Chaoten im Interview – Nr. 1

Hallo Hans Gut. Danke, dass du dir für ein kleines Interview Zeit nimmst. Möchtest du dich kurz vorstellen?
Ich bin Hans Gut.

Gerne spreche ich mit dir über den 17. September 2011 und die darauf folgende Zeit. Kannst du die Leser darüber aufklären, was es mit diesem Datum auf sich hat?

Dazu möchte ich gerne aus dem Beobachter vom 26. Beobachter 2011 vorlesen:
„Christine Meier stand gegen ein Uhr nachts mit einem Kollegen am Neumühlequai und beobachtete über die Limmat hinweg, wie Randalierer vor dem rund 100 Meter entfernten Hauptbahnhof ein Tramhäuschen demolierten. 20 Minuter später wurde sie mit Wasserwerfern Richtung Platzspitz getrieben wo sie von beiden Seiten eingekesselt und danach verhaftet worden ist – wie Dutzende anderer Jugendlicher auch.“

Wie kam es dazu?
Wenn du mit „dazu“ meinen Aufenthalt am Neumühlequai meinst, so hängt es damit zusammen, dass es schon gegen 12 Uhr war und ich mich schon den ganzen Abend in der Umgebung des Centrals aufgehalten habe. Wenn du die Demolierung des Tramhäuschens meinst, so sind es sicherlich viele verschiedene und teils persönliche Gründe, die dazu führten, dass dies geschah. Wenn du meinst, warum die Menschen von einem Wasserwerfer auf die andere Seite getrieben wurden, so war es sicherlich mit dem Ziel, auch diese Leute zu verhaften. Wenn du meinst, warum es zu den Verhaftungen kam, so gibt es viele Gründe. Und wenn du willst, kann ich gerne tiefer auf die einzelnen Punkte eingehen.

Dann erzähl mir doch bitte, warum du dich beim Central aufgehalten hast.

Einerseits kam ich im Sommer in Kontakt mit einer Szene, die an Wochenenden an mehr oder wenigen abgelegenen Orten, wo es kaum jemanden stört, ihre illegalen Parties feiert. Diese wurde gegen Ende des Sommers vermehrt von der Polizei gestört. Ihr Vorwand war dann die Störung der Anwohner und ihr Vorgehen äusserst unangemessen und gewalttätig. Und dies obwohl diese Szene auf keinerlei Konflikte aus ist, wenn auch nur ein Patroullie vorbei fuhr, wurde meisst die Musik und das Licht ausgestellt und fast alle waren mucksmäuschenstill. Weiter unterscheideten sich diese Parties darin von den Anderen, dass sie keinerlei kommerzielle Absichten verfolgten. Überaus beachtenswert war auch die friedliche Stimmung, so wurde ich nie in einen Konflikt verwickelt, oder hätte auch nur einen beobachtet. So kannte ich es von keiner unpolitischen Szene bis anhin.
Andererseits waren es auch weitere, klar politische Gründe, die mich an jenem Abend zum Central führten.
Wie siehst du denn die genannte Demolierung des Tramhäuschens? Was sind das für Menschen und warum machen sie das?
Wie gesagt sind es sicherlich verschiedene Menschen mit verschiedenen Beweggründen. Ich bin an diesem Abend den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Die Gäste waren durchmischter als an jedem Züri-Fäscht oder jeder Street-Parade. Zurück zu den Sachbeschädigungen: Es muss beachtet werden, dass ich auch in dieser Nacht, mit einer kleinen Ausnahme, keine Gewalt zwischen den Jugendlichen oder auch gegenüber Passanten beobachtet habe. Einzige Ziele waren die Polizei, nachdem diese ihren Eingriff starteten, Öffentliche Gebäude / Gegenstände und in kleinem Mass privates Eigentum. Wobei die Wut auf die Polizei sicherlich der grösste Nenner ist, was ja auch kaum jemanden verwundern wird. Dass man sich für ein „Allgemeingut“, wie ein Tramhäusschen entscheidet, erkläre ich mir damit, dass die Allgemeinheit dabei auch zu Schaden kommt. Man richtet die Gewalt damit indirekt gegen die Gesellschaft. Die Gesellschaft und den Staat, die einem in so vielen positiven Entwicklungen abseits ihrer Vorstellungen behindert. Vielen Leuten wird dies nicht bewusst sein, doch wenn sie vor sich Kiosk und ein Tramhäuschen hätten, würden sie sich wohl für die Verwüstung des Tramhäusschens entscheiden. Man muss aber auch bedenken, dass die Sachbeschädigungen erst begangen wurden, als man merkte, dass man den Angriff der Polizei nicht abwehren kann. Und zu guter Letzt kommt sicherlich auch noch ein gewisser Reiz am Verbotenen, etwas womit man sich in seinem Umfeld aufspielen kann. Doch wie kommt es zu dieser Einstellung? Schliesst sich dabei nicht wieder der Kreis zu „unserer“ Gesellschaft?

Warum wurdest du verhaftet?
Verhaftet wurde ich ganz klar zur Einschüchterung, zur Unterbindung und Ahndung der „Taten“. Denn dies haben ja auch die Medien gefordert und besonders zufrieden war die Polizei ja auch nicht nach der „Niederlage“ eine Woche zuvor am Bellevue. Die Haft und vor allem auch den schlechten Umgang mit den Jugendlichen begründeten die meisten Polizisten auch als eine solche. Es wurde provoziert, beleidigt und verzögert, wo man nur konnte und schlussendlich kam es sogar in den einzelnen Gefangenentransportwagen zu rassistischen Beleidigungen.

Das Interview neigt sich leider schon dem Ende zu. Wärst du bereit, dich ein weiteres Mal mit mir zu treffen?
Durchaus, jetzt wird es gerade erst richtig spannend.

Das denke ich auch. Könntest du dem Leser einen kurzen Überblick über die darauf folgende Zeit geben, damit sie Fragen an dich richten können?
Nach meiner Verhaftung war ich für fast zwei Wochen in Untersuchungshaft und erhielt schlussendlich einen Strafbefehl wegen Landfriedensbruch.

Vielen Dank für das Gespräch, die Leser können ihre Fragen gerne auf widerrede@gmx.ch einsenden.

Chaoten im Interview – Nr. 2

Als Mitglied des SB hast du dich an den Ausschreitungen beteiligt. Worum ging es dir dabei?
Ich bin nun seit 2 Jahren stolzer Besitzer einer Member-Card des Schwarzen Block Sektion Fehraltorf. Diese musste ich mir hart erarbeiten: eine strenge Prüfung und eine harte Probezeit gingen der Mitgliedschaft voraus. Schliesslich wurde ich nach einem Initiationsritual in ihre Reihen aufgenommen…..Quatsch. Es gibt keine Gruppierung Schwarzer Block! Das ist eine Konstruktion der Medien und der Justiz. Aber es gibt Leute, welche die Konfrontation mit der Polizei auf der Strasse bewusst als einen Teil ihrer politischen Aktivität sehen. Das heisst, den eigenen Widerstand nicht da enden zu lassen, wo der Staat und seine Gesetze uns die Schranken zu setzen versuchen. Dass wir der Polizei auch handfesten Widerstand entgegenbringen, widerspiegelt die konsequente Infragestellung des Staates und seines Gewaltmonopols. Wir haben uns dazu entschieden, es nicht zu akzeptieren, dass der Staat und die Wirtschaft über unser Leben bestimmen, wir wehren uns dagegen. Auch wenn diese Unruhen nur einen Teil der Bevölkerung mobilisieren, tragen sie dennoch bereits den Keim einer Perspektive in sich. Die herkömmliche Machtverteilung wird im Moment der Ausschreitungen bewusst missachtet. Ich denke, sich zu wehren, ist der erste Schritt, um eine andere Welt zu erkämpfen. Mobilisierungen auf der Strasse spielen hierfür eine wichtige Rolle. Das Beispiel der Aufstände im Norden Afrikas zeigt: ohne Demonstrationen wären die Regimes niemals gestürzt worden.

