematisiert werden und im Zweifelsfalle angepasst werden können.

Probleme
Ungleichheiten in Diskussionen entstehen durch eine Vielzahl von Faktoren: Wie bereits erwähnt, haben Menschen unterschiedliche Fähigkeiten, Sachverhalte darzustellen oder sind nervös, wenn sie vor mehreren nicht oder wenig bekannten Menschen sprechen. Neulinge werden von Erfahrenen gemassregelt und so eingeschüchtert und ein Klima von Angst oder Übervorsicht verhindert das freie Äussern von Meinungen, Ideen und Gedanken. Ausserdem zementieren sich in Diskussionen oft Geschlechterrollen. So sprechen Männer in der Regel lauter, selbstbewusster, treten dominanter auf und unterbrechen öfters. Frauen hingegen werden oft übergangen. All dies führt dazu, dass Aussagen einzelner DiskussionspartnerInnen mehr Gewicht haben als andere.

Mögliche Massnahmen

- Aufstrecken
Dieses Mittel klingt zwar ein bisschen nach Schule und Biederkeit, hat sich jedoch schon in verschiedenen Situationen bewährt. Die Vorteile werden auch schnell offensichtlich: Es ist nicht nötig, den/die Sprechende/n zu unterbrechen, wenn mensch einen Einwand hat. Danach setzt sich nicht der/die Dominanteste durch, sondern der/diejenige, welcheR sich zuerst gemeldet hat. Die Diskussion wird dadurch ruhiger und entspannter, da niemand befürchten muss, übergangen zu werden und offener, da alle einfacher zu Wort kommen können. Allerdings ist hier auch Vorsicht geboten. Manchmal macht es durchaus Sinn, dass jemand zuerst spricht, zum Beispiel bei der Klärung von Unklarheiten und Missverständnissen, der Beantwortung von Fragen usw. Auf jeden Fall sollte das System flexibel gehalten werden und auf keinen Fall ersetzt es die gegenseitige Rücksichtnahme.

- Rotierende Diskussionsleitung
Die Diskussionsleitung ist diejenige Person, welche die Diskussion in geordneten Bahnen halten soll. Das heisst, sie behält die Traktandenliste im Auge, sorgt dafür, dass nichts vergessen wird, einzelne Personen nicht abschweifen usw. Es handelt sich also um eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Umso wichtiger ist es, dass die Diskussion nicht stets von der gleichen Person durch deren Leitung geprägt wird und sich so Machtstrukturen zementieren. Ausserdem kann durch eine Rotation der Leitung das Selbstbewusstsein der einzelnen Personen gestärkt werden.

- Statementrunde
Wie der Name schon sagt, geben bei einer Statementrunde alle Beteiligten einen Kommentar zu einem Thema oder zu ihrem momentanen Befinden ab. So kommen alle zum Sprechen und ein Meinungsbild wird sichtbar. Bei Statementrunden, die sich nicht um ein spezifisches Thema drehen, haben auch nicht-inhaltliche Aussagen, wie z.B. das subjektive Empfinden der Diskussion, ihren Platz, die innerhalb einer Debatte oft als störend abgetan werden.

- Protokoll
Sollten in einer Diskussion Beschlüsse gefasst werden, ist es wichtig, diese in einem Protokoll festzuhalten. Meist handelt es sich hierbei um wenige Sätze. Dennoch sollten gemeinsam besprochen werden, um Fehlinterpretationen zu verhindern. Wichtig ist auch, dass Protokoll Menschen zugänglich zu machen, welche nicht an der Sitzung teilnehmen konnten, sich aber dennoch für die Arbeit interessieren und sich einbringen wollen.

Verschwörungstheorien und reaktionäres Gedankengut

Verschwörungstheorien thematisieren oft Probleme und Widersprüche der herrschenden Gesellschaftsordnung, reduzieren diese jedoch auf vermeintliche Verschwörungen. Eine komplexe und unübersichtliche Welt wird so mit einfachsten Mittel erklärbar. Verschwörungstheorien personifizieren1 und verschleiern Vorgänge, die eigentlich gesellschaftlich erklärt werden können, also aus der Struktur und Funktionsweise der herrschenden Gesellschaftsordnung. Dabei handelt es sich oft um eine verkürzte Kritik der Machtverhältnisse und der Wirtschaft im Kapitalismus. Sie verhindern damit das Verständnis der tatsächlichen Vorgänge unserer Zeit, um so mehr, da sie Tatsachen mit Fiktion vermischen. Verschwörungstheorien sprechen verbreitete Ängste an, was ihnen grössere Aufmerksamkeit beschert. Dies zeigt sich im grossen Absatzmarkt für verschwörungstheoretische Literatur und Ähnliches: Es geht letztlich auch um Profit.