Du sprichst von politischer Aktivität. Tatsache ist doch, dass es euch schlicht um blinde Zerstörung geht…

Blinde Zerstörung sehe ich viel mehr in den Schäden, welche die Wirtschaft in der Natur anrichtet oder in der Verkümmerung, den psychischen Schäden, die diese Gesellschaft in uns Menschen bewirkt. Einzelne Menschen handeln im Bereich der Wirtschaft oder der etablierten Politik rational: ein Manager muss sicherstellen, dass „sein“ Unternehmen Gewinn erwirtschaftet und maximiert. Diese individuellen Handlungen sind in ihrer Gesamtheit aber zutiefst irrational, dienen nicht dem Wohle der Menschen, sondern funktionieren nach Prinzipien wie Profitmaximierung und Machterhaltung. Die Ausschreitungen zielen auf diese Ordnung ab. Mal direkter mal weniger. Grundsätzlich ist es ein Ausdruck, dass etwas nicht stimmt, dass diese Gesellschaft Risse in sich trägt, dass sie auf Widersprüchen aufbaut und daher nicht stabil sein kann. Es wird behauptet, Chaoten hätten blind alles kurz und klein geschlagen. Schaut man sich an, worauf sich die Wut richtete, ergibt sich ein anderes Bild: Angegriffen wurden in erster Linie die Bullen. Sachbeschädigungen, also Angriffe auf Gebäude, etc. gab es nicht so viele. Angegriffen wurde da die NZZ, Mobilzone (Geldgeber der SVP), McDonalds, Luxusgeschäfte. Mit blinder Zerstörungswut hat das nicht viel zu tun.

Wer beteiligte sich an diesen Protesten/Ausschreitungen?

Es waren sehr unterschiedliche Leute, die sich die Strasse nahmen. Es war eine bewusste Entscheidung, die Partys in der Innenstadt zu veranstalten, sich den öffentlichen Raum zu nehmen. Hier wird auch klar, dass es sich dabei um politische Aktionen handelte. Das Ziel war etwas zu kommunizieren, zu zeigen, dass wir mit der aktuellen Entwicklung nicht einverstanden sind. Was im Einzelnen kritisiert wurde, respektive ausschlaggebend war, um sich an diesen Protesten zu beteiligen, mag sehr unterschiedlich sein. Ich denke, dass eine Ablehnung des Bestehenden und der Wunsch nach etwas Neuem diese Menschen vereinte. Das Besondere ist, dass sich diese Ablehnung und diese Wünsche kollektiv äusserten. Das ist der Weg, den wir gehen müssen: erkennen, was uns vereint, welche gemeinsame Interessen wir haben und lernen diese Interessen gegenüber den Mächtigen durchzusetzen.

Wahlen und Parlamente – Contra

In regelmässigen Abständen wird die Schweiz überschwemmt von grinsenden PolitikerInnen, die uns – auf Papier verewigt – überall vor die Nase gesetzt werden. Aus dem Angebot an austauschbaren Forderungen und Parolen sollen die StaatsbürgerInnen, ähnlich einem Warengestell im Supermarkt, ihre Wahl treffen. Für Menschen, die eine andere Welt wollen, stellen sich da einige Fragen: Wen soll ich wählen? Soll ich überhaupt wählen gehen?

Meine Stimme abgeben?
Gebe ich meine Stimme einem Politiker oder einer Politikerin, ist damit mal grundsätzlich ausgesagt, dass ich das politische System und die dazugehörenden Wahlen als richtig anerkenne. Im Kern akzeptiere ich damit, die Art und Weise wie Politik in dieser Gesellschaft funktioniert: Die Einen verfügen über die politische MACHT, während die Anderen auf die Zuschauerränge verwiesen werden. Indem ich eine Repräsentantin wähle, gebe ich einen Teil der Entscheidungsmacht über mein Leben aus den Händen. Ich entmündige mich selbst; akzeptiere, dass ein paar wenige ÜBER unser aller Schicksal bestimmen sollen.

WAHLEN haben in der parlamentarischen Demokratie eine ganz bestimmte Bedeutung. Sie geben uns vor, selbstbestimmt zu leben, wobei sich diese „Selbstbestimmung“ darauf beschränkt, einen Wahlzettel abzugeben und damit andere zu bestimmen, die über uns entscheiden. Durchschauen wir dieses Spielchen nicht, stützen wir die Herrschenden und diese Gesellschaft, denn wir schaffen damit Vertrauen in den Kapitalismus und seine Institutionen. Gesellschaftliche Konflikte1, die grundsätzlich zum Kapitalismus gehören, werden durch Wahlen und Parlamente in geregelte Bahnen gelenkt. Diese Konflikte würden es jedoch erlauben, dass sich die Machtlosen organisieren, für ihre Interessen kämpfen, um sich schliesslich selbst zu befreien. Stattdessen wird die Entscheidungsmacht über gesellschaftliche Probleme den Parlamenten übertragen, womit mögliche Konflikte präventiv verhindert werden. Diese Tatsache macht unsere Gesellschaftsordnung sehr stabil. Verweigern wir uns hingegen dem Trauerspiel der Wahlen, stellen wir auch die Legitimation dieser Gesellschaft, des Kapitalismus in Frage. Diese Illusionen hinter uns gelassen, können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: diese Gesellschaft zu verändern, radikal, von unten.

Das Parlament – Eine Bühne?
Wie kann sich die radikale Linke zu Wahlen positionieren? Was verspricht sich eine Gruppierung der radikalen Linken von Wahlkampf, Wahlen und VertreterInnen in den Parlamenten? Ein oft genanntes Argument für die Beteiligung an Wahlen ist, dass der Wahlkampf und die Vertretung in den Parlamenten einer Bühne gleichkommt, von der aus eigene Inhalte an die Bevölkerung gebracht werden können. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern kleine Parteien über die Möglichkeit verfügen, Themen zu setzen oder ob sie nicht eher dazu verdammt sind, auf die vorgegebenen Themen der etablierten Parteien zu reagieren. Was ihnen dann noch bleibt, ist diese Themen und ihre Relevanz in Frage zu stellen. Wie soll das geschehen? An erster Stelle sind hier die Massenmedien zu nennen. Diese funktionieren aber nach ihren eigenen Spielregeln, denn sie sind vorrangig daran interessiert, grösstmögliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sei dies indem sie Politik auf einzelne „Persönlichkeiten“ reduzieren, Ereignisse skandalisieren oder Unbedeutendes zum Entscheidenden hochstilisieren. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Kritik einer Kleinstpartei aus der radikalen Linken und ihren Inhalten steht da gewiss nicht im Vordergrund. Daher stellt sich berechtigterweise die Frage, ob ein Engagement in diesem Bereich die Mühe wert ist.

Die Stimme erheben
Nicht wählen zu gehen, den Wahlzirkus zu boykottieren, soll nicht bedeuten, dass wir nichts tun können. Im Gegenteil! Wollen wir selbst über unser Leben entscheiden, über das Leben als Ganzes, demnach auch über die Wirtschaft, also die Frage was und wie produziert wird, über die Frage wie die Gesellschaft funktionieren soll, dann stehen uns Wahlen, Parlamente und der Staat nur im Wege. Denn ihre Rolle ist es, diese Entscheidungen für uns zu treffen, respektive ÜBER uns zu entscheiden. Dagegen können wir uns da zusammentun, wo wir sind, um uns auszutauschen und für unsere Interessen einstehen: im Alltag, im öffentlichen Raum, bei der Arbeit, in den Schulen und Universitäten. Uns zusammentun, mit den Menschen, die etwas verändern wollen, die bereit sind für ein anderes Leben zu kämpfen – selbstbestimmt, von unten, ohne uns in die staatlichen Spielchen integrieren oder von Parteien instrumentalisieren zu lassen.

Wahlen als Legitimation der vorherrschenden Gesellschaftsordnung. Ein politisches System, ein wirtschaftliches System ist umso stabiler, desto mehr Legitimation es besitzt. Wahlen führen gesellschaftliche Widersprüche (zum Beispiel Arm und Reich, Mächtige und Ohnmächtige) und daraus entstehende Spannungen, Konflikte in geregelte Bahnen über. Es wird bestimmt wer die Macht erhält, gesellschaftliche Probleme zu „lösen“. Damit ist eine Entmündigung verbunden: bei Wahlen die Stimme abgeben, heisst in diesem Sinne seine Stimme zu verlieren. Das System der Wahlen in Frage zu stellen, bedeutet eine Legitimationsgrundlage des Kapitalismus anzugreifen. Dies auf einer abstrakten Ebene, wo Herrschaftsverhältnisse am Machtunterschied greifbar werden, wie auch auf einer konkreten Ebene, auf der die Interessen der PolitikerInnen reflektiert werden. Den Kapitalismus angreifen bedeutet auch seine Legitimationsgrundlage anzugreifen, bedeutet also das System der Repräsentation, der parlamentarischen Demokratie und den dazugehörigen Wahlen anzugreifen. Die Zukunft in die eigenen Hände nehmen steht in Widerspruch zu Wahlen.
Der Wähler gibt seine Stimme ab, entmündigt sich selbst. Das politische System legitimiert sich selbst. Diese beiden Ebenen greifen perfekt ineinander.

Diskurs
Der Versuch sich als radikale Linken an Wahlen zu beteiligen, wird oft damit begründet, die öffentliche Aufmerksamkeit während des Wahlkampfs oder im Parlament, dazu zu nutzen, eigene Inhalte auf die Tagesordnung zu bringen. Dies setzt voraus, dass diese radikale Linke auch im Stande ist, Themen zu setzen, gehört zu werden. Die Themen werden aber vorwiegend von den etablierten Parteien gesetzt. Hier stellt sich die Frage, ob es möglich ist, als nicht etablierte Partei wesentlicher Einfluss auf die Diskussion zu gewinnen. Meist sind die möglichen Positionen in den aktuellen Diskussionen bereits abgesteckt. Eine Aussage muss an vorige anschliessen, um verstanden zu werden. Dies schränkt die mögliche Argumentation stark ein. Der medial vermittelte Politdiskurs ist durch eigene Gesetzmässigkeiten gekennzeichnet: da ist kein Raum, keine Zeit für grundlegende Fragen, für grundlegendes Infragestellen. Eine radikale Kritik wird daher kaum Durchschlagskraft entwickeln können.

Die Befreiung der Tiere – ein antikapitalistisches Projekt

Unsere Kultur will einen grossen Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmachen. Diesen gibt es auch, genau wie es auch Unterschiede zwischen allen verschiedenen Tierarten gibt. Beziehen wir uns in dieser Frage jedoch nicht auf körperliche oder geistige Wesensmerkmale und lassen wir auch die ethisch-moralischen Denkgebäude weg, welche der Mensch im Umgang mit den verschiedenen Tierkategorien hat (Milchkühe, Wildtiere, Versuchstiere etc.), sondern richten unseren Blick auf die historische Differenz innerhalb der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, stellt sich heraus, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier bloss ein gradueller ist.

Idealismus und Materialismus
1975 definierte der Philosoph Peter Singer in seinem Buch Animal Liberation den Begriff Speziesismus als eine Haltung des Menschen gegenüber den Tieren. Seiner Definition zu folge handelt es sich beim Speziesismus um ein Vorurteil bzw. um eine Diskriminierung gegenüber den nicht-menschlichen Arten. Der Mensch habe aufgrund dessen damit begonnen, Tiere auszubeuten und zu vernutzen.

Diese rein ideologische Auffassung der Mensch-Tier-Problematik wirkte nachhaltig. Nach wie vor beziehen sich die meisten Leute, auch viele Antispeziesisten, auf diese Konklusion und versuchen, wenn überhaupt, Lösungen zu dieser Problematik allein über die Bewusstseinsebene der Menschen herbeizuführen. Ihre Referenzpunkte sind dabei vor allem moralistische Überlegungen im individuellen Umgang mit Tieren.

Dieser Ansatz ist aus einer materialistischen Weltauffassung heraus kritikwürdig und irreführend. Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaftsverhältnisse sind keine Ideen einzelner Leute, sondern Handlungen gesellschaftlicher Praxis. Wir beuten Tiere nicht aus, weil wir moralisch falsch denken und Tiere für niedriger halten, sondern dieses Denken entspringt der ökonomischen Basis auf welcher die Gesellschaft aufbaut. Speziesismus beschreibt somit das materielle Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren und die daraus resultierende Ideologie, mit der es legitimiert wird.

Die theoretische Grundlage, dass das Bewusstsein durch das gesellschaftliche Sein – und nicht umgekehrt – bestimmt wird, liefert uns einer der „Gründungsväter“ des historischen Materialismus. Friedrich Engels schreibt dazu im Anti-Dühring:

„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, S.248/249)

Engels Darlegung betrifft gegenwärtig die inhumane kapitalistische Industriegesellschaft, welche es im Zuge einer sozialen Revolution zu transformieren gilt. In unserer Geschichte einer missglückten Zivilisation spielen Tiere aber genauso eine grosse Rolle wie ihre Schlachter, die Menschen. Max Horkheimer zeigt dies anhand seines Aphorismus Der Wolkenkratzer. Darin beschreibt er den kapitalistischen Gesellschaftsbau, wo ganz oben die Grosskapitalisten und ihre politischen Handlanger die schöne Aussicht auf den Sternenhimmel geniessen, gefolgt von Militärs, der Bildungselite und den Bürochefs, weiter unten die Bauern und Handwerker, das Proletariat, die Armen, Kranken und Alten. Doch, so Horkheimer, „darunter beginnt erst das eigentliche Fundament des Elends, auf dem sich dieser Bau erhebt. […] Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis (=Tagelöhner) der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiss, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.“ (Horkheimer, S. 379 f)

Es ist wohl kein Zufall, dass sich die brutale Ausbeutung und die Gewalt an Tieren in Horkheimers metaphorischem Beschrieb im düsteren Keller abspielen. Ganz nach Brechts „Die im Dunklen sieht man nicht“ (Dreigroschenoper). So ist man auch in der momentanen gesellschaftlichen Formation bestrebt, dieses produzierte Leid und diese Gräueltaten wann und wo auch immer zu verstecken, zu verschleiern oder schönzureden, was sich schlussendlich in einer klassischen Ideologie, also in einem notwendig falschen Bewusstsein, ausdrückt. Horkheimer bricht damit, indem er die Tiere quasi als (untersten) Teil der Klassenverhältnisse sieht und er sie dabei neben den Menschen mit zu den befreienden Subjekten zählt. Horkheimers empathische Begegnung mit den Tieren, ihre (An)erkennung als unterdrückte Wesen, ist von historischer und soziologischer Bedeutung. Als Marxist begreift er, dass Tiere innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses bloss Ware, Arbeitsgegenstand oder Produktionsmittel sind und somit als geknechtete und ausgebeutete Wesen, wie die arbeitenden Menschen und die Erde, durch ihre Untergrabung, die Springquelle alles Reichtums sind (MEW 23, S. 530). Den Tieren, mit ihrem „Trieb zur Flucht, die [ihnen] abgeschnitten ist“ (DdA, S. 262), ist es jedoch nicht möglich, das „Licht der Vernunft“ (Ebd.) zu erblicken und sich dem Klassenkampf anzuschliessen. Im Kampf um unsere Befreiung sind Tiere daher auf die menschliche Solidarität im Kampf um ihre Befreiung angewiesen.

Solidarität mit dem quälbaren Körper
Der Mensch als Tier stellt sich als Nicht-Tier vor. Diesen Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt gilt es aufzulösen. Der Mensch, der sich zur Naturbeherrschung von der Natur los löst, muss dafür seine innere Natur beherrschen. Die Selbstzähmung ist Bedingung für Zivilisation und „Zivilisation ist der Sieg der Gesellschaft über die Natur, der alles in blosse Natur verwandelt“. (DdA, S. 195) Dies schliesst auch die Herrschaft über die Tiere und damit ihre moderne Zurichtung zur reinen Ware mit ein. „Jedes Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äusseren Natur, der menschlichen und der nichtmenschlichen, teilzunehmen, sondern muss, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen.“ (KiV, S. 110f) Dies bedeutet vor allem auch, die Fähigkeit, das Leiden anderer nachzuempfinden, zu unterdrücken um sich in „patriarchal zweckvoller Härte“ (DdA, S. 83) innerhalb der Leistungsgesellschaft behaupten zu können.

Das Leiden ist Resultat einer Gesellschaft, in der die Menschen sich selber aushöhlen. Im Leiden ist aber auch der Wille angelegt, Leiden in sein Gegenteil – das Glück –zu kehren. Es ist daher ein Impuls der Befreiung, auf welchen Menschen unter den kapitalistischen Lebensbedingungen reagieren.