Ein Grundmuster zieht sich durch die inhaltlich so verschiedenen Verschwörungstheorien: Von Anfang an steht fest, dass VerschwörerInnen die gesellschaftlichen Vorgänge durch Betrug, Lüge, Manipulation beherrschen. Das beinhaltet die Vorstellung, die herrschende gesellschaftliche Ordnung sei an sich harmonisch und konfliktfrei und werde erst durch äussere, bösartige Einflüsse aus dem Gleichgewicht gebracht, was es ermöglicht, gesellschaftliche Probleme vermeintlichen Verschwörern in die Schuhe zu schieben. Oft sind es Minderheiten, welche dann als Sündenböcke hingestellt werden. Dank der Aufklärung einer vermeintlichen Verschwörung, können sich die „Aufklärer“, als die Guten darstellen, welche die Gesellschaft vor dem Bösen bewahren. Es werden Feindbilder geschaffen, die dann stets von neuem aufgegriffen werden können, um bestimmte Personen als Schuldige (wofür auch immer) hinzustellen: Anhand irrationaler Kriterien wird eine vermeintliche Gemeinschaft konstruiert, woraus ein oberflächliches Freund/Feind-Denken resultiert.

Die Rolle des Sündenbocks, des Bösen ist flexibel, kann also den verschiedenen ideologischen Ausrichtungen angepasst werden. Hier wird auch die Gefahr deutlich, welche von dieser Art von Denken ausgeht. Das immer wiederkehrende Muster von bösen, fremden Kräften, welche es zu bekämpfen gilt, bleibt in seiner Form gleich, kann aber inhaltlich sehr verschieden sein. Deshalb sind Menschen, welche in verschwörungstheoretischen Mustern denken, anfällig auf rechtsextremes und esoterisches Gedankengut; also auf irrationale Erklärungen allgemein. Eine vermeintliche Verschwörung einer reichen Elite wird schnell zu einer jüdisch regierten Welt oder ähnlichem Schwachsinn. Umgekehrt enthalten rechte Ideologien ähnliche Elemente wie Verschwörungstheorien: Die Trennung zwischen der eigenen Gemeinschaft und den fremden, schlechten Elementen; die Herabsetzung der politischen Gegner als biologisch oder moralisch minderwertig; die Vorstellung, dass erst von aussen Konflikte in die Gemeinschaft/Gesellschaft getragen werden und damit verbunden die Schaffung eines äusseren Feindes resp. eines Feindbildes.

Antisemitismus

Die Geschichte des Antisemitismus kann nicht annähernd adäquat erfasst werden, wenn man sich bloss auf die kurze Periode des Nationalsozialismus bezieht. Weder ist er mit dem Ende der Shoa verschwunden, noch ist er in den 1930er Jahren aus dem Nichts aufgetaucht. Ihm zugrunde liegt vielmehr eine lange Entwicklung, angefangen beim biblisch begründeten Antijudaismus, über jüdische Ghettos im Mittelalter, hin zum modernen Antisemitismus, welcher sich mit feinsten Vorurteilen in der breiten Bevölkerung bis heute festsetzen konnte. Diese Entwicklung soll hier kurz skizziert werden.

Bereits in der Antike wurden Juden und Jüdinnen auf Grund ihres Glaubensbekenntnisses verfolg, was beispielsweise im jüdischen Krieg in der Zeit des kaiserlichen Rom mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem endete. Vor allem aber im Mittelalter erlebte der Antijudaismus einen starken Aufstieg: Juden wurden als Christusmörder, Brunnenvergifter und später als Wucherer verfolgt, wobei dies durch Stellen im Neuen Testament begründet wurde. Diese religiös begründete Feindschaft gegenüber Juden und Jüdinnen hat dabei bis in die Moderne Kontinuität: Auch heute noch benützen manche christliche Sekten die althergebrachten Stereotypen in ihren Lehren, wodurch sich eine eindeutige Abgrenzung des Antijudaismus zum modernen Antisemitismus erschwert.

In Abgrenzung zum Antijudaismus ist der (moderne) Antisemitismus dabei meist durch die Unterstellung einer eigentlich jüdischen Rasse gekennzeichnet und kann damit erst im 19. Jahrhundert angesiedelt werden. Auch schon zuvor, zu Zeiten der Französischen Revolution und der Aufklärung tauchen aber bestimmte Zuschreibungen auf, welche in diesen einfliessen. Wesentliche negative Charakteristika, welche den Juden von nun an zugeschrieben wurden, habe ihre Wurzeln jedoch im Mittelalter, als es ihnen verboten war, Land zu besitzen, öffentliche Ämter zu bekleiden oder sich in einer Zunft zu organisieren, womit der Umgang mit Geld, namentlich die Vergabe von Krediten als eine der wenigen Einnahmequelle in den europäischen Städten als Alternative blieb. Daher rührt auch die Assoziation von Judentum und Geld, was sich im Stereotypen des „geldgierigen Juden“ niederschlägt. Diese negativen Charakteristika werden dabei an einer vermeintlichen Eigenheit als Rasse festgemacht und so als unabänderlich dargestellt.