Die Herrschaft über den Menschen und über die Tiere drückt sich in der Leiderfahrung, im „quälbaren Körper“ (Adorno, nach Brecht, S. 279), aus. Im Leiden sind Menschen und Tiere vereint aber durch unsere geistige Spaltung auch getrennt. Für Rosa Luxemburg, die in ihrem Nachlass immer wieder mitfühlend auf die Tiere einging, ist die gemeinsame Leiderfahrung ein zentrales Moment ihrer Politik. Sie weiss in einer Rede vor Arbeitern 1918 visionierend zu Formulieren:

„Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit, dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“

Dahinter verweist Rosa Luxemburg darauf, dass Menschen einander abschlachten, als wären sie Tiere, und zugleich die Tiere gnadenlos knechten, sie verfolgen, töten und verwerten, bis die industrielle Menschen- und Tiervernichtung schliesslich zur kultur-barbarischen Perfektion getrieben wird. Die postulierte Herrschaft des Menschen über die Natur, entspringt demselben Streben, sich zu Lasten anderer Individuen zu behaupten. Der Kampf ums blosse Überleben, wie ihn Thomas Hobbes vertrat, als Krieg alle gegen alle, tobt nach wie vor. Nicht nur als Menschen gegen die Tiere, sondern, und so die Logik der neoliberalen Lebenswirklichkeiten, auch zwischen Menschen und Menschen. Diese Feindseeligkeiten machen Solidarität immer mehr zu einem Fremdwort bzw. zu einer nicht gelebten Wirklichkeit. Im Zuge des technologischen Superkapitalismus, in welchem die Eindimensionalität des Lebens und die gegenseitige Befremdung und Fremdmachung sich mit einem Ausnahmezustand konfrontiert sieht, als permanente repressive Struktur, steht es um die Befreiung der Tiere genau so schlecht, ja um Längen schlechter, wie um die Befreiung des Menschen. Dies jedoch als Ausrede hinzunehmen, sich nicht für eine gesellschaftliche Befreiung der Tiere einzusetzen, zeugt von dem Problem, Tieren anzutun, was man selbst nicht erleiden will, welches allgemein bevorzugt wird, diese erst gar nicht als Lebewesen (an)erkennen zu müssen/wollen.

Rosa Luxemburg zu entgegnen, die Revolution habe eben ihren Preis und der Mensch müsse schliesslich essen, hiesse nichts weniger, als die fundamentale Weigerung, Leiden in welcher Form auch immer zu akzeptieren, preiszugeben. Als Revolutionärin lässt Rosa Luxemburg jedoch keinen Zweifel daran, dass die Welt umgestürzt werden müsse. Eben deswegen verzichtet sie nicht darauf, auch jene selbstauferlegten Fesseln im Denken und Handeln in Frage zu stellen, die das Unabänderliche behaupten.

Unabänderliches ändern
Die Praxis, auf welche die Tierbefreiungsbewegung zurückgreift, um auf eine freie und mit Mensch, Tier und Natur versöhnte Gesellschaft hin zu steuern ist vielseitig. Sie beruht im wesentliche auf dem Bedürfnis, „Leiden“, als Bedingung aller Wahrheit, „beredt werden zu lassen“. „Denn Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet; was es als sein Subjektivstes erfährt, sein Ausdruck, ist objektiv vermittelt.“ (Adorno, S. 27)

Aktionen, welche Tiere aus ihrem anonymen Waren-Dasein herausholen, gehen von Sabotage an Tierausbeutungsbetrieben, der aktiven Befreiung tierlicher Individuen aus „ihren“ Ketten, Käfigen und Versuchslaboren, über Demonstrationen vor Zirkussen oder Pharmakonzernen (Tierversuche) bis hin zur klassischen Aufklärungsarbeit an Vorträgen oder Infoständen in einer Stadt. Eine mit Tieren solidarischen Lebensweise, der Veganismus, gehört als individuelle Veränderung des Verhaltens gegenüber den Tieren und der Natur dazu. Im Vordergrund steht dabei die Überlegung, dass in dem Moment, wo man sich ein Teil eines tierischen Körperteils einverleibt, man Akteur eines Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisses ist und die Ausbeutung der Tiere, welche brutaler kaum sein kann, materialisiert wird.

„Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen. Denn totaler, direkter und gewalttätiger kann Herrschaft nicht ausgeübt werden als durch den Prozess vollständiger Entindividualisierung und Verdinglichung, Zerstückelung und schliesslicher Einverleibung der Herrschaftsobjekte.“ (Witt-Stahl, S. 11)

Trotzdem gilt hier, dass es, in Anlehnung an Adorno, kein richtiges (veganes) Leben in einem falschen Leben geben kann. Wollen wir die apokalyptischen Zustände, welche die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur mit sich bringen, auf dem Scheiterhaufen der Geschichte sehen, muss der Fokus auf die gerichtet werden, welche die Verfügungsgewalt über die Produktion und somit die Verantwortung für den täglich organisierten Mord haben. Die praktische Veränderung der Einzelnen in der Gegenwart, in der sowohl Vergangenheit als auch Zukunft als Dimensionen enthalten sind, ist jedoch eine Voraussetzung, in welcher der Trieb nach Freiheit von Leid, in beschützender Sorge für alles Lebendige und Empfindungsfähige, seine Erfüllung findet. „Der Mensch ist Mensch nicht dann, wenn er passiv und geduldig erwartet, was die Zeit unvermeidlich mit sich bringt, sondern dann, wenn er wirkt und kämpft, um sein wirklich menschliches individuelles und gesellschaftliches Sein zu realisieren.“ (Gajo Petrović)

Quellen:
Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1966
DdA: Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2009
Horkheimer, Max: Dämmerung. Notizen in Deutschland (1931/1934), in: GS, Band 2, Frankfurt 1987
KiV: Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2007
MEW: Marx-Engels Werke, Dietz Verlag, Berlin
Petrović Gajo : Praxis und Sein, 1965, http://www.praxisphilosophie.de/petroprx.pdf
Witt-Stahl, Susanne (Hrsg), Editorial in: Das Steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2007

Kinder, Kinder…

Im Mai 2011 prangte eine Schlagzeile auf den ersten Seiten der Tageszeitungen: „Drei Buben töteten Büsi in einem Tumbler“. Dabei hatten drei Jungs im Alter von sechs, sieben und acht Jahren ihr Büsi Sweety getumblert – Es hatte keine Chance. Die Buben konnten, da sie noch keine zehn Jahre alt waren, nicht strafrechtlich belangt werden. Doch der Ermittlungszirkus ging trotzdem los: Die Behörden prüften, ob die Eltern die Aufsichtspflicht verletzt haben und deshalb bestraft werden können, die genaue Intuition der Kinder wurde untersucht und eine Kinderpsychologin schaltete sich ein. Diese erklärte, die Tat sei möglicherweise ein Hilferuf und könnte ein Hinweis auf eine Traumaerfahrung der Buben sein. Und aufgepasst: Tierquälerei sei ein sogenannter Risikofaktor für ein eventuell späteres kriminelles Verhalten.

Dass sich die Presse auf solche Ereignisse stürzt, das ist nicht verwunderlich. Es macht sich auch einfach gut als Headliner, diese Büsi-Tumbler-Geschichte. Es schockiert, es rüttelt auf: Eltern, schützt eure Büsis! Doch ist dies wirklich schockierend? Kinder, die Büsis tumblern? Natürlich kann man sich die Haare raufen ab der heuchlerischen Empörung der KlatschpressenschreiberInnen, die sich zum Zmittag ein Stück Fleisch für 3 Franken 90 auf den Teller hauen und vorher noch etwas das Büsi bemitleiden, doch das wirklich Tragische liegt ganz woanders. Es wird impliziert, dass für Kinder die genau gleichen Verhaltensmuster und Regeln der „Erwachsenenwelt“ gelten, dass ein Kinderhirn schon gleich zu funktionieren hat, wie das eines Erwachsenen. Dieser eingeschränkte Blick aus Erwachsenenperspektive ist fatal. Natürlich soll einem Kind beigebracht werden, dass es eine Katze nicht tumblern soll, aber im Grunde genommen es ist einfach ein Kind, das noch seine eigene Logik, seine eigenen Referenzpunkte hat.

Das Kind gerät also in die Pädagogisierungsmaschiene und das nicht nur bei Extremfällen wie getumblerten Büsis. Es gibt Sonderschulen, Sonderklassen, Abklärungen im Vorschulalter und die Schulpsychologin, die die Klassen betreut. Mein Kindergartenkollege von damals fiel der in regelmässigen Abständen den Unterricht besuchenden Psychologin auf, weil er öfters den Mund offen hielt und nicht so aktiv beim Turmbauen mitmachte. Abklärungen wurden getroffen, Elterngespräche geführt, Sitzungen einberufen, bis man herausfand, dass er vor kurzem einen Onkel verloren hatte, den er sehr gern gehabt hatte. Dass die Ursache dieses Verhaltens eine einfache Reaktion auf die Umwelt des Kindes sein konnte, kam niemandem in den Sinn.

Schon dort setzt also die Pädagogisierungsmaschine an. Probleme, die völlig normal und natürlich für einen heranwachsenden Menschen sind, werden pathologisiert, mit einem wissenschaftlichen Namen versehen und in einen Massnahmekatalog eingefügt. Aus diesem wird rege geschöpft, man will ja dem Kind eine optimale Entwicklungsgrundlage geben, Mankos oder Schwächen können da hinderlich sein. Es scheint dabei in Vergessenheit zu geraten, dass es nur von wacher Gesundheit zeugt, wenn ein Kind auf seine Umwelt reagiert. Je nach Ansprüchen oder Bedürfnissen fällt dies dann mehr oder weniger heftig aus.
Das Mädchen spielt lieber mit Autos als mit Puppen? Ohoh, vielleicht eine Identitätsstörung? Der Fabian hat den Max geschlagen, weil der ihm sein Spielzeug wegnahm? Erste Anzeichen für eine kriminelle Laufbahn?

Komischerweise scheint schon ganz früh festgelegt zu sein, wie denn der kleine Mensch werden soll, wenn er denn gross ist. Er soll leistungsfähig, angepasst und smart sein, möglichst viel Geld in die Schweizer Wirtschaft fliessen lassen und sich am besten noch mit 1.4 Kindern fortpflanzen. Die Kinder sind unsere Zukunft, da will man natürlich nichts riskieren. Dass in Zeiten der hochgelobten Individualisierung versucht wird, jegliches Individuelle auszumerzen, scheint zwar absurd aber ist nichts Neues. Was ausufert wird weggeschnitten, da und dort wird gestutzt, bis es lauter unproblematische, gehorsame und eingepasste Stereotypen gibt. Mutter und Vater wollen ja auch das Beste für ihr Kind, es soll die später die optimalen Chancen haben, die besten Voraussetzungen, es ganz weit nach oben in der Karriereleiter zu schaffen.. Die Pädagogisierungsmaschinerie merzt weiter aus, bis sich ihr der Jugendliche als erwachsener Mensch wenigstens halbwegs entziehen kann.

Aber nur halbwegs. Ist das Kind erst in eine Ausbildung aus dem obligatorischen Schulunterricht entlassen, ist die Erwartungshaltung diese, dass sich das Kind möglichst schnell in einen kleinen Erwachsenen verwandeln soll. Leistet der Jugendliche dem keine Folge, droht der Rauswurf, da er sich nicht richtig integrieren will und keine Professionalität zeigt. Tut er es doch, wird der als Erwachsener verkleidete Jugendliche zwar als Teil der Mannschaft akzeptiert, aber wirklich Verantwortung oder Möglichkeiten zur Eigeninitiative werden nicht gestattet – Er ist halt doch noch etwas jung und unerfahren.

Dass Jugendliche keine Möglichkeiten haben, sich beispielsweise in Zürich zu betätigen, ist natürlich übertrieben. Es gibt ja zig Jugendhäuser, ein Riesenangebot der Stadt, von betreuten Werkstätten bis zum Midnight-Basketball. Dass dieses Angebot aber doch nicht so rege genutzt wird, liegt möglicherweise daran, dass all diese Angebote liebevoll pädagogisch begleitet sind. Die Stadt stellt eine Auswahl an Möglichkeiten, der Jugendliche nutzt diese, konsumiert. Nur wird ein Jugendlicher im pädagogisch durchstrukturierten Streichelzoo nie selbst die Grenzen und Möglichkeiten erfahren, die durch Gesellschaft und Staat gestellt werden. Nicht nur, dass nicht gelernt werden kann, was es alles für die Realisierung eines Projektes braucht, es wird so auch verunmöglicht, eigene Ideen zu verwirklichen. Persönliche Erfolge, etwas grösseres im öffentlichen Rahmen geleistet zu haben, bleiben somit aus. Es findet sich keinen Raum für jugendliches Ausprobieren, Austesten und Pröbeln, dieser wurde rigoros weggekürzt.

Es erstaunt kaum, dass bald das Bedürfnis besteht, sich sein Individuellsein wieder zurück zu holen. Wenn nötig mit Gewalt, mit Herausbrechen, mit Blöd-Tun. Und ehrlich gesagt machen mir die Gerüchte um die Frau, welche ihren Pudel in der Mikrowelle trocknen wollte, viel mehr Sorgen als tierquälende Kinder. Kinder sind grausam, Erwachsene noch viel schlimmer. Nur gelten da andere Massstäbe.

widerrede #3 draussen und online!

titelblatt widerrede3
Es gibt was zu feiern! Vor so ziemlich genau einem Jahr erblickte die erste Ausgabe der widerrede das Licht der Welt und mittlerweile sind es deren drei. Trotz unzähliger Übernahmeangebote von Seiten etablierter Boulevardblätter bestehen wir in gewohnter Weise weiter und schreiben an gegen das, was schon zu lange untragbar ist.

Feiern? Wohl eher nicht. Das, was uns als Normalität verkauft wird, zeigt in diesen Tagen unverfroren seine Absurdität. Krieg hier, Atomkatastrophe dort, eine Wirtschaftskrise, die trotz gegenteiliger Beschwörungen durch die Apologeten des Kapitals einfach kein Ende nehmen will und eine ganze Reihe von Staaten, die den quasi Bankrott auf die Bevölkerung abschieben. Es gibt also doch weniger zu feiern, als viel mehr Dinge zu tun, zu verändern. In dieser Ausgabe wenden wir uns einerseits in verschiedenen Artikeln dem Thema Rassismus zu, aber auch der Ökologie und vielen weiteren Aspekten des täglichen Lebens, von der Buchempfehlung bis zur Sexualität. Wie immer spiegeln die darin geäusserten Aussagen die jeweilig subjektive Position der AutorInnen und folgen damit keiner Leitidee.

Für Kommentare, Anregungen, Texte oder wenn du dich in irgendeiner Form beteiligen willst, schreib uns.
Viel Spass beim Lesen!

Ausgabe April 2011, Inhaltsverzeichnis

Was lief?

Rassismus – Eine Einführung

Rassenwahn im Oberland

Kein Mensch ist illegal!

Keine Begegnung unter Freunden

Uneigener Wahn - Eine Kurzgeschichte

Wie die Kleister-Terroristen vorgehen

Sex und Rollenspiele – Meinungen von Frauen

Humor und Rassismus

Interview Lehrstellensuche

Was haben wir jetzt davon?

Es tobt ein Krieg

Sichere Atomkraft?

Das Klima und Wir

Was lief?

… am 28. November?
Am Abend nach der Annahme der Ausschaffungsinitiative versammeln sich mehrere tausend betroffene bis wütende Menschen auf dem Helvetiaplatz in Zürich zu einer Demonstration. Sie ziehen durch die Langstrasse über den Löwenplatz zum Hauptbahnhof und von dort übers Limmatquai zum Bellevue. Mehrmals versperren Bullen die Strasse und mehrmals werden sie entschlossen zurückgedrängt. So wird die Stimmung immer besser, Feuerwerk wird gezündet und Parolen werden gerufen. In der Innenstadt erleiden dann mehrere Banken, Luxusgeschäfte und staatliche Gebäude Glasbruch und/oder eine Fassadenverschönerung. Auch das Zunfthaus zur Zimmerläuten und die NZZ werden mit Steinen gegrüsst. Auf dem Weg vom Bellevue zurück zum Central wird schliesslich auch die Polizei, welche sich abermals in den Weg stellt, mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern angegriffen. Tränengas, Gummischrot und ein Wasserwerfer zerstreuen an diesem Punkt den vorderen Teil der Demonstration. Die grosse Menge läuft über den Paradeplatz zurück zum Helvetiaplatz. Auch in anderen Städten kommt es an diesem Abend zu spontanen Demonstrationen und direkten Aktionen.

… um die ASZ?

In den Tagen um das Abstimmungswochenende lungern mehrmals immer die gleichen drei Bullen vor der Autonomen Schule Zürich (ASZ) rum und kontrollieren vor und nach den Deutschkursen Menschen, hinter denen sie keine Papiere vermuten und verhaften einzelne. So kommt es zweimal zu spontanen Knastspaziergängen (einer davon einen Tag nach der Abstimmungsdemo mit immenser Polizeibegleitung). Die Situation rund um die ASZ bleibt angespannt, immer wieder versucht die Polizei Sans-Papiers mit Präsenz, Kontrollen und Verhaftungen einzuschüchtern und vom Besuch der Schule abzuhalten.