Im Zuge von Nationalismus und Rassismus wurden Juden und Jüdinnen nun immer mehr zu „Inneren Feinden der Nation“ stilisiert und da ihnen keine eigentliche politische Ideologie unterstellt werden konnte, dienten sie als Kontrastbild zu „Volksgemeinschaft“ und einem scheinbar harmonischen Zusammenleben der Klassen im Staate. Gerade diese Stilisierung als innere, nomadische Bedrohung unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus. Jüdischen Menschen wurde zunehmend nicht nur fehlende Staatstreue unterstellt, sondern es trat immer mehr auch das Moment vermeintlicher geheimer Organisation, beispielsweise etwa das sich in Geheimorden organisierende „Weltjudentum“, welches die Geschicke der Welt lenke und für Kriege, oder allgemeiner für das Elend der Welt verantwortlich sei, in den Vordergrund der Ablehnung gegenüber jüdischen Mitmenschen. Diese Entwicklung wurde dabei aktiv von der offiziellen Politik mitgetragen und es handelte sich keineswegs um blosse Ressentiments bestimmter Bevölkerungsgruppen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, vom russischen Zarenreich in Umlauf gebrachte, gefälschte Dokumente, verstärkten dies noch und wurden vor allem im auf die russische Revolution folgenden Bürgerkrieg als vermeintliche Erklärung des Geschehenen herangezogen. Der Mythos der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung war geboren.

In der Zwischenkriegszeit wie auch zu Zeiten des Nationalsozialismus bezogen sich Faschisten jeglicher Couleur auf diese Dokumente, belegen sie doch die vermeintlich obskuren Absichten des „jüdischen Volkes“ und liefern einfache Antworten und Sündenböcke für das komplexe Weltgeschehen. Die Shoa, welche Konsequenz dieser Weltanschauung ist, bildet dabei den Höhepunkt des Antisemitismus in Europa. Vergessen bleibt dabei aber oftmals, dass schon vor dieser Zeit sich etliche Pogrome gegen Jüdinnen und Juden ereigneten, welche bis in das Mittelalter zurückreichen.

Nach 1945 war nun der Antisemitismus zu einem grossen Teil nicht mehr salonfähig, zumindest nicht in seiner expliziten, oftmals destruktiven Form. Doch ist er keineswegs verschwunden. Ähnlich wie beim offenen Rassismus, welcher auf dem wissenschaftlich nicht haltbaren Konzept der Rasse basiert, hat auch der Antisemitismus in veränderter, oft latenter Form die öffentliche Ächtung nach dem Kriegsende überlebt. So wurde im Falle des Rassismus kurzerhand das Gerede von Rasse durch das der Kultur, mit all ihren Auswüchsen wie „deutsche Leitkultur“, etc. ersetzt. Dabei werden die selben negativen (und auch einige neue) Stereotypen nun nicht mehr am Merkmal der Rasse festgeschrieben, sondern es wird die Fatalität kultureller Muster unterstellt, welche ebenso „fest“ seien wie zuvor die biologischen Merkmale. Ebenso verbirgt auch der Antisemitismus sein Gesicht hinter verschiedenen Masken, was eine klare Identifikation erheblich erschwert und bisweilen groteske Formen annehmen kann (Deutsche Neonazis die mit Palästinänserschals auf Demos gehen). So ist zwar auch heute noch die stereotypische Assoziation vom jüdischen Volk und Geld weit verbreitet, wie dies etwa jüngst eine Nationalfondsstudie fü die Schweiz belegen konnte, doch haben sich neue Aspekte hinzugesellt. Namentlich erwähnt seien hier beispielsweise der islamistische Antisemitismus, geschichtsrevisionistische Versuche der Schuldabwälzung und Umkehrung der Schuld oder auch ein Antisemitismus, welcher sich in die Gestalt des Antizionismus hüllt (Keineswegs soll hier Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt werden – entscheiden sind die im Diskurs angeführte Kritik und auf wen sie abzielt). All dies macht es heutzutage schwierig, Antisemitismus auf den ersten Blick zu erkennen, oder seine verdeckten Formen und Absichten zu erahnen.