… am 18. Dezember?
Ein Grossaufgebot der Polizei verhindert eine angekündigte Demonstration gegen Ausschaffungen in Zürich Oerlikon. Mehrere Personen werden verhaftet und erhalten eine Wegweisung, einer werden dabei mehrere Zähne ausgeschlagen.

… am 21. Januar?
100-150 Menschen versammeln sich beim Strassenverkehrsamt in Zürich mit dem Ziel, die alljährliche Albisgüetlitagung der SVP zu stören. Diese wird von viel Polizei geschützt. Als schliesslich Musik aus einem Lautsprecherwagen ertönt, wird die Menge mit Tränengas, Pfefferspray und vereinzelt Gummischrot mehrere hundert Meter die Strasse hinuntergetrieben. Dort werden Barrikaden errichtet und in Brand gesetzt. SVP-Nationalrat Hans Fehr aka „eine Ohrfeige nützt manchmal mehr als fünf Psychologen“ verirrt sich in die Demonstration, wird erkannt und bekommt ein paar Schrammen ab. Danach phantasieren Medien und PolitikerInnen aller Couleur wochenlang über linksextreme Terroristen, bürgerkriegsähnliche Zustände auf Schweizer Strassen und friedfertige, unschuldige SVPler.

… gegen das WEF?
Wie jedes Jahr Ende Januar fand auch 2011 das traditionelle Bonzentreffen in Davos statt. Und wie jedes Jahr regte sich Widerstand dagegen. Die ganze Woche vom 22. bis zum 29. Januar gab es mehrere Demonstrationen (in St. Gallen, Basel und Bern) und direkte Aktionen (u.a. detonierte ein zu einem Sprengsatz emporstilisierten Feuerwerkskörper in einem der Luxushotels, in dem die WEF-TeilnehmerInnen untergebracht waren.) Am 29. Januar demonstrieren in Davos schliesslich etwa 120 Menschen, inmitten von Stacheldraht und Zäunen, bewacht von mehreren hundert PolizistInnen aus der ganzen Schweiz, 4000 Soldaten, Scharfschützen und einem Hubschrauber. Trotzdem versucht ein Grossteil der DemonstrantInnen mehrmals, unter Einsatz von Schneebällen in die „rote Zone“ zu gelangen, was tapfere StaatsdienerInnen allerdings zu verhindern wissen. Als am Schluss der Demo ein wenig an einem Zaun vor einem der Luxushotels gerüttelt wird, sieht sich die Polizei schliesslich gezwungen, trotz Minustemperaturen einen Wasserschlauch einzusetzen. So gesellen sich zu den Schneebällen auch ein paar Eisbrocken, Flaschen und Steine, worauf die Leute mit Wasser, Gummischrot und Tränengas über den ganzen Bahnhofplatz getrieben werden. Viele steigen in den ankommenden Zug ein. Dieser wird in Fideris von der Polizei angehalten. Bullen der Zürcher Spezialeinheit durchsuchen ihn vermummt, gepanzert und behelmt nach Terroristen ähm, DemoteilnehmerInnen, wobei sie äusserst grosszügig vorgehen und dementsprechend über 50 Menschen abführen, darunter auch ein britischer Journalist. Diese werden auf freiem Feld zusammengetrieben, etwa zwei Stunden festgehalten, nach Landquart gebracht und nach bis zu drei Stunden freigelassen bzw. gezwungen in den Zug zu steigen. Der Polizeikommandant muss seine Hunde danach doch noch auf die Pressefreiheit hinweisen, denn der Journalist wurde offenbar aufgefordert die Fotos und Notizen vom Polizeieinsatz zu löschen. Und es soll Leute geben, die sowas Demokratie nennen…

… am 26. Februar?

Ein Grossaufgebot von Bullen verhindert ein öffentliches Tanzvergnügen, eine Strassenparty auf dem Helvetiaplatz in Zürich, welche im Rahmen der Kampagne zum Frauenkampftag hätte stattfinden sollen. Dies ist umso verwunderlicher, als das solche Veranstaltungen regelmässig, in aller Öffentlichkeit angekündigt, stattfinden und es dabei nie unmittelbar zu irgendwelchen, für Staat und Kapital unerfreulichen, Handlungen kam. Alleine, dass Leute es wagen, sich ungefragt ein Stück öffentlicher Raum zurückzunehmen, scheint für die Polizei unerfreulich genug zu sein.

… am 12. März?
Zum hundertjährigen Jubiläum des Frauenkampftages am 8. März demonstrieren am 12. März rund 400 Frauen gegen die Gewalt an Frauen, für eine Kollektivierung der Hausarbeit, gegen Sexismus, gegen die Illegalisierung von Migrantinnen, für mehr Lohn und mehr Freizeit und vieles mehr, wie immer ohne vorher bei der Polizei um Erlaubnis zu fragen.

… gegen die AKW’s?

Im Zusammenhang mit der AKW-Katastrophe in Japan besammeln sich am Freitagabend, dem 18. März spontan rund 120 Personen beim Helvetiaplatz in Zürich um gegen Atomkraft und Kapitalismus zu demonstrieren. Auf dem Weg durch die Langstrasse, vorbei am AXPO-Gebäude zum Hauptbahnhof wächst die Menge auf etwa 500 Menschen an. Weiter geht’s zum Limmatquai. Dort versperren einige PolizistInnen den Weg zum Rathaus und schicken die Leute Richtung Bahnhofstrasse, was zu etwas Konfusion führt. Als der vordere Teil der Demonstration die Uraniabrücke überquert, zieht die Polizei ab. Kurzentschlossen drehen die Leute um und gelangen so doch noch wie gewünscht zum Rathaus. Von dort aus geht’s über den Paradeplatz zurück zum Helvetiaplatz.

… anderswo?
In vielen Ländern Nordafrikas und auch in Bahrain und im Iran wehren sich Millionen Menschen gegen die herrschenden Verhältnisse. Die westlichen PolitikerInnen heucheln zögerlich Freude darüber vor, dass die Menschen auf die Strasse gehen gegen diese bösen, menschenrechtsverachtenden und korrupten Diktatoren, mit denen sie jahrzehntelang gute Geschäfte gemacht haben. Mittlerweile erreichen uns auch aus China, Griechenland und den USA Nachrichten über diverse Aufstände und Unruhen. Im Dezember revoltierten in Grossbritannien und Italien zehntausende StudentInnen gegen geplante Reformen der Regierung. In Dresden gelingt es am 19. Februar über 20′000 Menschen den grössten Naziaufmarsch Europas, der von tausenden Polizisten durchgeprügelt werden sollte, weitgehend zu verhindern. Den ganzen Tag über kommt in der ganzen Stadt zu Blockaden, Demonstrationen und militanten Auseinandersetzungen zwischen AntifaschistInnen und der Polizei, die im Laufe des Tages den Notstand ausrief (was heisst, dass sie die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat und somit alle öffentlichen Veranstaltungen verbieten kann.) Es wird also immer schwieriger, eine Grenze zwischen „denen“ und „uns“ zu ziehen und sich aus der Verantwortung zu stehlen.

… im Zürcher Oberland?
Uns erreichten keine Nachrichten über nennenswerte Vorkommnisse oder spektakuläre Aktionen. Einzig am Abend des 26. Novembers verteilten einige Leute Flyer anlässlich des „Night-Shoppings“ (d.h. Jogurt kaufen bis 23 Uhr) und sprachen sich damit gegen verlängerte Ladenöffnungszeiten und kapitalistische „Aufwertungsmassnahmen“ in Wetzikon aus. Jedoch sahen bzw. hörten wir von diversen Hinweisen auf (Nacht-)Aktivität in den umliegenden Käffern. Besonders Wahlplakate (aller Parteien) scheinen ein beliebtes Ziel von Zerstörung, Spraydosen und phantasievollen Veränderungen zu sein. Und da diese ja noch lange unsere Umgebung verschandeln werden, freuen wir uns auf weitere Aktionen und versuchen sie zu dokumentieren. (Das, nach eigenen Angaben, grösste Wahlplakat der Schweiz, der sogenannte „Wahlturm“ steht übrigens in Dübendorf und wirbt für die SVP. Allerdings wurde auch der schon mindestens einmal beschädigt.) Über Mithilfe in Form von Hinweisen, Nachrichten und Informationen aller Art freuen wir uns natürlich immer. Einfach ein Mail an widerrede@gmx.ch.

Ansonsten treffen sich einige revolutionär gesinnte und andere Menschen jeweils am 2. Dienstag im Monat, wenn in der KultiBeiz das andere Kino einen guten Film zeigt oder im „Saftladen“, der lokalen Solibar, welche auch ab und zu selbenorts zu Musik und Trank einlädt. (Infos dazu auf www.akzo.ch.vu)

Wir vernahmen ausserdem, dass dieses Jahr am 1. Mai in Wetzikon erneut zur fast schon legendären KAFFeeÄktschn, dem Treff- und Sammelpunkt für alle HinterländerInnen, aufgerufen wird. Auf die Gesellschaft der Zivibullen, die letztes Jahr da herumlungerten, wird aber gerne verzichtet. Weitere Infos rund um den 1. Mai findest du auf Seite… und auf www.akzo.ch.vu.

Ebenfalls ist uns zu Ohren gekommen, dass am 21. Mai ein Antirassismus-Festival in der Kulti Wetzikon stattfinden soll. Geplant sind Workshops, Vorträge, Filme, Theater, Konzerte und vieles mehr. Genaueres kann mensch auf www.antirafestival.ch.vu in Erfahrung bringen.

Rassismus – Eine Einführung

Um die aktuelle rassistische Hetze beantworten zu können, müssen wir auch wissen, was Rassismus ist, woher er kommt, wie er funktioniert und wer davon profitiert. Dieser Text soll ein paar grundlegende Fragen im Bezug auf Rassismus ansprechen. Das Thema ist komplex und es gibt sehr viele verschiedene Vorstellungen und Analysen darüber. Die Antworten, die hier vorgestellt werden, sollten demnach nicht als abschliessend betrachtet werden. Viel mehr soll damit eine Grundlage angeboten werden, um sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Was ist Rassismus?
Rassismus ist die Auffassung, dass Menschen aufgrund biologischer Merkmale in verschiedene Gruppen eingeteilt werden können. Diese Gruppen werden „Rassen“ genannt. Den Mitglieder einer „Rasse“ werden gewisse Eigenschaften zugewiesen, zum Beispiel Faulheit oder Dummheit. Dabei wird behauptet, dass die Mitglieder diese Eigenschaften von Geburt aus besitzen und diese nicht (oder kaum) veränderbar sind.

Indem diese Gruppen konstruiert und ihren Mitglieder Eigenschaften angedichtet werden, wird es möglich, diese einer Wertung zu unterziehen, also zu sagen, eine Gruppe oder Rasse sei gut und eine andere eben schlecht. So lässt sich eine Gemeinschaft heraufbeschwören, die aufgrund ihrer vermeintlichen biologischen Überlegenheit besser sei als eine andere. Dies geschah zum Beispiel bei Nationen, wobei dann die eigene Nationalität besser bewertet wird als eine andere.

Heutzutage gründet sich das Konstrukt1 einer Nation selten auf „Rasse“, womit ein Wandel in der Ideologie des Rassismus ersichtlich wird. Denn heute werden diese Gemeinschaften selten über eine „Rasse“ konstruiert, sondern oft über die Vorstellung von „Kultur“. Da ist dann die Rede von Schweizerischer Kultur, afrikanischer Kultur, dass diese nicht zusammenpassen und sich nicht vermischen dürften. Dies ist eine neuere Form von Rassismus. Statt nach der „Rasse“ werden die Menschen nun in vermeintliche Kulturen eingeteilt. Auch hier wird Kultur als etwas statisches, unveränderliches verstanden. Das Ganze funktioniert also nach dem selben Muster. Nur die Erscheinung, die Form hat sich gewandelt.

Diese Veränderung hat mehrere Gründe: Zum einen verlor das Konzept der „Rasse“ durch die Erfahrungen mit dem Faschismus seine Legitimation. Zum anderen wurde die Vorstellung von biologischen „Rassen“ wissenschaftlich widerlegt, denn die genetischen Unterschiede innerhalb einer „Rasse“ sind grösser als die zwischen den „Rassen“. Wenn nun also gesagt wird, „Kulturen“ dürften sich nicht vermischen, zeigt sich darin nur ein neues Gesicht des Rassismus. Stets war Rassismus jedoch eine Methode um Grenzen zu ziehen, um zu bestimmen, wer zu einer Gemeinschaft gehört und wer ausgeschlossen werden soll.

Woher kommt Rassismus?
Oft wird behauptet, Rassismus sei etwas grundsätzlich Menschliches, also etwas, das es schon immer gegeben hat. In der Tat gibt es eine lange Geschichte der Diskriminierung von gewissen Menschengruppen. Und doch waren zum Beispiel die Sklaven im antiken Griechenland nicht aus rassischen Überlegungen zu „Untermenschen“ gemacht worden. Es wurde nicht behauptet, Sklaven seien biologisch minderwertig, insofern kann auch nicht von Rassismus gesprochen werden.

In ähnlicher Form, wie wir es heute kennen, wurde der Begriff „Rasse“ erstmals im Spanien der Reconquista2 mit Bezug auf die jüdische Bevölkerung verwendet. Damals wurden Rassen nach Kriterien wie Religion, Kultur oder Herkunft definiert, besassen demnach noch keine explizit biologische Dimension. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Begriff der „Rasse“ von den Naturwissenschaften aufgenommen, die versuchten ihn mit biologischen Annahmen zu verknüpfen. So wurde versucht, die Ungleichheiten unter den Menschen – beispielsweise arm und reich – durch biologische Unterschiede zu erklären, respektive zu rechtfertigen. Hiermit wurde verschleiert, dass diese Ungleichheiten das Ergebnis einer auf Ungleichheit basierenden Gesellschaftsform waren.

Das Rassenkonzept wurde im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert. Was jedoch gleich bleibt, ist, dass „Rasse“ stets eine Frage der Definition ist. Da sich die vermeintliche naturwissenschaftliche Grundlage als falsch erwies, wird um so deutlicher, dass es sich beim Rassenkonzept um eine Konstruktion handelt. „Rasse“ wurde gewissermassen erfunden und weil das Konzept immer wieder neu definiert werden konnte, wurde es stets von neuem aufgegriffen und erwies sich so als überaus folgenreich.

Besondere Bedeutung erhielt das rassistische Konstrukt von „minderwertigen Menschengruppen“ in der Zeit des Kolonialismus3. Zu dieser Zeit breiteten sich die Ideen des Liberalismus zur herrschenden Ideologie aus. Liberalismus betonte Werte wie Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Die imperialistischen Kolonialmächte benötigten Arbeitskräfte, die ungleich und unfrei waren und alles andere als brüderlich behandelt wurden. Rassismus als Ideologie schaffte hier den Spagat zwischen Liberalismus und den Anforderungen der Kolonialmächte. So wurde eine Unterklasse von Menschen konstruiert, die genau zu den erwünschten Bedingungen ausgebeutet werden konnte. Auch wenn die Sklaverei nicht mehr (in dieser Form) existiert, ist der Rassismus damit nicht verschwunden.

Im Gegenteil: Die moderne, kapitalistische Gesellschaft wird als Leistungsgesellschaft verstanden. Hierdurch ist sie jedoch weit unstabiler als die feudale Ordnung4, in der soziale Ungleichheit durch den Willen Gottes legitimiert werden konnte. Privilegien aus Leistung heraus bieten mehr Konfliktpotential, weil die Gesellschaft als ungerecht erlebt wird angesichts der Unterbewertung der eigenen Leistung. An diesem Punkt kommt die Ideologie des Rassismus ins Spiel. Sie dient als Legitimation für die sozialen Ungleichheiten, die nicht durch unterschiedliche Leistung erklärt werden können. Im selben Zug wird die Ausbeutung der Arbeitskräfte stabiler und lukrativer: Durch die Spaltung der Arbeitenden, wird verhindert, dass diese ihre gemeinsamen Interessen erkennen und Widerstand leisten und es wird möglich einen Teil der Arbeitenden zu noch schlechteren Bedingungen arbeiten zu lassen, was wiederum höhere Profite erlaubt. Daher ist die kapitalistische Produktionsweise5 angewiesen und tief verwurzelt mit der Ideologie des Rassismus.

Wem nützt Rassismus?
Rassismus als Ideologie bietet sich an, um eine Gemeinschaft zu begründen und künstlich zusammen zu halten. Wenn zum Beispiel in einem Staat Konflikte zwischen Armen und Reichen bestehen oder wenn die Menschen kaum noch einen Sinn in ihrer täglichen Lohnarbeit sehen, dann wird Rassismus zu einem wichtigen Herrschaftsinstrument. Die Herrschenden können dieses Instrument gezielt einsetzen, um die Beherrschten gegeneinander aufzuhetzen und sie können die sozialen Ungleichheiten durch vermeintliche Naturgegebenheiten rechtfertigen.

Rassistische Konstrukte wie Nation gewähren selbst denen eine Identität, die aus der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen oder von Ausschluss bedroht sind. Rassismus kittet zusammen, was sonst kaum gemeinsame Interesse verbindet: AusbeuterInnen und Ausgebeutete, Herrschende und Beherrschte. Allgemein hat die Ideologie des Rassismus eine stabilisierende Wirkung auf den Kapitalismus. Gesellschaftliche Verhältnisse erscheinen als naturgegeben und damit unveränderbar, wobei sie in Tat und Wahrheit ein Produkt der Gesellschaft, des geschichtlichen Prozesses sind.

Rassenwahn im Oberland

Die feste Zuversicht, das Gedankengut des Dritten Reiches sei historisch überwunden, trügt. Weit häufiger als erwartet, schlummern in den Menschen um uns Ideen, welche rassistisch, nationalistisch und faschistisch sind. Manchmal kennt man sie, vermutet sie, denunziert sie auch. Doch man ahnt sie nicht als Bestandteil eines hochgelobten „demokratischen“ Systems. So beispielsweise Jean-Jacques Hegg aus Dübendorf.

Jean-Jacques Hegg wurde 1930 in Basel geboren, wo er die Matur machte. Heute betreibt er als Facharzt für Psychiatrie eine Praxis in Dübendorf, seinem aktuellen Wohnort, nebenbei war und ist Hegg Journalist und auch Politiker. Er wurde kurz nach deren Gründung 1961 Mitglied der Partei Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat. Die NA war eine zahlenmässig kleine Partei, doch hatte sie mit ihrem rechtsextremen Gedankengut Erfolg. Sie ist übrigens die Vorgängerpartei der Schweizer Demokraten, kurz SD. Wie der Parteiname vermuten lässt, lag der politische Schwerpunkt der NA im Kampf gegen die „Überfremdung“. Laut NA liegt der „Überfremdung“ eine zweifache Enteignung der Schweiz zu Grunde: Einerseits die Enteignung von Grund und Boden durch „Nichtschweizer“, denn dadurch bestehe die Gefahr, die Schweizer „Eigenart“, der „Volkscharakter“ gehe verloren. Andererseits erfolge eine Enteignung der Umwelt durch die „Überbevölkerung“ der Schweiz. Das heisst, dass die NA die Schweiz als Einwanderungsland und Umweltproblematiken in einen engen Zusammenhang stellte. Und genau mit dieser Verknüpfung hatte die NA Erfolg. Mit James Schwarzenbach (siehe Kasten) als „erster rechtspopulistischer Politiker der Schweiz“ wurde die fremdenfeindliche Stimmung der Schweizer Bevölkerung kanalisiert und politisch genutzt.

Heggs politische Karriere fand ihren Anfang, als er 1974 in den Gemeinderat Dübendorf gewählt wurde. Dieses Amt hatte er bis 2004 inne, allerdings mit ein paar Unterbrechungen, da er von 1983 bis 1985 als Nationalrat und von 1987 bis 1991 als Kantonsrat von Zürich tätig war. Nebenher war er von 1980 bis 1990 Chefredaktor der Volk & Heimat, der Parteizeitung der NA. Neben den politischen und (teils) wissenschaftlichen Arbeiten, die Hegg während seiner Karriere in verschiedensten Zeitungen (NZZ und Sportzeitschriften) veröffentlichte, erschienen in der Volk & Heimat nur wenige Artikel von ihm. Diese aber brachten Hegg die Rolle der Legitimationsfigur. Damit ist gemeint, dass Hegg in seinen Aufsätzen oftmals das Verhalten oder das Programm der Partei legitimierte oder schwierige Punkte, wie zum Beispiel der Vorwurf, die NA sei rechtsextrem, publik diskutierte. Das bedeutet, durch seine Rolle als Chefredaktor wurde es ihm möglich, die NA gegen Aussen politisch zu positionieren. Er hatte die Verfügung, massgeblich über den Inhalt der Zeitung zu bestimmen, auch wenn die Artikel nicht von ihm verfasst worden waren. So schrieb Hegg auch den 1989 erschienen Artikel „Eugenik – neu betrachtet“ in dem es um die historische Legitimierung der Eugenik geht.

Doch Eugenik, was ist das? Eugenik ist keine Erfindung des Nationalsozialismus. Eugenische Denkansätze gab es schon vor 1933 und natürlich auch nach 1945 in verschiedenen Ländern und Ausprägungen. Das Wort „Eugenik“ stammt aus dem Griechischen und heisst soviel wie „wohlgeboren, von edler Abkunft“. Laut dem deutschen Universalwörterbuch ist die Eugenik die Wissenschaft von der Verbesserung körperlicher und geistiger Merkmale des Menschen. Die Eugenik ist aber nicht mit der natürlichen Auslese (Selektion) nach Darwin zu verwechseln. Währendem es bei der Selektionstheorie von Darwin darum geht, dass jeweils das stärkste Lebewesen einer spezifischen Gruppe überlebt, weil es am Besten an die Umwelt angepasst ist, folgen der Eugenik als Wissenschaft politische Eingriffe. So zum Beispiel staatliche Geburtenkontrollen, Zwangssterilisationen, Heiratsverbote für „Erbkranke“ wie Epileptiker. Es wird also zur politischen Diskussion, wer sich für die Fortpflanzung eignet und wer nicht. Erschreckend dabei ist, dass viele Vertreter der Eugenik, darunter auch Jean-Jacques Hegg, davon überzeugt sind, dass sich der Mensch nicht aufgrund von äusseren Einflüssen entwickelt, sonder dass seine ganze Entwicklung genetisch bedingt ist. Laut deren Meinung ist eine suizid- oder suchtgefährdete Person nur aufgrund ihres Erbmaterials suizid- oder suchtgefährdet.

Die Eugenik stellt also ein Wertesystem dar, in welchem definiert wird, welche Menschen über „gutes“ Erbmaterial und welche Menschen über „schlechtes“ Erbmaterial verfügen. Das hiervon Rassismus und Rassentheorien nicht weit entfernt liegen, ist klar. Der weiterführende Gedanke der Eugenik ist die Euthanasie. Sie meint primär den Gnadentod oder die Sterbehilfe, wobei aber der Faschismus den Begriff stark prägte: Euthanasie wird heute in der Allgemeinheit als ideologisch bedingte „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ verstanden.

Es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass es erschreckend ist, dass eine Person wie Jean-Jacques Hegg über Jahre Politik betreibt und politische Ämter innehat, ohne dass er (wenigstens) in den öffentlichen Medien angegriffen wird. Es ist erschreckend, dass man solche Personen reden lässt und es schockiert noch mehr, wie gross die Unterstützung und Nachfrage für einen Jean-Jacques Hegg ist.

James Schwarzenbach
James Schwarzenbach war wie Jean-Jacques Hegg in der NA aktiv, und zwar als Nationalrat (1967-1979), Fraktionspräsident (1971-1974) und Parteivorsitzender. Von Beruf war er Verleger und Schriftsteller, seine Schriften galten als antisemitisch und rassistisch. Er lancierte 1969 die nach ihm benannte „Schwarzenbach-Initiative“, die eine Begrenzung des kantonalen „Ausländeranteils“ auf 10 % forderte. Die Initiative wurde mit 46% Ja-Stimmen abgelehnt. Wäre sie angenommen worden, wären etwa 300′000 Personen ausgeschafft worden.

Leserbrief im ZO
Wer denkt, Jean-Jacques Hegg habe keine Unterstützer, liegt falsch: Am 28. Februar 2011 druckte der Zürcher Oberländer ein Leserbrief von Hegg ab, in dem der ehemalige NA-Politiker eine Wahlempfehlung abgibt. Dabei legt Hegg Wert auf Parteien, die sich einerseits für das ökologische System einsetzen, andererseits für solche, die den „Ausländeranteil“ der Schweiz senken wollen. So stellt Hegg in seiner bewährten Leier Unweltprobleme und Migrationspolitik ein einen direkten Zusammenhang.